Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1880)
- Date
- 1880-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iu-enlhunis. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. I Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2»/» Bogen. Preis I Vierteljährig »Mare. Inserate werden I mit 20 Pf. für die Petitteile oder deren Raum berechnet. Alle Postämter (Postreitnngs liste , Nr. 95) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipplon in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. I In redactionellen Angelegenheiten I > wende man stch an Dr. f. pi)ilippfon in I Bonn: hinsichtlich der In,erste an R. Masse in Leipzig und dessen Filialen > I in Berlin, Breslau re.! Zasrrale, welche bis Donnrwlag eingehen, finden in der darauffolgenden Nummer ' Berücksichtigung. j Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Jahrgang. Leipzig, den 16. März 1880. JSfc. 11. Inhalt. Leitende Artikel: Ein Bekenntniß in der Judenfrage. II. — Die Streitschriften. IV. — Literarischer Wochenbericht. Altes im neuen Gewände. I. — Zeitnugsnachtrichten: Deutschland: Berlin, Bonn. Gießen. — Oesterreich-Ungarn: Pest. — Frank reich: Paris. — Schweiz: St. Gallen — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Collectanea: 2. .£n;n nitf — Antipessimistische Denksprüche.— Vermischtes: Eine Anecdote von Cremieux. — Mozart und gezwungene Judentaufen. l'ct icV CI i li 1tc Bonn, 10. Ätärz. Ein SeKeuntuiß in -er Iudenfrage. Bon Dr. Hermann Cohen, ordentlichem Professor der Philosophie an der Universität Marburg. II. Bei Gelehrten und Philosophen kommt cs gar sehr aus die Tendenz an, die sie bei ihren Untersuchungen und ihrem Philosophiren verfolgen, und zwar um so mehr, weil diese Tendenz bei ihnen entschiedener und ausgesprochener obwallet. Am meisten unterscheidet sich diese Tendenz darin, ob sic darauf ausgeht, mehr die Unterschiede der Dinge, die Differenzen der Erscheinungen auszusuchen und zu markiren, oder diese auszugleichen und den Vereinigungspunkt zu finden, von welchem aus diese Differenzen und Unterschiede verschwinden. Um ein Beispiel anzuführen: so ein Gelehrter ist im Stande, Euch den „Germanen" und den „Semiten", zu deutsch: einen Deutschen und einen Juden, schon 'vom Ursprung der verschiedenen Sprachen her. in einem so schneidendcwGegensatz zu ze'gen, daß es unbegreiflich erscheint, wie sie neben einander eine und dieselbe Luft einathmen können — während der andere Gelehrte nachweist, daß auch die indogermanischen und semitischen Sprachen aus einer gemeinsamen Wurzel entsprungen sind, daß ein Unterschied im Wesen, einige geschichtliche Variationen ausgenommen, gar nicht definirbar ist und daß im Schoße der Nation alle Jntereffen zusammenlaufen. Der Eine sieht von seiner Höhe nichts als getrennte Spitzen und Gipfel, die durch tiefe Riffe und Schluchten auf ewig von einander geschieden sind — während der Andere, wenigstens im Geiste der Zukunft, Alles vereinigt, zu einem Ganzen verbunden, zu einem glatten Eirund abgeschliffen erblickt. Beide sind auf dem Wege gelehrter Forschung oder philosophischen Denkens dahin gelangt. Die große Masse der Menschen, welche das wirkliche Leben ausmacht und die Erscheinungen ausfüllt, kümmert sich lvenig um die Resultate jener, sondern wandelt den großen Weg der Entrvickelung, bald in langsamerem Tempo nach Jahrtausenden, bald in rascherem nach Jahrhunderten. Diese Betrachtung schien uns nothwendig, um Herrn Professor Cohen richtig zu verstehen. Wie wir schon bemerkt, ist er sich bewußt, von Amtswegen die Obliegenheit zu haben, die academische Jugend in der Philosophie, und damit auch i über die religiösen Fragen zu unterweisen, und diese Philo-! sophie ist ihm die deutsche, d. i. die Kantische. Darum fühlt! er sich bei der jetzt erhobenen Streitftage ganz besonders verpflichtet, öffentlich darzulegen, lvie er diese Aufgabe verstehe und aussühre. Jedermann wird einsehen, daß hier von vornherein die Tendenz der Ausgleichung. der Uniffcirung und Nivellirung gegeben ist. Profeffor Cohen ist ein zu gewissenhafter Mann, als daß er, wenn er aus unvereinbare Differenzen stieße, das ihm übertragene Amt weiterführen würde; er folgte sicherlich dem großen Beispiel Spinozus, der, die ii