Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1880)
- Date
- 1880-03-09
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
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156 Mayer, genannt Eppstein. Nur noch wenige Tage, und es wäre ihm vergönnt gewesen, am 1. Februar mit seiner noch rüstigen Gattin das Fest der goldenen Hochzeit zu feiern. Auch sein 50jähriges Amtsjubiläum würde er in diesem Jahre begangen haben. Der Verstorbene war in den Jahren 1829 und 1830 an dem damals Coburgischen Seminar zu St. Wendel, machte ein glänzendes Examen, amtirte dann 9 Jahre in Haupersweiler, 5 Jahre in Thalfang und 32 Jahre in Saarwellingen. An letzterem Orte konnte er bei zunehmendem Alter die schwere Stelle nicht mehr verwalten und übernahm daher, als die Gemeinde auf Leistung irgend eines Ruhegehaltes nicht einging, die leichtere Religionslehrerstelle zu St. Wendel. — lieber das Wirken des Verblichenen war und ist bei seinen Vorgesetzten sowie bei seinen zahlreichen Bekannten nur eine Stimme des ungetheilten Lobes. Nach dem Wunsche des Verstorbenen hielt einer seiner Söhne die Grabrede. Auch der Lehrer der Gemeinde Saarwellingen, deren Mitglieder größtentheils ihrem alten Lehrer und Berather die letzte Ehre zu erweisen gekommen waren, widmete ihm am Grabe einen ehrenden Nachruf. Inzn^ p'iü Ieuilleton. Collectanea von Dr. Krsrrer, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. 1. Ein jüdisches Naturalisationsgesetz. Von gewisser Seite wurde in jüngster Zeit mit einer Unermüdlichkeit, die fast eine humoristische Beurtheilung herausfordert, behauptet, daß die Engherzigkeit des Alten Testaments, das selbst auf seinen Hochpunkten nur Unduldsamkeit gegen Andersgläubige empfehle, zur Toleranz des Christenthums im schroffsten Gegensatz stehe. Ja, gegenüber dieser Engherzigkeit sei es geradezu befremdlich, daß sich die Juden in Rumänien über ihre Behandlung als Fremde beklagen. Männer, namentlich Theologen, die in solcher Weise über das Judenthum urtheilen, dürfen wohl mit Recht auf die Pflicht hingewiesen werden, sich eine umfassendere Kenntniß desselben anzueignen, oder wenigstens die Propheten mit einiger Aufmerksamkeit zu lesen. Thäten sie dies, so würden sie K. 47 B. 21—23 ein Naturalisationsgesetz finden, das an imponirender Großartigkeit seines Gleichen sucht. Wir geben es absichtlich nach Luther wieder: „Also sollt ihr das Land austheilen unter die Stämme „Israel. „Und wenn ihr das Loos werfet, das Land unter „euch zu theilen; so sollt ihr die Fremdlinge, die bei „euch wohnen und Kinder unter euch zeugen, halten, „gleichwie die Einheimischen unter den Kindern „Israel; „Und sollen auch ihren Theil am Lande haben, ein „jeglicher unter dem Stamm, dabei er wohnet, spricht „der HErr HErr." Cfr. die nach B. 22 bei Luther beregten zahlreichen Parallelstellen. Es ist also in unserem Propheten die Bestimmung getroffen, daß Heiden, die in das heilige Land eingewandert und dort Familienväter geworden find, bei der Theilung desselben gleich den Eingeborenen behandelt werden sollen. | Was das jüdische Volk mit seinem Blut errobert, soll der Fremde, sofern er in der von ihm gewählten Heimath eine Familie begründet, mühelos erhalten. Welch' eine liebevolle Würdigung des Menschenrechts selbst der Fremden, selbst der Heiden! Welch' eine sittliche Höhe! Welch' eine unüberbrückbare Kluft zwischen dieser „semitischen" Geistesgröße und einer gewissen „germanischen" Kleingeisterei! Wie sehr beschämt doch diese erhebend lautere Menschenliebe den erbärmlich unlauteren Judenhaß, der sich in unseren Tagen spreizte uud die edeldenkenden Deutschen aller Glaubensbekenntnisse erröthen machte! Wer kennt, außer dem alttestamentarischen, ein Volk der Erde, das ein gleich großherziges, ein gleich humanes Naturalisationsgesetz aufzuweisen hat? Vielleicht ein racen- und fremdenkundiger Geschichtsprofessor, Hofprediger, Broschürenspeculant oder Gleichstrebender? Nun, sie mögen es uns nennen! — Antipesfimiüifche Denksprüche. Von -^h. (Fortsetzung.) Du klagst, daß Du ein Tropfen nur Im Meer der Menschheit bist — Die Woge willst Du sein, die hoch Auf's Ufer ihren Schwall ergießt. Die Wasserhose, die das Meer Hochauf dem Himmel eint. Der Höhe Glanz, der Tiefe Graus In Eins zu binden scheint. — Ach, auch die Woge rinnt in's Meer zurück Und eine andre folgt im Augenblick; Zerrissen stürzt die Wasserpyramide, Es wirbelt, kocht — das Meer ist still und müde . . . Sei nur ein Tropfen — weißt Du nicht. Daß in dem Tropfen sich das Weltall spiegelt?