Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1880)
- Date
- 1880-03-09
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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151 A«S Württemberg, 23. Febr. (Privatmitth.) Außer dem „Beobachter" tritt in Württemberg den zur Monomanie gewordenen Judenhetzen besonders energisch entgegen das „Süddeutsche Sonntagsblatt. Für die Gebildeten aller Confessionen. Redigirt von vr. Johannes Gihr in Stuttgart (Verlag von Wilhelm Wörnle in Biberach)." Es ist das ein echt freisinniges, dabei durchaus ernstes Organ, das den Gebildeten jeder Confession befriedigt. Seit ca. 2 Monaten veröffentlicht dasselbe sehr lesenswerthe Artikel über „die Judenverfolgungen des Mittelalters". Gegenüber den Beschuldigungen unserer Gegner, als erläuterten Bibel und Talmud den Wucher, führt daffelbe auch eine Stelle aus dem neuen Testamente an, die zu Gunsten der vollsten Wucherfreiheit gedeutet werden kann. Im Evangelium Matthäi, C. 25, wird ein Mann geschildert, der über Land zieht. Er ruft seine Knechte und giebt ihnen sein Geld zur Verwaltung; dem Einen giebt er fünf Centner, dem Zweiten zwei, dem Dritten einen, und macht sich auf die Reise. Der fünf Centner empfangen, der handelte damit und gewann andere fünf Centner, also 100 Proc. Desgleichen, der zwei Centner erhalten hatte, gewann zwei andere damit. Der aber einen empfangen hatte, scheint durchaus keinen Handelsgeist besessen zu haben. Er machte eine Grube und verbarg darin seines Herrn Geld. Als nach der Heimkehr des Herrn Rechenschaft abgefordert wird, da werden der erste und zweite Knecht, die 100 Proc. gewonnen hatten, als treu und fromm bezeichnet, so daß sie fortan über „viel" gesetzt werden. Im Evangelium Lucas, C. 19, wird dies Gleichniß noch schärfer illustrirt. Der erste Knecht hat mit einem Pfund gar zehn Pfund gewonnen, also 1000 Proc.; der zweite hat mit einem Pfund fünf Pfund gewonnen, was sich auf 500 Proc. beläuft. Sie werden Beide sehr gelobt und belohnt. Der Dritte, der das empfangene Geld blos eingeknüpft und aufbewahrt hat, dieweil er fürchtete, es zu verspeculiren und den Zorn seines Herrn zn erregen, wird hart angefahren und des Vertrauens für verlustig erklärt. Er wird gefragt: „Warum hast Du mein Geld nicht in die Wechselbank gegeben? Wenn ich gekommen wäre, ich hätte es mit Wucher gefordert." So stehts im neuen Testament. Würde diese Stelle im Talmud stehen, würden sie unsere Gegner schon längst gegen uns ausgenützt haben. Das Blatt, das eine größere Verbreitung wohl verdiente, sollte auch unter unsern Glaubensgenossen, die ihre journalistischen Freunde und Organe gerne unterstützen wollen, mehr Leser finden. AuS dem Reichslande, im Februar. Nach dem offiziellen Bericht des Präsidenten von Unter-Elsaß an den Genralrath wurden im Jahre 1870 in diesem Bezirke zur Erbauung oder Ausbesserung von Synagogen in drei Gemeinden 4500 M. und zur Unterstützung jüdischer Geistlichen oder ihrer Hinterlassenen 5860 M. an 59 Personen bewilligt. — Am 8. Februar feierte der Großrabbiner von Sttaßburg A. Aron zu gleicher Zeit sein 50jähriges Amts- Jubiläum und seine goldene Hochzeit. Dem desfallsigen feierlichen Gottesdienste, bei welchem der Rabbiner von Brumath eine deutsche und der Rabbiner von Pfalzburg eine französische Rede hielt, wohnten auch die Spitzen der Behörden bei. Oesterreich-Ungarn. Wien, im Februar. (Privatmitth.) Das „Allgemeine österreichische israelitische Taubstummen-Jnstitut in Wien" hat seinen 26. Jahresbericht vom Jahre 1879 ausgegeben. Die finanzielle Gebahrung ist, wenn sie auch an ganz besonderen Einnahmen nicht viel zu verzeichnen hatte, völlig zufriedenstellend. Die Anstalt hat gegenwättig 107 Zöglinge, nämlich 66 Knaben und 41 Mädchen, worunter 37 unentgeltlich. Im verslossenen Jahre schieden 18 Zöglinge aus und 17 wurden ausgenommen. Bis jetzt waren 6 aus dem mährisch-israelitischen Landesmassafond und 20 aus dem ungarisch-israelitischen Schulfond erhalten. Nach Kgl. Entscheidung werden zukünftig diese 20 ungarische Freistellen der Pester Israelitischen Taubstummenanstalt zugewiesen. Dies kann aber für Ungarn insofern nachtheilige Folgen haben, als gegenwärtig 50 ungarische Kinder in der Wiener Anstalt erzogen werden, also 30 außer jenen Freistellen, während die Pester Anstalt bis jetzt die Mittel nicht besitzt, eine größere Anzahl Zöglinge aufzunehmen und die meisten Gesuche um Aufnahme noch zurückweisen muß. Der vorliegende Bericht bringt als Anhang einen sehr zu beachtenden Aufsatz: „Winke zur Diagnose der Taubstummheit bei Kindern für Aerzte, Eltern und Lehrer", - der besonders resultitt, daß, da die Schwerhörigkeit bei Kindern auch auf die Entwickelung ihrer geistigen Kräfte lähmend einwirkt, man sich hüten müsse, die bei schwerhörigen Kindern hervorttetenden mangelhaften geistigen Erscheinungen auf einen Mangel an Geistesbegabung überhaupt zurückzuführen, vielmehr jene besonderer erziehlicher Fürsorge unterziehen müsse. Wien, im Februar. (Privatmitth.) Der böhmische Episcopat und Fürst Liechtenstein mit Genossen stürmen gegenwärtig gegen die simultane Volksschule los, wie es in Preußen unter dem Schutze des gegenwärtigen Unterrichtsministers von Seiten des Centrums und der Conservativen geschieht. Eigenthümlicher Weise entfällt jenen eine Pattei, die sonst ein Herz und eine Seele mit ihnen ist, nämlich die Polen. Obgleich deren Schulen in Galizien confessionel sind, werden sie doch von großen Zahlen jüdischer Kinder besucht und ziehen daraus einen bedeutenden Theil ihrer Unterhaltungskosten. Werden nun gesetzlich die Schulen der Konfessionen gettennt, und jüdische Schulen gegründet, so erleiden dadurch die Polen einen großen Nachtheil und deshalb wollen sie den gegenwättigen Standpunkt beibehalten. — Man schreibt der hie-