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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-09 · Heft 10 (9.3.1880) · p. Seite 152

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 10 (9.3.1880)
Date
1880-03-09
Page
Seite 152 (sequence 8)
Language
German
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152 figen „Presse" aus Ungarn: „Der Samen, welchen Jstoczy mittels seiner letzten großen Rede gesäet, scheint denn doch nicht auf ganz unfruchbaren Boden gefallen zu sein. Aus Jaszbereny wird gemeldet, daß sich dort eine kleine, etwa zwanzig Köpfe starke Gemeinde gebildet hat, die sich nicht allein zu den „Prinzipien" Jstoczy's bekennt, sondern auch das Propagandamachen für dieselben aus ihr Programm gesetzt hat. Und aus Baja wird Aehnliches gemeldet. Dort sollen mehrere Honorationen sich ganz ernsthaft damit beschäftigen, eine „anti-semitische Liga" auf Grund der Jstoczy'- schen Statuten ins Leben zu rufen. Bemerkenswerth ist dabei, daß Baja die einzige Stadt in Ungarn ist, deren Bürgermeister ein Israelit ist." Gerade diese unbedeutenden Versuche stellen die Erfolglosigkeit ins rechte Licht, und Jstoczy selbst spricht dies in einer jüngsten Erklärung aus, wenn er auch immer noch hofft, die Provinz würde der Hauptstadt schließlich doch die Directive geben. Brun«, im Februar. (Privatmitth.) Wenn in diesen Bl. so oft von den Streitigkeiten berichtet werden muß, welche die Parteien in Ungarn um den jüdischen Landesschulfond führen, so bietet der Mährisch-jüdische Landesmaffafond ein ganz anderes Schauspiel. Seine genau geregelte Verwaltung verbreitet den Segen ihrer Unterstützungen nach allen Richtungen des jüdischen Kultus- und Schulwesens in unsrem Kronlande aus. Wir entnehmen dem soeben erschienenen Rechnungsabschluffe pro 1879 die folgenden Daten: das Fondscapital erreichte laut Bilanz eine Höhe von 989,500 fl., der Reservefond beträgt 19,300 fl., der Saldo-Vortrag pro 1880: 3030 fl. 5. k. Das Erträgniß des Fondes belief sich auf 46,638 fl. 68., der Aufwand 41,338 fl. 71 kr. Daraus find folgende Posten hervorzuheben: 51 Gemeinde-Schulsubventionen 13,260 fl., 43 Gemeinde-Unterstützungen 9150 fl., Personalunterstützungen 10,835 fl., Stipendien 600 fl, Landesrabbinat 420 fl., Bildungs- und Humanitätsanstalten 2275 fl., Steuern 1348 fl. Der Erfolg in den Ausgaben entsprach dem Präliminare bis auf geringe Differenzen. Sernjevo, im Februar. Nach der von der österreichischen Regierung angeordneten und neulich beendeten Volkszählung hat Bosnien und die Herzegowina bei einer Gesammtbevölkerung von 1,142,147 Personen 3426 Juden. Die meisten und genau 2077 leben in Serajevo. Belgien. Brüssel, 15. Februar. (Privatmitth.) Ein Charakterzng unserer Zeit ist die Consequenz, welche kleine wie große Erscheinungen beherrscht und ihnen ein bestimmtes Gepräge aufdrückt. Es ist dies auch die eigentliche Rettung mitten in der Mannichfaltigkeit der Gestaltung, in welche gegenwärtig alle Erzeugniffe des menschlichen Geistes gerathen sind. Darum spiegeln sich aber auch in dem einfachsten Ereigniß die Weltlage der großen Parteien, deren Differenzen und Ziele ab. Dies hatten wir jüngst hier wieder wahrzunehmen. Samstag den 7. d. hielt der Großrabbiner Astruc seine Abschiedspredigt, und alsbald knüpfte sich an diese eine Polemik der liberalen und der ultramontanen Presse, besonders in der Jndvpendance und im Journal Bruxelles. Unsre prächtige neue Synagoge war von einer andächtig lauschenden Versammlung angefüllt, in welcher alle Religionsbekenntnisse vertreten waren. Astruc sprach mit jener eleganten Beredsamkeit, die ihm eigen und die durch die Gefühle des Abschiedes erregter und ergreifender war. Er sprach davon, wie bei seinem Antritt vor 14 Jahren die Institutionen der Gemeinde wohlorganifirt waren, aber eines neuen Impulses bedurften, um aus ihrer Inferiorität herauszukommen. Dies habe die Gemeinde erwartet, verlangt und erreicht. „Wir wollten uns weder blind an den überlebten Einrichtungen hängen, noch radikale Ideen triumphiren lassen und den Fortschritt in einem völligen Bruche mit der Vergangenheit suchen. Wir haben unsre Lehre durchforscht, und in den Verschiedenheiten selbst, die unser Cultus seit seinem Erscheinen in der Welt durchgemacht, fanden wir die Möglichkeit, neuen Bedürfnissen zu entsprechen. Wir erkannten, daß unsre Lehre allen Forderungen auch der strengsten Vernunft, auch den Bedürfnissen des zartesten Gewissens entsprechen könne und wir suchten den Fortschritt mit der Ueberlieferung zu vereinigen." Im Verlaufe seiner Rede wies er nach, daß dies der Charakter des Judenthums in allen Epochen gewesen. So solle die Gemeinde den „religiösen Fortschritt" oder vielmehr die religiöse Entwickelung auch fernerhin als ihr Ziel betrachten. Die Predigt machte den tiefsten Eindruck. — Die Jnd«pendance gab einen sehr wohlwollenden und für Astruc schmeichelhaften Bericht. Sie erkannte ihm ein ausgezeichnetes Talent und einen Charakter zu, der Jedermann Achtung eingeflößt habe. Sie versicherte, daß man ihn als Mitbürger und auch in der Zukunft nicht als Fremder betrachten werde. Den Ultramontanen war dies ein wenig zu viel und das Journal de Bruxelles erhob dagegen seine Stimme. Doch wollen wir mit Befriedigung constatiren, daß doch ein großer Unterschied zwischen der Ausdrucksweise hier zu Lande und der in Deutschland bei den Römlingen und Pietisten, wo es Juden und Judenthum betrifft, gewöhnlicher, vorhanden ist. Denn auch das Journal de Bruxelles begrüßt Astruc als „einen vollkommenen Gentleman" und was noch mehr sagen will, als einen „friedfertigen Mann." Ein eigenthümliches Geständniß von einer Partei, die stets im und vom Streite lebt! Dem llltramontanismus ist die unbedingte Unveränderlichkeit das höchste kirchliche oder wie er sagt, religiöse Princip. Freilich in dogmatischer Beziehung haben wir unter Pius IX. ganz

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