Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1880)
- Date
- 1880-03-09
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
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150 mals, um nicht zu sagen regelmäßig, himmelweit entfernt find" u. s. w. Was hat aber schon die „Germania" mit ihren Autoritäten, einem Glagau u. s. w. hinsichtlich der Juden Statistisches geleistet, und wie wenig ließ sie sich in ihren Fantasie-Statistiken beirren, wenn man ihr die richtigen Zahlen und die wirklichen Verhältniffe vorführte! Nachgerade hat bereits zum großen Schaden richtiger Erkenntniß die Statistik so viele Fälschungen erfahren und ist so oft mißbraucht worden, daß sie ihren Credit fast verloren hat. Mit den Zahlen in der Hand beweist jetzt Jeder was er will. — Bei den gegenwärtig gespannten Verhältnissen zwischen Deutschland und Rußland begegnet man in den Zeitungen fast ebenso oft dem Worte „ Deutschenhetze in Rußland", wie „Judenhetze in Deutschland". Mögen solche Bezeichnungen bald wieder aller Orten verschwinden, die öffentliche Meinung aber daraus die Lehre ziehen, das nichts dem Recht, der Wahrheit und dem Frieden feindlicher gegenüber steht, als Vornrtheile, als blinder Racenhaß, sowie daß derjenige sich nicht beklagen dürfe, von solchem Bornrtheil und Haß betroffen zu werden, wenn er sie seinerseits gegen Andere übt. Wissen wir doch, was Rußland den Deutschen zu verdanken hat, welche Verdienste die Deutschen sich in Rußland erworben haben! — Da ich oben von Statistik sprach, so will ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Herren Statistiker gegenwärtig in eine große Verlegenheit gerathen. Sie wollen nämlich die „getauften Inden" in eine besondere Rubrik bringen und sie weder zu den eigentlichen Juden, noch zu den eigentlichen Christen rechnen, und können nun für diese Rubrik die Zahlen nicht herausbringen. So meint der „physikalisch-statistische Atlas des deutschen Reiches" von R. Andrer und O. Peschel, nachdem er die Verbreitung der Juden auf dem Erdball, freilich in ziemlich willkürlichen Zahlen angegeben hat: die Statistik könne den Bestand der jüdischen Nation nur so weit ermitteln, als sie sich mit der ihr eigenthümlichen mosaischen Religion decke; da diese letzte aber weniger verbreitet sei, wie die jüdische Nationalität, so können die statistischen Ermittelungen immer nur die Zahl der Juden zum Theil wiedergeben. Dies ist nur ein geschraubter Ausdruck dafür, daß die Verfasser die getauften Juden nicht zu den Christen zählen wollen, deren Zahl wie die der Mohamedaner sie vorher angegeben hatten, ohne die Nationalität zu berücksichtigen. Diese zarte Sorgfalt für die jüdische Nationalität ist rührend. Es ist dies aber ein characteristischer Zug mehr für die Stellung, die man neuerdings den getauften Juden zu geben sucht, und die sich diejenigen Juden, welche ihre Religion verlassen wollen, doch etwas zu Herzen nehmen mögen. Uebrigens macht doch die Zahl der getauften Juden einen so geringen Bruchtheil des jüdischen Stammes aus, daß die Herren Statistiker sich darüber beruhigen können. — Das sich in immer kleinere Kreise und Theile Abtrcnnen ist ein Charakterzug, den die Juden aus vergangenen Tagen geerbt haben. So hat die Hildesheimer'sche kleine Gemeinde „Adaß Israel" sich neben dem neu zu eröffnenden Gemeindefriedhof auch einen besonderen angelegt, und dieser Tage eröffnet. Königsberg i. Pr., im Febr. (Privatmitth.) Nach zweijährigen Verhandlungen ist es endlich gelungen, das bereits in der Auflösung begriffene israelitische Waisenhaus zu Schippenbeil mit dem hiesigen unter landesherrlicher Zustimmung zu vereinigen und das unsrige, dessen 19. Jahresbericht soeben ausgegeben worden, zum „Israelitischen Waisenhause für Stadt und Provinz" umzuwandeln. Die Schippenbeiler Anstalt kann zur Warnung dienen, daß nicht jedem wohlthätigen Gedanken, wenn Umstände und Verhältnisse nicht dazu geeignet sind, die Mittel der allgemeinen Wohlthätigkeit zu Gebote gestellt werden. Schippenbeil war von vornherein als ein kleiner Ort mit einer kleinen Gemeinde gar nicht der Platz für eine solche Anstalt. Das mit großem Kostenanfwande erworbene Grundstück, welches längst seinem Zwecke entfremdet und vermiethet war, konnte nur zur Hälfte seines Kaufpreises wieder veräußert werden. Unser Waisenhaus hat jetzt 25 Zöglinge und besitzt ein Grundstück von fast 60,000 Mk. Werth und ein Vermögen von fast 122,908 Mk. Allerdings find durch die gedacbte Erweiterung die Ansprüche an dasselbe gewachsen; doch hoffen wir, daß sich die Mildthätigkeit ihm um so eifriger zuwenden wird, so daß dasselbe einer schönen Zukunft entgegengehe. Aus Westfale«, im Febr. (Privatmitth.) Der Vorstand der Unterstützungskasse des Vereins israelit. Lehrer sürWestfalen und die Rheinprovinz (Vorsitzender: S. Blumenau in Bielefeld) versendet soeben den Jahresbericht pro 1879. Wir entnehmen demselben mit Befriedigung, daß das Interesse für den Verein in stetem Wachsen begriffen ist. Die Zahl der Gemeinden und Gesellschaften, welche für diese Kasse feste Jahresbeiträge auf ihren Etat übernommen haben, ist wiederum um 5 gestiegen und beträgt zur Zeit 35, mit einem Gesammtbeitrage von 967 Mk. 50 Pf. Die Einnahme des Vereins betrug 1879: a) an ordentlichen Beiträgen der Mitglieder 498 Mk.; b) an außerordentlichen Beiträgen von Gemeinden, Gesellschaften und Privaten Mk. 2784,03; e) an Zinsen Mk. 1838,89 — zusammen Mk. 5112,92. An Unterstützungen wurden 1879 verausgabt 2028 Mk. und pro 1880 sind dafür (in 39*/.t Ouoten ä 54 Mark) Mk. 2119,50 angesetzt. Das gesammte Vermögen des Vereins betrug am 1. Januar dieses Jahres Mk. 39012,37. Möge dieser Verein, der seine edle Aufgabe, Thränen des Kummers und des Mangels zu stillen, bereits in so schöner Weise erfüllt, ferner blühen und gedeihen und mehr und mehr sich der Beachtung aller wohlthätig gesinnten zu erfreuen haben! —u.