Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1880)
- Date
- 1880-03-09
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
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149 Hochachtung der Familie in Gefühl und Handlung vereinigen sollen und können. Ueber der Familie steht die Nation in ganz gleichen Verhältnissen, und über der Nation die Menschheit. Abstract mögen nun die Kreise dieser drei großen menschheitlichen Existenzen an Inhalt und Pflicht, an Natur und Ausbildung näher gezogen und unterschiedlich bezeichnet werden. In der Menschenseele selbst fließen sie zu einem Ganzen zusammen, zu einer sittlichen Einheit, welche niemals schwankt, sondern in echter Pflichttreue vollzieht, was jeder derselben auferlegt, beansprucht und zu beanspruchen berechtigt ist. Es liegt einmal in der Menschennatur, daß sie ebenso die Individualität, wie die Gesellschaftlichkeit, das Einzelne wie das Gemeinsame, das Besondere wie das Allgemeine mit voller Existenzkraft enthält, und daß die höhere und höchste Blüthe des Humanen Beidem gerecht wird. Auch Professor Cohen legt mit den innigsten Worten den deutschen Juden ans Herz, immer deutscher zu werden, sich der deutschen Nationalität immer mehr zu assimiliren. Wir stimmen ihm hier völlig bei, müssen jedoch zwei Bemerkungen hinzufügen. Zuerst: Warum richtet Ihr diese Aufforderung allein an die Juden? Ist sie etwa nur im geringsten weniger nothwendig an die christlichen Deutschen zu richten? Gehört nicht ein großer Theil der christlichen Bevölkerung kirchlichen Ueberzeugungen an, denen die Kirche über der Nation steht und auch einer solchen, deren Gravitationspunkt jenseits der Berge ist? Giebt es nicht noch Deutsche genug, die auf das Welfenthum, Sachsenthum, Bojarenthum, Oesterreicherthum schwören, und deren Deutschthum sehr zweifelhafter Art ist? Und in ihrem Berufe und Gewerbe, verfolgen da die Juden etwa andere Tendenzen als ihre christlichen Mitbürger? Haben sie andere Zwecke als die christlichen Industriellen, Kaufleute, Handwerker? Erfüllen jüdische Lehrer, Rechtsgelehrte, Acrzte, Professoren, Künstler u. s. w. ihre Pflichten gegen ihr Fach und die Nation weniger als ihre christlichen Berufsgenossen? Was soll also diese besondere Aufforderung bedeuten, wenn sie nicht an alle Deutsche gerichtet ist? Wir müssen uns entschieden vor solcher Trennung und Absonderung verwahren. Die zweite Bemerkung ist: wenn Ihr eine solche Aufforderung an die deutschen Juden ergehen lasset, warum saget Ihr denn nicht, was sie thun sollen? was sie zu diesem Behufe zu thun und zu unterlassen hätten? So lange Ihr dies nicht zu sagen wisset, habt Ihr nicht das Recht vorauszusetzen, daß Ihr sie also haranguiren müßtet. Die deutschen Juden befleißigen sich der möglichst reinsten hochdeutschen Sprache und wenn die niedere Klasse auch „mauschelt", so ist dies doch, abgesehen von einigen hebräischen Floskeln, die sich immer mehr verlieren, ein echt deutsches Platt, wie es so viele deutsche Dialekte giebt. Das jetzt lebende Geschlecht der Juden ist aus den deutschen Schulen hervorgegangen, ist von rein deutscher Bildung in all' ihren Abstufungen, deutsche Literatur und deutsche Kunst machen ihre geistige Nahrung aus. An allen politischen und materiellen, an allen geistigen und seelischen Kämpfen der deutschen Nation, an allen ihren Leiden und Freuden, an Allem, was dieser Gewinn oder Verlust bringt, sind sie gerade so, innerlich wie äußerlich betheiligt, interessirt und verflochten, wie alle ihre anderen Mitbürger. Ihre religiöse Ueberzeugung endlich steht weder der Nationalität noch dem Patriotismus irgend wie entgegen; sehet ihre Lehrbücher und ihre Canzelvorträge nach. Was wollt Ihr also von uns? Ja, wir müssen uns in diesem Geiste entwickeln und stärken; aber wahrlich, wir haben es nicht mehr nöthig als alle nichtjüdischen Deutsche. Wir erkennen in allen diesen Momenten nicht den geringsten Unterschied zwischen Juden und Christen. Dies über das nationale Moment; gehen wir nun auf das religiöse über. (Schluß folgt.) Svil'i 11 icj len. Deutschland. Berlin, 25. Februar. (Privatmitth.) Ist cs mit dem Lärmen, welches man fast sinnbetäubend eine Zeit lang um uns her machte, ziemlich still geworden, so wühlen doch „Germania" und „Reichsbote" unermüdet weiter, was jedoch kaum noch genirt. Die erstere ruft das berüchtigte napoleonische Decret gegen die Elsässer Juden, das nur chicanirte, und zwar Christen so gut wie Juden, nichts aber nützte, weil es leere Formeln enthielt, zur Hülfe. Wir möchten die „Germania" fragen, was sie dazu sagen würde, wenn wir die despotische Behandlung, welche Napoleon in That, Schrift und Wort dem ehrwürdigen Papste Pius VI. angedeihen ließ, als ein Borbild aufstellten? Sie muß doch einräumen, die Autorität desselben Mannes gilt auf der einen, wie auf der 1 anderen Seite, und der Despotismus ist überall derselbe, j Eine gleiche Schwäche zeigt das Jesuitenblatt in einer seiner neuesten Nummern. Es handelt sich da um eine ftanzösische statistische Piece, welche beweisen soll, daß unter den Laien- I lehrern in Frankreich ein bedeutend geringerer Procentsatz von j Verbrechen als unter den Congreganisten (Ordensbrüdern)! vorkommt. Da sind es „Unglaubliches leistende Wunder- , statistiker", „Fantasie-Statistiker, welche von der Wahrheit oft-