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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-09 · Heft 10 (9.3.1880) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 10 (9.3.1880)
Date
1880-03-09
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 vcrtheidigen, folgte diesem höchsten Siege bald eine Niederlage. Denn eine solche müssen wir es nennen, wenn dieselben Mächte die Ausführung dieser Bedingung aufgeben, wenn sie den Rumänen gestatten, sich mit der Aufnahme einiger leeren Worte in ihre Verfassungsurkunde zu begnügen, dagegen eine viertel Million Staatsangehöriger für Fremde zu erklären und aller staatlichen Rechte zu berauben. Es ist eine Niederlage des Princips, die um so augenscheinlicher ist, jemehr man sich mit ungarantirten Versprechungen begnügte, denen jede bisherige Handlung der Rumänen Hohn spricht. Aber zur selbigen Zeit rüsteten sich die Feinde dieses Princips zu einer neuen Bekämpfung deffelben, und machten zum Hauptschauplatzc das deutsche Reich. — Die unzweifelhafte Quelle dieses neuen Kampfes ist — der Syllabus. Der Widerspruch, den die Führer der römischen Kirche gegen den Grundsatz der Gleichstellung der Culte, der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen ohne Berücksichtigung der Confession stets erhoben, und nach den Grundsätzen dieser Kirche erheben mußten, ist ein Syllabus zum Dogma gestempelt und durch das Vaticanum als solches bestätigt worden. Was nun auch gesagt und geschrieben worden, um die Geltung und Kraft dieses dogmatischen Ausspruches zu verhüllen und die Welt gewisiermaßen an seine Existenz zu gewöhnen, er ist zu einem der Fundamente des Ultramontanismus geworden, dieser zieht aus ihm seinen Geist und entwirft in diesem Geiste seine Pläne. Es würde nicht schwer fallen, dies in allen Schritten und Schriften der Ultramontanen nachzuweisen. Nun entspricht es der Schlauheit dieser Partei, die gegnerische Sache da auzugreisen, wo sie am ehesten eine Schwäche zu bieten scheint. Und dies war am Principe der Gleichberechtigung die Stellung der Juden. Hier kamen, um den Angriff zu erleichtern, mehrfache Momente zusammen: die noch vorhandenen Vorurtheile der Menge, die seit alter Zeit immer wiederholen Beschuldigungen, die Kürze der Zeir, in welcher auch für sie das Rechtsprincip in Geltung ist, und daß die Juden naturgemäß auf Seiten des Liberalismus sich besinden. Deshalb eine allgemeine Schilderhebung im ultramontanen Lager gegen die Juden, vom Mississippi bis zur Donau, vom Tiber bis zum Tweed. Aber cs war den Ultramontanen cinsichtlich, daß sic in vielen Staaten mit diesem Streite gegen die Juden nichts ausrichtcn, vielmehr der gebildeten und besonders der protestantischen Welt ihr eigentliches Ziel nur aufdecken würden, daß sie aber im deutschen Reich einen bereiteren Kampfplatz fänden, weil hier die Gleichberechtigung der Juden der Zeit nach noch die jüngste, weil hier die nationale Einheit noch die schwächste und der althergebrachte Claffenkamps der stärkste war, neuerdings durch die industrille Crise und die socialistischen Bewegungen befördert. Eine systematische Wühlerei gegen die Juden wurde deshalb in Deutschland von der gesammten ultramontanen Preffe in Scene gesetzt. Sie traf alsbald auf Bundesgenossen. Die politische und kirchliche Reaction hatte schon seit 1850 das Princip der Gleichberechtigung bekämpft, und gegen die Juden gewüthet. Hatte sie darin, seitdem sie politisch in den Hintergrund gedrängt worden, nachgelassen, so konnte sie, durch die ultramontane Presse aufgemuntert, bei den ersten Anzeichen einer günstigeren Wendung, ihren Hader gegen die Juden wieder aufnehmen. Noch andere Parteien boten die Hand. Die Agrarier, die Schutzzöllner, die Zünftler, alle diese kleineren, aber energischen Parteien vereinigten sich zur Bekämpfung der liberalen Richtung der deutschen Gesetzgebung, und überall bot ihnen die Sache der Juden eine scheinbare Handhabe. Wie es in jedem politischen Proceffe, wenn eine bisher siegreiche Tendenz in Nachtheil zu fallen scheint, zu gehen pstegt, kamen abtrünnige Elemente der Liberalen, ja der radicalen Partei hinzu. So entstand ein allgemeines Geschrei gegen die Juden, das eine Zeitlang fast sinnverwirrend tobte. Es wird einer späteren Zeit unglaublich Vorkommen, was Alles gegen die Juden vorgetragen und vom Publicum, das viele Auflagen solcher Pamphlete consumirte, entgegcngcnommen wurde, welche Extravaganzen, welche nicht blos unwahre, sondern lächerliche Beschuldigungen! Die Juden sollten die gesammte Industrie, die ganze Preffe, die Gesetzgebung und Verwaltung beherrschen, das Christenthum verfolgen, das Deutschthum ausrotten; sie sollten mit einander verschworen sein, sich die Herrschaft der Welt anzueignen, alle Uebel, alle vorhandene Miseren sollten von ihnen herrühren! Es war nicht zu verkennen; man ging darauf aus, den Pöbel zu Emeuten gegen die Juden aufzuhetzen, und die gesetzgeberischen Factoren zu Ausnahmegesetzen zu veranlassen. Da diese Pamphletschreiberei einigen Lohn einbrachte, schwoll sie immer mehr an. Ein weiterer Schritt erfolgte, indem ein Hofprediger mit Genossen den Gegenstand in auftegende Volksversammlungen brachte und so in der Hauptstadt des Reiches eine thatsächliche Bewegung hervorzurufen suchte. Die gleichzeitig eingetretene Veränderung im Cultus- und Unterrichtsministerium trug dazu bei, die Aufregung immer unheimlicher zu machen. Den Kampf mit den ultramontanen und reactionärcn Blättern hatte man längst als erfolglos aufgegcben, weil sic, auch der nachdrücklichsten Widerlegung unzugänglich, ihre Anklagen doch nur unermüdlich wiederholten, und das ganze Chor der gemeinen Pamphletschreiber war vermöge seines Charakters gar nicht anzufassen. Da waren es zwei Momente, welche die Wendung brachten. Zuerst daß von höchster Stelle aus entschieden und förmlich eine Berurtheilung dieser Aufwiegeleien ausgesprochen und demonstrativ bethätigt wurde. Jeder Schein einer Begünstigung von oben her verschwand mit einem Male. Der andere Wendepunkt bestand darin, daß ein Mann von Ruf, ein Mitglied der Universität und des Reichstages sich verleiten ließ,

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