Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1880)
- Date
- 1880-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2'/» Bogen. Preis Vierteljährig 3 Mark. Inserate werden mit 20 Pffür die Petitzeile oder deren Raum berechnet. I Alle Postämter und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. In redactioncllcn Angelegenheiten | wende man sich an 0r. (. JJtjilippfon in I Bonn: hinsichtlich der Inserate an R. Moffe in Leipzig nnd denen Filiale» > in Berlin» Breslau :r. > Znlcraic, welche bis Donnerstag eingehen. finden in der darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Zahrgaug. Leipzig, den 9. März 1880. No. 10. Inhalt. Leitende Artikel: Ein Rückblick auf die jüngsten Tage. — Die Eheschließungsfrage in Frankreich. — Ein Bekenntnis in der ^udensrage. I. — Zertungsuachtrichteu: Deutschland: Berlin» Königsberg in Pr.» Aus Westfalen, Aus Württemberg. Aus dem Reichslande. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Brünn, Serajevo. — Belgien: Brüffel. — Frankreich: Paris. — Rumänien: Bucharcst.— £ra.xt>JJ— donn: Notizen. Literarische Notizen. — Feuilleton: Collectanea: 1. Ein jüdisches Naturalisationsaefetz. — Antlpe,flMlstr,che Denksprüche. ^ctlc-nOc Bonn, 3. März. Ein Rückblick auf die jüngsten Tage. Wie keine staatliche Gesellschaft ohne Eigenthum und Familie, ohne Rechtspflege und Wehrhaftigkeit, in welcher Weise diese auch aufgefaßt seien, zu bestehen vermag» so beruht der neuere Cultur- und Rechtsstaat auf Principicn, ohne deren Anerkennung und Verwirklichung seine Existenz keine dauerhafte sein kann. Was auch und wie oft die Streiter für vergangene Zustände, für Hierarchie, Feudalstaat und Absolutismus versuchen, diese Principien zu verdächtigen, aus dem Bewußtsein des Volkes wieder zu beseitigen und die wechselnden Stimmungen maßgebender Persönlichkeiten zur Abschwächung jener zu benutzen, wie viel sie auch gegen den „Liberalismus" donnern und intriguiren, hier mit geringerem, dort zeitweise mit größerem Erfolge: es ist eitel Thun, ein letztes Aufgebot schwindender Kräfte, ein vergebliches Ringen, das zwar zur Zeit empfindlichen Schaden erwirken kann, aber auf Sieg und Herrschaft nicht mehr zu rechnen hat. Denn diese Principen sind das wesentliche Material, aus dem der neuere Staat zusammengebaut ist; fie bilden die Hauptorgane des Staates, die Elemente des Volkslebens, und selbst die Parteien, die diese Principien bekämpfen, existiren nur auf dem Grunde derselben und müssen zur eignen Existenz die Zuflucht zu ihnen nehmen. Eines dieser Grundprincipien des neueren Culturuud Rechtsstaates ist — die Gleichheit aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze ohne Rücksicht auf Religion und Race. Alles, was wir oben gesagt, gilt von diesem Principe. Allerdings ist seine , wirkliche Einführung in das moderne Staatsleben erst ein Jahrhundert alt, und ist der alten Welt aus der neuen, aus der nordamerikanischcn Union zugeführt worden. Es hat dort wie hier bis zu seiner unbedingten Geltung einen schweren Kamps zu bestehen gehabt, der selbst im Geburtslande des Vrincips noch in unsren Tagen eines blutigen Bürgerkrieges zur letzten Entscheidung bedurfte. Auch in Deutschland wurde dieses Princip erst 1869 besiegelt; denn der norddeutsche Bund und dann das deutsche Reich hielten es für nothwendig, es im gedachten Jahre nochmals als Gesetz auszusprechen. Den größten Sieg feierte es in den Beschlüssen des Berliner Vertrages (1878), indem dieser die Gleichberechtigung auch in den neuen Staaten an der Donau und aus der Balkanhalbinsel zum Gesetz machten. Es war eine feierliche Erklärung der europäischen Großmächte — Rußland cingeschlossen — daß diese Gleichberechtigung ein integrirender Theil des Völkerrechtes ist und daß kein moderner Staat ohne dieselbe bestehen dürfe und könne. Aber als ob jene höhere Weltordnung» welche die Menschenwelt leitet» uns bewußt machen wollte, daß selbst ein Sieg durch die Entschlüsse der menschlichen Mächte Schwankungen und Irrungen nicht ausschließe, als ob sie uns daraus Hinweisen wolle, auf erreichten Triumphen nicht einzuschlummern, sondern mit aller Kraft das erlangte Gut zu schützen und zu io