Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1880)
- Date
- 1880-03-02
- Page
- Seite 136 (sequence 8)
- Language
- German
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Umwälzung wälzt auch alle seine Verhältnisse und gestaltet ihn selbst um. Alles, was er erzählt, hat er an sich selbst erlebt, er hat es mit- und durchgemacht, daher das Fesselnde und Packende in seiner Darstellung. Denn wenngleich der Autobiograph zu schwach ist, dem reißenden Strom der Er-! eigniste Halt zu gebieten, wenn er auch nicht vermag, der allumstürzenden Macht der Zeit Widerstand zu leisten, so ist er kein Spielball der Verhältnisse, kein willenloses Geschöpf des launischen Schicksals. Wir sehen in ihm den Mann, der schon von frühester Jugend mit eiserner Energie und gestähltem Muth, mit zäher Ausdauer und bewunderungswürdiger Unermüdlichkeit mit den Verhältnissen, die ihn umgeben, unerbittlich kämpft und nach einem Ziele bewußt und unbewußt strebt. Wohl wird er von den Verhältnissen bald hin, bald her geschleudert; seine Bahn, die er stch selbst durchs Leben bricht, gleicht, einem ewigen Zickzack, einem capriciös stch schlängelnden Pfad durch dunkles Dickicht des Waldes, aber er nähert stch doch immer mehr seinem Ziele, das er auch schließlich erreicht; und dies Ziel ist: als gebildeter Jude ein würdiges europäisches Leben zu führen, im Geiste der Zeit und entsprechend den örtlichen Verhältnissen seine Kinder zu erziehen. Wie bescheiden ein solches Ziel Dem scheinen muß, der in normal-europäischen Verhältnissen geboren und erzogen ist, so schwer erreichbar war es für unfern Helden, der in einer armen, blutarmen jüdischen Familie Südrußlands das Licht der Welt erblickte, dessen Eltern noch dazu auf dem Lande, zwischen einem fanatischen, rauhen und vollständig unwissenden Pöbel lebten und mit den härtesten Umständen des Lebens einen erbitterten, schweren Kampf um's Dasein führen mußten. Ist es durchaus keine leichte Sache, aus solchen traurigen Familienverhältnissen stch herauszuarbeiten, so brachen noch gar nie dagewesene Ereignisse ein, die nur dazu angethan waren. Hinderniste über Hinderniste unserm strebsamen Erzähler in den Weg zu legen. Er aber überwindet ste alle, wenn auch nach hartem, mühevollem Kampfe, und schreitet unbeirrt seinem Ziele entgegen. So wird denn unser Autobiograph, ohne daraus zu prätendiren, in unseren Augen ein Held, der uns im Laufe der Erzählung immer sympathischer wird. Wir leiden und genießen, wir trauern und freuen uns mit ihm, wir interesstren uns nicht blos für die Erzählung jener reichbewegten Epoche, jener gewaltigen Ereigniste und riesigen Umwälzung im Leben unserer südrussischen Stammesgenoffen, die er uns so lebhaft, so schön und wahr vor die Seele führt, wir interessiren uns auch für den Erzähler selbst. Wie gesagt, in den „Memoiren" steht das Culturhistorische und Ethnographische weit vor dem Roman und als solches muß er auch beurtheilt werden. Man darf an sie nicht den Maßstab anlegen, den man an den Roman anlegt, und die Forderungen an sie stellen, die man an einen Roman zu stellen berechtigt ist. Nur als eine Galerie Cultur- und ethnographischer Bilder, die aber immerhin in einem innern Zusammenhänge stehen, wollen und sollen die „Memoiren" beurtheilt werden; dann aber wird auch das Urtheil aller derjenigen Unparteiischen, die die geschilderten Verhältniste kennen, ein günstiges sein, da das gegebene Material, wie die Behandlung destelben gleich anziehend, feffelnd und belehrend ist. Der Autor ist nicht blos tief in die Verhältniste seiner Umgebung eingeweiht, und in ihre tiefsten Tiefen eingedrungen, er versteht auch mit großer Meisterschaft, sie darzustellen; er erweist stch als ein ebenso feiner und scharfer Beobachter, wie tüchtiger Natur- und Porträt-Maler. Ein strenger Aesthetiker wird vielleicht an der Darstellungsweise unseres Autors hier und da Manches einzuwenden haben, er wird vielleicht finden, daß das richtige Maß nicht überall eingehalten ist, daß der Erzähler mit epischer Breite einzelne nebensächliche Verhältniste schildert und dadurch dem Leser es erschwert, seine Aufmerksamkeit auf die mehr wichtigen Momente zu concentriren, daß er zuweilen bei der Darstellung der äußeren Umstände lange sich aufhält auf Kosten der psychischen Analyse, daß er Licht und Schatten nicht immer gleichmäßig vertheilt . .. Aber nicht als vollendetes Kunstwerk wollen die „Memoiren ' gelten. Der Verfaster selbst giebt sie auch nicht als solches aus. Er wollte nur den Leser mit der Lage der südrusstschen Juden, mit ihren Leiden und Freuden, mit ihrem Wohl und Wehe bekannt machen; er wollte, daß seine Glaubensbrüder deutlich den eigenthümlichen Alp erkennen, welcher so schwer auf dem Geiste unseres Volkes geruht — jenen Alp, unter deffen lähmendem Druck stch die gequälte Brust nicht einmal durch einen Schrei Erleichterung zu verschaffen vermochte; er wollte für alle Zeiten den zersetzenden und corrumpirenden Einfluß, welchen der Chassidismus mit seinem schrecklichen Gefolge auf die große Maste der dortigen Juden ausübt, brandmarken; er wollte den ganzen Unfug der „guten Juden" mit deren Gabaim als etwas Abschreckendes dem jüdischen Publicum Vorhalten, damit es stch endlich aus den Klauen dieses Ungeheuers losreißt; er wollte erklären, woher jene Uebelstände kommen, um die seine unglücklichen Brüder verfolgt, unterdrückt werden, und deutet auch zugleich direct und indirect auf die Mittel und Wege hin, wie jene Uebelstände zu beseitigen wären; er wollte die Juden von vielen ungerechten Beschuldigungen rein waschen und viele chrer Lichtseiten, die dem christlichen Publicum ganz unbekannt sind, hervortreten lasten; und das Alles hat unser Auwr glänzend erreicht, dazu reicht sein von Natur reiches, wenn auch verhältnißmäßig weniger geschultes Talent vollständig aus. Eine mehr eingehende Besprechung dieser „Memoiren" wie noch anderer Schriften dieses Autors, insbesondere seines Romans „Der Abschaum des Jahrhunderts", welcher gegenwärtig im neuen russisch-jüdischen Organ „Rastwel" erscheint, behalten wir uns für die Zukunft vor. F— 1.