Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1880)
- Date
- 1880-03-02
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
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gerichtet, so war das eine Anmaßung, (Oh! Oh! rechts.' Sehr richtig! links. Große Unruhe) die mir allerdings das' Blut in Wallung brachte. Denn ist denn Herr Stöcker der Mann, ber; hier zu richten berufen ist im Namen Gottes? (Sehr richtig! links.) Das ist er nicht, und ich muß sagen, einem Standpunkt, der solche falsche Redewendungen und Aeußerungen hier führt, — dem gegenüber habe ich den V erdacht der H euchelei und der Ueberhebung! (Lebhafter Beifall links. Große Unruhe rechts.) Präsident: Herr Abgeordneter Hänel, diese letzte Aeußerung war unparlamentarisch, ich rufe Sie zur Ordnung. Augenzeugen berichten, wie tief sich Stöcker von dieser Rede betroffen gefühlt, wie bleich er geworden. Aus den persönlichen Bemerkungen heben wir nur folgende heraus: „Abgeordneter Loew e (Berlin^: Der Abgeordnete Stöcker hat mir den Rath gegeben, ich möchte in meiner amtlichen Stellung dafür sorgen, daß die bestehende jüdische konfessionelle Schule auf die städtische Verwaltung mit überginge. Darauf habe ich zu erwidern, daß ich nach dieser Richtung allerdings schon lange thätig gewesen bin, bevor ich diesen Rath erhalten habe, daß ich aber ebenso wie im Jahre 1865 gegenüber der jetzt noch bestehenden katholischen St. Hedwigsschule es für zulässig gehalten habe, wenn die jüdische Gemeinde aus ihren eignen Mitteln eine Schule erhält, während sie im übrigen, wie auch die katholische Gemeinde dazu beisteuert, die Gemeindeschulen zu erhalten und alle Kinder, sowohl katholische, wie jüdische, daselbst unterrichten zu lassen." Ein russischer Roman. Wir haben in Nr. 4 über einen spanischen Roman berichtet, der das Judenthum betrifft, und gesellen ihm heute einen russischen, der allerdings sich nicht gleich jenem ein allgemeines Problem gestellt hat, dagegen kulturhistorische Schilderungen enthält, die in ihrer Wahrheit und Ausführlichkeit von Bedeutung sind. Das Buch liegt uns vor, aber wir geben eine Kritik unsres Petersburger Correspondenten, die wir als zutreffend anerkennen. St. Petersburg, 18. Januar 1880. „Memoiren eines Juden". Unter diesem Titel ist jüngst von Ascharin, dem neuesten und auch wohl besten Uebersetzer Puschkin's und Lermontows der Roman „Sapiski Jewreja" von G. I. Bogroff in's Deutsche vortrefflich übertragen worden und im Verlag von A. E. Landau, Petersburg 1880 erschienen. Dieser Roman, welcher zuerst in dem besten und gediegensten Journale Rußlands, nämlich in dem „Otetschestwennija Sapiski" (Vaterländische Memoiren) und darauf (1874) als Separatabdruck veröffentlicht worden ist, hat bei seinem Erscheinen ein gerechtes Aufsehen und eine sehr günstige Beurtheilung von Seiten der russischen Kritik gefunden. Schon die Aufnahme eines so umfangreichen Werkes (c. 700 große Octavseiten stark) im besagten Journale zu einer Zeit, wo die russische Presse, wie das russische Publicum sich recht feindselig gegen die Juden benahm, spricht zur Genüge für den bedeutenden literarischen Werth dieser Memoiren, wenn man bedenkt, daß : ber Autor, ob er wohl auch zuweilen dort, wo die Wahrheit 1 es fordert, unseren Judophoben manche Concessionen machte, so!doch im Ganzen weit entfernt war, ihnen nach dem Munde i au sprechen, vielmehr trat er bei jeder schicklichen Gelegenheit 1 als ein echter Freund seines Volkes auf, dem das Herz eben so wegen dessen Gebrechen, als dessen großen Elendes blutet. Herr Bogroff, entschieden der talentvollste und fruchtbarste jüdische Belletrist Rußlands, der durch seine ausgezeichneten, gelungenen Schilderungen aus dem Leben der Juden in den südlichen Gouvernements Rußlands einen ehrenvollen Namen sich in unserer vaterländischen Literatur gemacht hat, ist immer! bemüht, einerseits seine glaubensgenössischen Landsleute zur j Selbsterkenntnis zu führen, andererseits gerecht und muthig! für ihre gekränkte Ehre, für ihr mit Füßen getretenes Recht einzuschreiten, und zwar beides, ersteres wie letzteres, mit : gleicher Wahrheitsliebe und Unparteilichkeit. In der vollen Unparteilichkeit und musterhaften Wahrheitsliebe liegt auch der Hauptwerth dieser „Memoiren". Der deutsche Leser, der! unsere Verhältnisse gar nicht oder nur oberflächlich blos vom Hörensagen kennt, wird vielleicht finden, daß der Dichter der > besagten „Memoiren" die Mängel wie das Elend unserer; Glaubensgenossen zu schwarz gesehen, und in zu grellen Farben!sie dargestellt; allein was kann der Dichter doch dafür, wenn ' unsere Verhältnisse in Wirklichkeit so und nicht anders sind! Soll er etwa die Wahrheit entstellen, die Geschichte fälschen? Das durfte er im gegebenen Falle um so weniger, als in diesen Memoiren der Roman vor den culturhistorischen und; ethnographischen Schilderungen in den Hintergrund tritt. Dem j Autor war hier vor Allem daran gelegen, sein Publicum mit j einem der interessantesten und bewegtesten Capitel aus der j der russischen Juden bekannt zu machen, und das j ift ihm auch vollständig gelungen. Die Memoiren umfassen , einen Zeitraum von vier Decennien, worunter die Regierung I beS Kaisers Nicolaus fällt, die so ungemein reich ist an tiefj ergreifenden Ereignissen, welche eine coloffale Umwälzung und! Umgestaltung im Leben und Treiben, im Denken und Fühlen,! Streben und Schaffen der russischen Juden hervorgerufen hat.!Der Autor läßt alle diese Ereignisse, die ganze Umwälzung vor uns vorüberziehen; allein er ist hier nicht ein stiller Zuschauer, er beobachtet sie nicht von der Vogelperspective, nein, alle diese Ereignisse greifen tief in fein eigenes Leben ein, jene