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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-03-02 · Heft 9 (2.3.1880) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 9 (2.3.1880)
Date
1880-03-02
Page
Seite 134 (sequence 6)
Language
German
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134 einigen wollte; er hat es abgelehnt. Ich glaube, daß da für den Abgeordneten Loewe ein ausgezeichnetes Feld der Thätigkeit wäre, diese Herren meinetwegen zur Simultanisirung zu veranlaßen, aber dieses Simultanisirungsprincip nicht bei uns geltend zu machen. (Sehr wahr'./'' Hierauf salbaderte nun Abgeordneter Stöcker über das Berliner Elementarschulwesen, namentlich daß ein Schüler nichts von der Krankheit des Königs Hiskia, wohl aber von Schiller und Göthe gewußt, daß einige Lieder von Rudolf Löwenstein und Kletke in dem Lesebuche ständen, und gestattete sich auch die Worte:1 „Gott hat das System des modernen Liberalismus gerichtet." Ihm antwortete Abgeordneter Or. H ä n e l und wir reproduciren seine Rede, soweit sie uns angeht, wörtlich: „Meine Herren, was den Herrn Abgeordneten Stoecker betrifft, so hat derselbe seine Rede wesentlich gehalten als eine Abwehr gegen die meiner Meinung nach höchst verdienten An-! griffe, die er erfahren hat. Zunächst hat er versucht, den Angriff zurückzuweisen, der gegen seine Agitation gegen die Juden hier erhoben worden ist Ich muß sagen, diese Zurückweisung war schwächer, als ich von ihm erwartet hatte. Ich muß sagen, er hat, anstatt eine Vertheidigung zu führen, uns hier Gesichtspunkte entwickelt, die noch viel mehr gegen ihn sprechen, als ich selbst vorausgesetzt habe. Meine Herren, wenn ich vom Standpunkt des Abgeordneten Stöcker gehört hätte, daß er den jüdischen Glauben als solchen bekämpfe, daß er von seinem konfessionellen Standpunkte aus den Juden etwas am Zeuge flicken will, so begreife ich das. — Oder wenn er umgekehrt, einen prähistorischen der Nationalität j hervorgekehrt hätte, so würde ich das weniger begreifen; allein ich müßte doch sagen, es klinge das nach etwas. Was sagt! er uns jetzt? Er hält dafür, daß die Bewegung, deren Ur-; Heber er ist, für die er verantwortlich ist, — er hält dafür,; daß diese Bewegung innerhalb einer großen historischen Entwickelung liege. Und wie begründet er das? Er sagt, die Weltgeschichte lehre uns, daß immer, ich weiß nicht von 5<-!0 zu 500 oder von 100 > zu 1000 Jahren, die Semiten in einem starken Kriege sich besinden gegenüber den Ariern. Meine | Herren, er exemplefizirt dabei auf die Römer und auf die Punier, ich glaube auch auf die Türkenkriege, die seit dem 15. oder 1<>. Jahrhundert in Europa hin und wieder gewüthet haben. Ja, um Gotteswillen, wo ist da ein Verständniß hierfür? Will er die Juden, die in unsrer Mitte leben, die in unserem Lande geboren sind, will er die in eine historische Reihe fetzen mit Dschingiskanischen Horden oder mit den Türken Osmans oder mit den Puniern in Karthago? Meine Herren, das ist ja nicht mehr faßbar. (Große Heiterkeit.) das ist ja faktisch eine so leere Redewendung, daß ich fast sagen muß, Herr Stöcker kann ernsthaft darin keine Vertheidigung finden, sondern er hat hier offenbar hinter eine allgemeine Anschauung sich verkrochen, sich versteckt, — ein Verstecken, welches vielleicht in irgend einer Volksversammlung irgend welchen Eindruck Hervorrufen könnte, aber doch wahrhaftig nicht in einer Versammlung solcher Männer, wie sie hier sind! Meine Herren, er ist dann fortgefah;en: ja, wenn er auch auf diesen großen historischen Hintergrund die Judenfrage hebe, so habe er sie doch zuspitzen müffen zu einer ethischen Frage, und zwar zu einer ethischen Frage gegen das jüdische Großkapital, gegen das jüdische Literatenthum, gegen den jüdischen Wucher. Er soll mir einmal die Sittlichkeit erklären, er soll mir einmal die ethischen Grundsätze entwickeln, die dahin führen, zwischem jüdischem und nicht jüdischem Großkapital zu unterscheiden, zwischen jüdischem und nicht jüdischem Literatenthum, zwischen jüdischem und nicht jüdischem Wucher. Er war vielleicht berechtigt, gegen Wucher, Großkapital und Literatenthum überhaupt zu eifern, das will ich von seinem sozialistischen Standpunkte aus ihm nicht bestreiten (Heiterkeit), aber daß er das Jüdische hineinzieht und gerade dies als , eine ethische Rechtfertigung seiner Angriffe hinstellt, — (Sehr | gut! links) ja, meine Herren, ich muß wirklich sagen, das ist leine Verwirrung aller ethischen Begriffe, (Sehr richtig! links) die in mir als Laien — ich kann es nicht verhehlen — eine; gewisse innere Erregung hervorbringt, weil ich mir sagen!muß: wenn zwischen Männern, die gerade an erster Stelle die! Ethik zu vertreten haben und zwischen mir und andern Laien ein so schwerer Widerspruch und Widerwille besteht, dann weiß ich nicht mehr, wohin wir in der deutschen Nation kommen sollen: denn dann sind wir nicht nur daran, daß wir uns bekämpfen, sondern wir sind in der That daran, daß wir uns als ganz fremde und nicht mehr einander verstehende Individuen gegenüber stehen. (Sehr richtig! und Bravo links.) Meine Herren, der Herr Stöcker ist dann übergegangen dazu, das Berliner Schulwesen zu kritisiren. Er hatte sich zu vertheidigen dagegen, daß er sich bis bis zu einem gewiffen Grade in unbestimmten Wendungen identisizirt hatte mit den Angriffen, die die Augustkonferenz gegen das Berliner Schulwesen erhoben hatte. Auch hier hätte ich erwattet, daß Herr Stöcker uns einigermaßen thatsächliche Vorhaltungen machte, die etwa aus die nicht genügenden Leistungen des Berliner Schulwesens hinwiesen. Ja, meine Herren, von dem allen! gar nichts. Ich muß Ihnen sagen, die Anführungen, die Herr j Stöcker gemacht hat, beweisen alles möglicherweise gegen seinen! Geschmack, aber gar nichts gegen die Berliner Schulverwaltung!" Hierauf machte der Redner Herrn Stöcker wegen seiner An-; führungen gegen das Berliner Schulwesen und Schulbuch i lächerlich, und schloß mit folgenden Worten: i „Auch ich habe meine religiösen Empfindungen, auch ich besitze gewiffe ethische Grundanschauungen, die, wenn sie nur angetastet werden, mir allerdings das Blut etwas rascher in 1 Umlauf bringen. Und wenn der Herr Abgeordnete Stöcker; vorhin gesagt hat, Gott habe über das liberale System

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