Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1880)
- Date
- 1880-03-02
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227295--37854-3307034- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Elbląg 1× ep/1047890
OCR text
131 *3 H Die Atreilschriften. haben wir bereits eine lange Reihe solcher Männer genannt, . >und Auszüge aus ihren Aufsätzen gebracht. In den letzten i Tagen erschien (Berlin, Carl Duncker, 1880) „Tie Religion Eine Wochenschrift schreitet nicht so schnell vorwärts, wie die Fluth der Broschüren stießt. Jedes Mal, wenn wir einen dieser Artikel beginnen, sind bereits neue Streitschriften in unsre Hände gelangt. Liegt es doch so schon in der Neigung unsrer Zeit, die Literatur in Broschüren, Hefte, Vorträge u. s. w-1 aufzulösen. Sehen wir nun ab von den Producten eines Marr, Naudh u. dgl., welche selbstverständlich das von ihnen gewählte Handwerk, auf Judenhaß fpeculirend, nicht eher aufgeben werden, als bis ihnen, was wahrscheinlich nicht lange mehr dauern wird. Niemand mehr ihr Maculatur abnimmt, so können wir hervorheben, daß sich zum Trifolium der „Preußischen Jahrbücher", „Grenzboten" und „Jni neuen Reich" kein neues Blatt, und zum Profesior Treitfchke und Di-. Tühring kein irgend wissenscbaftlich bedeutender Mann zugesellt hat. Desto mehr wächst die Zahl der Gegenschriften. Gegen Stöcker erschienen (Zürich, Verlagsmagazin, 1880): „Zur „Judensrage". Unsre Anforderungen an das Chrisienthum des Herrn Stöcker. Von Dr. Gottlieb Klein, Rabbiner in Elbing", und (Berlin, Gerschel, 188< ■) „Ein Wort im Vertrauen an Herrn Hofprediger Stöcker von Einem, desien Name Nichts zur Sache thut"; gegen Treitschke iLöbau, Skrzecsek) „Offener Brief eines polnischen Juden an den Herrn Redacteur Heinrich v. Treitschke von Bros es Aron Nadvr, Rabbiner." Wir können mit Befriedigung sagen, daß alle diese aus jüdischer Feder gestosiencn Entgegnungen von wahr-, hast sittlichem Ernst und fester religiöser Ueberzeugung ausgegangen, daß sie sich mir gerechter Entrüstung gegen die Angriffe und Schmähungen wenden, welche dem Judenthume und den Juden in reichem Maße zu Theil geworden, daß sie eben so oft eine feine Ironie verwenden, aber niemals über das rechte Maß hinausgehen. Wenn durch irgend Etwas das in den deutschen Juden lebende deutsch-nationale Wesen und Bewußtsein noch erwiesen zu werden brauchte, so würde in glänzender Weise der Beweis durch alle diese Gegenschriften geführt werden, nicht durch die Versicherungen, die sie geben, sondern durch Tas, was sich unmittelbar als Gedanke und Gefühl in ihnen ausspricht. Jndeß ist es nicht möglich, an dieser Stelle auf diese Schriften näher einzugehen und zu analysiren, was jeder derselben bei vielfacher Uebereinstimmung, die in der Natur der Sache lag. Besonderes zu eigen ist. Vielmehr wollen wir länger bei denjenigen Kundgebungen verweilen, die von christlicher Seite ausgegangen, weil cs eben darauf ankommt, zu zeigen, wie geringen Wiederhall Treitschke und Genoffen bei den edleren Geistern der Nation gefunden haben, und wie Viele sich bereits gemüßigt sahen, dem Treiben Jener entgegen zu treten. In den vorigen Artikeln und in den Zeitungsnachrichten der letzten Nummern des Gewissens als Zukunftsideal, von Dr. Aler. Wernicke". Wir werden an einer andern Stelle über diese Schrift, ihren Inhalt und Zweck sprechen, und bemerken nur, daß dem Verfasser ein scharfes philosopbifches Denken, ein reiches Wissen und Gemüth zur Seite stehen. Die letzten Seiten des Buches 1 (0. 121 —127 widmet er der Betrachtung der in Deutsch- * land gegenwärtig ausgekommenen Wühlerei gegen die Juden, über die er das schärfste Verdammungsurrheil ausfpricht. „Anstatt wenigstens den Frieden im Innern des Landes", hebt er an, „auf alle mögliche Weife zu fördern, entfacht man die Funken eines alten Haffes zu neuer Gluth." Er sagt „Es ist ein Glück, daß die neue Aera der Judenverfolgung von einzelnen ,Gebildetew eingeleitet wird! Es ist ein Glück — denn wenn die feindseligen Regungen aus dein Herzen des Volkes kämen, so verdienten sie wirklich Beachtung. So aber sieht man die Ursache des Grolles und seine geringe Berechtigung nur allzu leicht ein. Weil der Adel die Besitzungen verarmter Standesgenoffen in den Händen wohlhabender Israeliten sieht, weil der christliche Kaufmann hie und da einen Juden erblickt, der schneller vorwärts gekommen ist, als er, weil der Streber auf wissenschaftlichem oder staatlichem Gebiete öfters einem Hebräer begegnet, der klüger und gewandter ist als er — deshalb wird der alte Haß entfesselt. Anstatt in ehrlichem Kampfe den Wettstreit zu versuchen, will man die Eoncurrenz beschränken und dann, wenn man sich seiner Gegner entledigt hat, lorbeergeschmückt triumphiren. Es liegt uns fern, die Ursachen der Feindseligkeit gegen die Juden bei allen Clafsen aufzusuchen, wir wühlen nicht gern im Schniutze und deshalb genügt es uns, anzuführen, daß fast überall der niedrigste Egoismus die Triebfeder ist." Mir Befriedigung citirt der Verfasser den Ausspruch des Pädagogen Dittes in seiner „Geschichte der Erziehung und des Unterrichts für deutsche Volksschullehrer", 6. Aust. S. -17, der die „hervorragende Begabung und das lebhafte Interesse für die intellectuelle Arbeit", die Sorgfalt für die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder, so wie die Wohlthätigkeit zu Gunsten von Waisen und der durch die Natur vernachlässigten Kinder bei den Israeliten rühmt. Ter Verfasser kann es nicht begreifen, daß „eine Feindschaft, ein Haß zwischen Deutschen und Juden bestehe, da Beide auf demselben Boden leben, demselben politischen Verbände angehören, denselben Zielen zustreben, und widerlegt die einzelnen Vorwürfe, die man gegen die Juden erhebt. Er fährt fort: „Wir könuen von den Juden viel lernen. Ihr geordnetes Familienleben, ihre Achtung vor Eltern und Großeltern, ihre glücklichen Ehen, ihre Sorgfalt in der Kindererziehung, ihre Häuslichkeit, ihre Nüchternheit und Sparsamkeit und ä' i