Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1880)
- Date
- 1880-02-24
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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117 Religionsunterricht und confesponeller Unterricht identisch sei. als total fremde Individuen gegenüber stehen. «Sehr wahr! Wir besitzen im Volke einen Schatz religiöser und ethischer links.) Anschauungen, die vollkommen gleichgültig und gegen den confessionellen Standpunkt. Der Grundsatz, daß der Staat die einigenden Elemente hervorzukehren und zu pflegen habe, sei der einzige, mit dem eine Unterrichtsverwaltung bestehen könne. Der Abgeordnete Stöcker habe in seiner Vertheidigung Gesichts- ■ punkte entwickelt, die seine Auffasiungen sehr wenig recht-! fertigen. Herr Stöcker spricht, fährt Redner fort, von einem i ewigen Kampf der Semiten und Arier. Exemplificirt er da-' mit vielleicht auf den Kampf der Punier mit den Römern (Heiterkeit), auf Dschingiskhans Züge oder auf die Türkenkriege? Wie er zu solchen Behauptungen kommen kann, das ist mir unfaßbar. Er kann das gar nicht ernsthaft meinen. Es liegt darin eine Anschauung und Redeweise versteckt, die vielleicht für Volksversammlungen paßt sehr wahr'.), nicht aber vor unsere Versammlung. Herr Stöcker nennt die Judenfrage eine ethische; er sagt, man müsie gegen das jüdische Großcapital-, Literaten- und Wucherthum kämpfen. Er soll mir doch aber einmal ethische Grundsätze entwickeln, die dahin führen, daß man unterscheidet zwischen jüdischem und nicht-! jüdischem Literatenthum, zwischen jüdischem und nichtjüdischem' Wucher, jüdischem und nichtjüdischem Großcapital. ^Sehr gut^ und Beifall links.) Der Herr Abgeordnete Stöcker war vielj leicht berechtigt, gegen Wucher und Großcapital zu eisern, das will ich ihm von seinem socialistischen Standpunkte aus nicht bestreiten. (Lebhafter Beifall und Heiterkeit links, Widerspruch rechts.) Aber vom ethischen Standpunkt aus war er zu seinem Angriffe nicht berechtigt; ich begreife nicht die ethische Verwirrung, in der sich Herr Stöcker besindet, und es verursacht mir eine gewiffe Erregung, wenn Männer, welche die Pflege ethischen Bewußtseins sich zur Ausgabe stellen müßten, in einer solchen Weise die Ethik aussaffen, wie hier Herr Stöcker. Er und seine Partei werden es damit bald dahin bringen, daß wir uns gar nicht mehr verstehen, daß wir uns Nachdem der Redner die Vorwürfe noch lächerlich gemacht, die Stöcker gegen das Berliner Lesebuch vorgebracht, schließt er: „Ich betone endlich, m. H., auch ich habe eine religiöse Empfindung und ethische Grundanschauungen, und wenn man dieselben in gewiffer Weise antastet, so bringt mir dies das Blut rascher in Umlauf, und wenn Herr Stöcker vorhin gesagt hat, Gott habe über das liberale System gerichtet, so war das eine Anmaßung (lebhafte Zustimmung links, Lärm und Unteri brechungen rechts und im Eentrum), die mir allerdings das l Blut in Wallung brachte: denn ist Herr Stöcker der Mann, .der hier zu sprechen berufen ist im Namen Gottes? (Stür- . mischer Beifall links. Zischen und große Erregung rechts.) > Das ist er nicht, und gegen einen solchen Standpunkt hege ich den Verdacht der Heuchelei und Ueberhebung'. (Anhaltender Beifall links, stürmische Unterbrechungen, die sich bis zum Tumult steigern, rechts und im Centrum.) Präsident v. K ö l l e r: Ich rufe den Redner für seine zuletzt gebrauchten Ausdrücke zur Ordnung! Beifall rechts und imCentrum.)" Was der Cultusminister v. Puttkammer erwiedert, ist von keiner Bedeutung. Später nahm noch Abgeordneter Knörcke das Wort, welcher zuvörderst aus die heutigen Aeußerungen des Cultusministers eingeht und ausführt, sie seien so unglücklich gewesen, sich auf einen Mann zu beziehen (Treitschke), der bei einer andern Gelegenheit ganz andere Aeußerungen gethan, als die vom Cultusminister citirten. Redner verliest die betreffenden Aeußerungen Treitschke's. Wir I werden hierauf, so wie auf die ganze Sitzung nach dem steno-! graphischen Bericht in nächster Nr. zurückkommen. Es ist immerhin bezeichnend, daß von der rechten Seite des Hauses Niemand für Stöcker das Wort ergriff und daß , dieser nur in höchst schwächlicher Weise seine Sache führte, da ihm der Hintergrund seiner „social-politischen Arbeiter- 4 Partei" aus den Bierlocalen fehlte. k^eiliuicj .Mi ccc&t^c&teu. Deutschland. Bonn, 1*. Februar. (Privatmitth.) Das Januarheft des „Centralblattes für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen" bringt das „Verzeichniß der gegenwärtig an den preußischen Gymnasien, Progymnasien, Realschulen und höheren Bürgerschulen eingeführten Schulbücher". Die Einführung kann nur durch die Genehmigung des Unterrichtsministeriums „Israelitische Religionslehre von T)r. Ludwig Philippson". Wir machen hierauf besonders aufmerksam mit dem Wunsche weiterer Einführungen. Bekanntlich haben der k. isr. Obersirchenrath zu Stuttgart und der großh. isr. Oberrath zu Karlsruhe daffelbe Lehrbuch approbirt und empfohlen. Berlin, 11. Februar. (Privatmitth.) Wer die Verhandlungen unsres Abgeordnetenhauses in den letzten Tagen bei der zweiten Berathung des Cultusetats aufmerksam verfolgte, der wird sich über die Gehässigkeit und Rohheit, mit welcher geschehen. Unter den eingeführten Schulbüchern befindet sich auch für die „jüdische Religionslehre" (S. 16 Nr. 8) die; in der ultramontanen Prepe die Juden tagtäglich behandelt