Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1880)
- Date
- 1880-02-24
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
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f 115 j geborener Christ war, also schon bei der Geburt getauft worden. — Ein Leitartikel der „Köln. Z." vom 11. d. spricht sich in sehr zutreffender Weise über den Bund aus, welchen die evangelischen Hofkirchler mit dem Centrum zur Bekämpfung des Liberalismus, indem sie als ein wirksames Element die Juden einfügen, geschloffen haben. Dabei wird gezeigt, wie die Vertreter dieser Verbindung auf der Rednerbühne des Abgeordnetenhauses ihr „positives Christenthum" ganz anders desiniren, als z. B. in der Generalsynode. Man sieht, daß die Zeit eines erbitterten Kampfes noch nicht hinter uns liegt, daß man sich vielmehr auf einen solchen erst recht gefaßt machen müsse. Wer die Schuld trägt, daß sich jene Rüstzeuge des Obscurantismus wieder so stark fühlen und ihre Waffen im Lichte des Tages zu zücken nicht anstehen, braucht man nicht ausdrücklich zu sagen. Der Goethe'sche „Zauberlehrling" wird auch diesmal seine tiefe Wahrheit, freilich mit der Ueberschwemmung des Hauses, bethätigen. Berlin, 10. Februar. Es ist Wohl eine höchst eigenthümliche und darum um so auffälligere Erscheinung, daß der Cultus- und Unterrichtsminister von Puttkammer es für nothwendig gefunden hat, vom Ministertische aus Herrn v. Treitschke ein besonderes Zeugniß auszustellen, und zwar auf Grund einer Stelle der gegen die Juden gerichteten Broschüre Treitschkc's (Art. 111.1. Daß hierdurch die Worte des Ministers einen demonstrativen Charakter haben, ist einsichtlich, wie denn dies durch die Ueberschwänglichkeit des Lobes nur verstärkt wird. Zwar gebraucht der Minister die Autorität Treitschke's gegen die Simultanschule, aber die Art und Weise, wie er dies thut, läßt doch die Absichtlichkeit nicht verkennen. Nun, glücklicher Weise wird in unsrer Zeit das allgemeine Urtheil selbst nicht durch eine Erklärung vom Ministertische aus bestimmt, oder gar gefeffelt. Und von der anderen Seite leuchtet es ein, daß die Stimmung gegen Herrn von Treitschke eine sehr nachdrückliche sein muß, wenn man es von solcher Stelle aus für nothwendig erachtet, Herrn von Treitschke ein so außerordentliches und eine sehr deutliche Anspielung enthaltendes Lob zu ertheilen. Es trifft sich übrigens, daß die vom Minister angeführte Stelle Tr.'s gerade in der vor. Nummer d. Bl. beleuchtet worden ist. Sie mag Wohl anderswo auch aufgefallen und Gegenstand der Discussion geworden sein. In der Sitzung vom l l. Februar, wo der Elementarunterricht im Schuletat zur Verhandlung stand, äußerte sich der Abgeordnete Seyffardt (Crefcld» in seiner Rede für die Simulranschule: „Es werde durch die Erziehung in clericalen Volksschulen die Jugend der verschiedenen Confessionen in traurige Gegensätze gebracht. Man denke nur an die Judenhetze, die jetzt in den rheinischen clericalen Blättern in Scene gesetzt und die mit einer solchen Wuth geführt würde, daß die ganze christlich-sociale Bewegung des Herrn Stöcker nichts dagegen sei." Der Unterrichtsminister sprach gegen die Simultanschule und sagte unter Anderem: „Er vermuthe, daß die grundsätzlichen Vertheidiger der Simultanschule in der Preffe und auf der Tribüne für eine verlorene Sache eintreten. Ein Mann wie Treitschke, an dessen ganzer Thätigkeit er hauptsächlich den tiefen sittlichen Ernst zu schätzen wiffe, habe sich in den Preußischen Jahrbüchern energisch gegen die Förderung der Simultanschulen ausgesprochen. In Lehrfächern müsse nach Treitschke auf das jugendliche Alter der Kinder Rücksicht genommen werden. Duldung sei ein köstliches Ding, sie setze aber eine feste Ueberzeugung voraus. Geschichte zu unterrichten vor Kindern, die nur gut und schlecht zu unterscheiden wiffen, ohne Evangelische, Katholische oder Juden zu verletzen, das sei ein Eiertanz, der einen Gelehrten erfordere, nicht einen Mann in der bescheidenen Stellung ' Treitschke sagte „Bildung". D. Red.) eines Elementarlehrers. Hier sei die Simultanschule ein trauriger Rothbehelf. Diese goldenen Worte sollten allein hinreichen, um Treitschke ein Denkmal von Seiten der deutschen Nation zu errichten. Gelächter links.)" — Daß der Minister durch diese Aeußerungen den Judenfeinden neuen Muth gegeben und nunmehr voraussichtlich Treitschke bald Nachfolger erhalten werde, kann man sich nicht verhehlen. Berlin, 15. Februar. Nach den oben geschilderten Scharmützeln ging dann in der Abendsitzung des 11. Februar ein ernsterer Kampf vor sich. Der Abgeordnete Löwe (Berlin) ergriff das Wort, sprach sich für die Aera Falk aus, vertheidigte das Berliner Volksschulwesen, das seine großen Erfolge, „fast 90,000 Kinder werden auf Kosten der Commune ohne Standes- oder confessionellen Unterschied zu tüchtigen Bürgern durch vorzüglich vorgebildete Lehrer herangezogen", dem Umstande zu verdanken habe, daß die städtische Schuldeputarion aus Männern verschiedener Confessionen zusammengesetzt ist, die mit der größten Harmonie und ohne Zwietracht oder Mißklang bisher gewirkt haben. Da war es die ganz unberechtigte „evangelisch-lutherische Conferenz", welche über das Berliner Schulwesen ein Verdammungsurtheil aussprach, und hiergegen waren Redner und Straßmann ausgetreten. Redner fährt fort: „Herr Stöcker aber hat neulich nur den Punkt herausgegriffen, daß wir zwei Männer, die wir damals den Insinuationen der Augustconferenz entgentraten, jüdischer Confession waren. Dies bat er uns vorgeworfen, und er hat ferner gesagt, daß es mit der Berliner Bürgerschaft schlimm stehen muffe, wenn sie Männern jüdischen Glaubens, die gegen die Christen zu Felde zögen, zujubele und sie zu ihren Vertretern wähle. Wenn Jemand, der berufen ist, Frieden zu stiften, in solcher Weise confessionellen Hader hervorruft, dann ist eine Abwehr gegen derartige directe Provocation unbedingt nothwendig. Diese Abwehr würde aus allen.denjenigen Schichten kommen, einerlei welchen Glaubensbekenntnisses und welcher politischen Richtung sie sind, die da glauben, daß es jedes i