Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1880)
- Date
- 1880-02-24
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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hatte. Seine politische Laufbahn zu schildern, ist hier kaum! der Ort. Seine Thaten und Leistungen sind in die Geschichte, Frankreichs eingetragen und von kundiger Feder vielfach i beschrieben. Wir können auch auf die Biographie verweisen, j welche wir schon im Jahrgang 1867, S. 385 ff., von ihm' gegeben. Damals freilich konnte man nicht voraussehen, daß er noch bestimmt sei, als 7-ljähriger Greis in der gewaltigsten Krise seines Vaterlandes (1870) nochmals eine hervorragende Stellung in der Regierung der nationalen Vertheidigung einzunehmen und eine Zeitlang (zu Tours) das Geschick Franki reichs in seinen Händen zu haben, bis Gambetta die Dictatur an sich riß. Ebenso alt wie seine politische Laufbahn, da er j schon die fanatische bourbonische Reaction, die durch ganz Südfrankreich mit Dolch und Gift gegen die Anhänger der Revolution und des ersten Kaiserreichs wüthete, als kaum 21 jähriger Advocat öffentlich zu bekämpfen wagte, ebenso alt sind seine Bemühungen für seine Glaubensgenossen. Er war es, der durch ein glänzendes Plaidoyerden Eid more judaico in Frankreich zu Falle brachte, indem er nachwies, daß er der Verfaffung widerspreche. Er war es, der 18-40 nach Aegypten ging (nicht nach Damascus), um mit Montesiore und Munk bei Mehemed-Ali die Sache der unschuldig verfolgten Tamasker Juden zu führen und ihnen Recht zu schaffen. Längere Zeit hindurch war er Präsident des Central-Consistoriums von Frankreich. Mitten in den Stürmen von 1870 vergaß er nicht, durch ein Decret der Regierung der nationalen Vertheidigung die Naturalisation der eingeborenen Israeliten Algeriens und hiermit die Gleichstellung derselben zu bewirken. Wie oft er bei der ftanzösischen Regierung seinen Einfluß verwendet hat, um den Schutz derselben für mißhandelte Glaubensgenoffen in den orientalischen Ländern zu erwirken, ist bekannt. Als ihn eine Prozeßsache nach Konstantinopel führte, verweilte er in Bukarest und hielt öffentliche Vorträge, um die Emancipation der Juden zu erlangen. Die Begeisterung, die er anzufachen wußte, war augenblicklich groß: aber die Opposition antwortete nach seiner Abreise durch einen Dolksauflauf und die Zerstörung der neuen großen Synagoge. Noch am Abend seines Lebens nahm er an der Gründung der Alliance israelite universelle den nachdrücklichsten Antheil und führte den Vorsitz unermüdlich bis zu seinem Tode. Zahllose Schriftstücke der Alliance sind aus seiner Feder gefloffen. In den Generalversammlungen (auch zu Berlin und Brüssel) hielt er bewundernswerthe Reden. So hat Crcmieux gelebt und auch in seinen Privatverhältniffen die fteigebigste Wohlthätigkeit geübt. Wenn von irgend einem Manne, können wir von ihm sagen: Sein Andenken wird uns zum Segen gereichen: Verhandlungen im preußischen ^kgeordmtenhanse. Als jüngst im ungarischen Abgeordnetenhause der durch seine fixe Judenverfolgungsidee bekannte Abgeordnete Jstoczy die Gelegenheit vom Zaune brach, gegen die Juden zu donnern — lachte ihn das Haus aus, und der Ministerpräsident Tißa selbst, sowie der Abgeordnete Madüraß fertigten ihn kurz ab. Im preußischen Abgeordnetenhause liegt die Sache anders. Da bestehen zwei große Parteien, die Conservativen und das Centrum, zu deren Geburtselementen der Judenhaß gehört, und die, wo sie verbunden sind — und im Judenhaß liegen sie sich einträchtig in den Armen — die Mehrheit des Hauses bilden. Kommt nun dazu, daß seit Jahren chronisch, seit Monaten acut, von den Organen dieser Parteien die Krankheit des Judenhasses contagiös verbreitet wird: so konnte man irgend welche Explosionen im Abgeordnetenhause erwarten. Sie sind nicht ausgeblieben, und wir referiren darüber, wie sie, unbedeutend oder nicht, nach einander vorgekommen, indem wir zugleich auf die Berliner Correspondenzen unsres Blattes in Nr. 6 und 7 verweisen. Berlin, 1 2. Februar. In der vorgestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses ereignete sich ein kleiner, nicht uninteressanter Zwischenfall. Abgeordneter He. Zimmermann sprach zu Gunsten des Berliner Schulwesens. Der Redner ermahnte dabei, innerhalb und außerhalb des Hauses in den Aeußerungen vorsichtiger zu sein. Beispielsweise habe v. Schorlemer in einer früheren Sitzung von dem alten blutdürstigen Juden Shylock gesprochen. Solche nationale Anspielungen solle man lieber unterlassen, zumal die historische Forschung in Bezug aus Shylock ergeben habe, daß derselbe kein Jude, sondern ein römisch-katholischer Christ gewesen sei. (Große Heiterkeit.) — Man kann sich nur freuen, der historischen Wahrheit endlich von einer so weit tönenden Stelle aus Gerechtigkeit widerfahren zu sehen. Dr. Reichensperger (Köln) antwortet und will dem Abgeordneten Zimmermann gern den römisch-katholischen Shylock ausliefern, wenn seine Ouellensorschung sich richtig erweisen sollte; schlechte Menschen gebe es eben so gut unter den römischen Katholiken wie unter den Israeliten. — Nun, diesem Verlangen Reichensperger's kann leicht genügt werden. Ist doch der quellenmäßige Nachweis in diesen Blättern bereits Jahrgang 2 (1838) S. 285 und dann so oft wiederholt geführt worden, bis derselbe endlich zur allgemeinen Kenntniß gelangt ist. In seiner bekannten.und gewiß Wenigen sympathischen Weise erwiderte Abgeordneter v. Schorlemer Alst, daß er natürlich den Shakespeare'schen Shylock gemeint habe, daß er aber nichts dawider habe, wenn der Abgeordnete Zimmermann ihn nachträglich taufen wolle. (Heiterkeit.) Der Witz Schorlemer's ist um so lahmer, als, was er nicht zu > wissen scheint, Shakespeare schon seinen Shylock zur Taufe .gezwungen werden läßt, der geschichtliche Shylock aber ein