Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1880)
- Date
- 1880-02-17
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
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105 Walter und Besitzer, zertrümmerten, als Letzterer floh, verschiedene Scheiben, und beruhigten sich erst, als ein Mann durch einen Schuß verwundet ward." (Man übersehe nicht, daß man hier nur ultramontane Quellen vor sich hat? Oesterreich-Ungarn. Wien, 2. Februar. (Privatmitth.) Sie, Herr Redacteur, und die anderen Herren, welche die Juden und das Judenthum gegen die neuesten Angriffe Treitschke's mit so viel Geschicklichkeit vertheidigten, haben den Zorn einer ganzen Coterie aus sich geladen; die Herren der Breslauer Schule können es Joöl, Lazarus, Oppenheim, Breßlau und, wie gewöhnlich, am allerwenigsten Ihnen verzeihen, daß sie Herrn I)r. Grätz, der elf oder gar zwölf Bände jüdischer Geschichte geschrieben, nicht wie Ein Mann in Schutz genommen und einstimmig erklärt haben: Grätz' Ansichten sind nicht allein die unsrigen, sondern nicht minder die der Juden der ganzen Welt. Unser Rabbiner, Herr Dr. Güdemann, der so gern die Führerrolle der Partei übernimmt, ist anmaßend genug, das von den erwähnten Bertheidigern gegen Grätz beobachtete und von allen Unparteiischen entschieden gebilligte Verfahren in dem Parteiorgane „unklug, unreligiös-unmoralisch" zu nennen, und die anderen Herren stimmen un Chorus mit ein. Woher mit einem Male die Empfindlichkeit? Als Herr .Dr. Grätz in dem zuerst erschienenen Bande seiner Geschichte den ersten jüdischen Historiker, Jost, der doch auch zwölf Bände jüdischer Geschichte geschrieben, mit keiner Silbe erwähnte, als er seinen eigenen Lehrer und mehrjährigen Wohlthäter einen „ketzerriechenden Klausner" nannte, als er Zunz' bahnbrechende Arbeiten für einen „mehr verwirrenden als aushellenden Notizenkram" ausgab, als er in seinen elf Bänden jüdischer Geschichte die Namen Steinschneider, Cassel u. a., deren Arbeiten er häufig benutzte, mit völligem Stillschweigen überging, als er sich gegen das „Institut zur Förderung der israelitischen Literatur, dem er die Verbreitung, welche seine Geschichte fand, zum größten Theil verdankt, und gegen deffen Gründer in so widerlicher Weise benahm und aussprach, da hatten diese Herren kein Wort der Mißbilligung. jetzt werfen sie mit Ausdrücken wie „unmoralisch, unreligiös" u. dgl. m. um sich! Herr vr. Grätz hat es mehr als einmal bewiesen, daß es ihm an Muth und Kühnheit nicht fehlt, seine Ansichten und Aeußerungen selbst zu vertreten; die Herren Güdemann und deffen Parteigenoffen erweisen ihm durch ihre ungeschickte Dertheidigung einen schlechten Dienst, legen aber das vollgültige Zeugniß ab, daß Bescheidenheit eben nicht ihre größte Tugend ist. Pest, 30. Januar. (Privatmitth.) Die Stadtbehörde wollte, wie bekannt, daß der rituelle Act der Circmncision durch Aerzte vollzogen werde. Vom Cultusminister ist nun heute in dieser Angelegenheit ein Erlaß an den Magistrat gelangt, wonach die Vollziehung dieses Actes durch Aerzte nicht für nöthig erachtet wird, da dies eine rituelle Angelegenheit ist, bei welcher die Intervention der politischen Behörde nicht zulässig erscheine. Wohl gibt der Minister zu, daß mitunter in Folge mangelnder Sachkenntniß auch Verblutungen Vorkommen, doch geschehe dies so sporadisch, daß hierdurch der allgemeine Sanitätszustand nicht alterirt werde, daher auch diese Function nicht beschränkt zu werden braucht. Uebrigens hat der Minister sowohl die orthodoxe Gemeinde, wie auch die israelitische Landeskanzlei aufgcsordert, dahin zu wirken, daß den Operationen auch Aerzte beizuziehen seien, damit einem allfälligen Malheur 1 sofort gesteuert werden könne. Schließlich wird bemerkt, daß es unbenommen bleibe, für Unglücksfälle die Urheber strasgerichrlich zu belangen. Daß dieser Ministerialerlaß ein Muster von Jnconsequrnz ist, brauchen wir wohl kaum anzudeuten. Pest, 1. Februar. (Privatmitth.) Wir kommen heute unsrem Versprechen nach auf die Rede des Abg. Jstöczv in der Sitzung unsres Abgeordnetenhauses vom 28. Januar zurück. Nachdem mehrere Redner über die Corruption in den höheren ungarischen Gesellschaftskreisen gesprochen, nahm Jstöczy das Wort, um die hohen Sünder nur als arme Verführte darzustellen, während im Hintergründe die Verführer, die leidigen Juden ständen — wofür er freilich thatsächliche Beweise nicht anführen konnte. Das Hauptübel bestände aber darin, daß die Preffe von den Uebelthaten der Juden nichts verrathe. Er fährt fort: „Eben bei dem vorgerückten Stadium dieser Zeitsrage wäre es überflüssig, in eine weitere Erörterung der Judenfrage mich einzulaffen. Ich habe es in diesem Hause oft genug gethan. Und wenn auch bei uns diese Frage bisher nicht in Fluß gekommen ist, so ist sie es doch in anderen Staaten Europas, namentlich in Deutschland, wo die judenfeindliche Bewegung von Tag zu Tag größere Dimensionen annimmt. (Heiterkeit.) Die Zeit ist also gekommen, daß sie endlich auch bei uns in Fluß gebracht werde (Gelächter.) Präsident: Ich bitte den geehrten Herrn Abgeordneten,! beim Gegenstand zu bleiben oder vielmehr ihm näher zu kommen. (Heiterkeit.)! Victor I stö c zv: Deshalb werde ich mir jetzt nur erlauben, einen praktischen Vorschlag zu machen, der in dem Entwurf einer Verbindung bestünde, welche die ungarischen ' Nicht-Juden zum Zweck der Selbstvertheilung gegen die aggressive | und demoralisirende Macht der Juden schließen würden. Als Basis nahm ich die von der preußischen Regierung bestätigten 1 Statuten der Berliner „Antisemiten-Liga", hinsichtlich der i Details unsere speciellen Verhältnisse vor Augen haltend. Mit