Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1880)
- Date
- 1880-02-17
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Literatur, Kunst und nationales Leben: „Mehr Licht", Zeit-I betrachtungen, deren erste „von Juden und Christen" handelt. > Er beginnt: „Ich finde es nöthig, den Lesern die Versicherung j zu geben, daß ich von väterlicher, wie von mütterlicher Seite katholischen Familien entstamme und daß diese Abstammung! durch eine streng nach ritueller Vorschrift geschehene Taufe ihre j naturgemäße Weiterbildung empfangen hat. „Seit Monaten", j fährt er fort, „dauert im .Reiche der Intelligenz' ein Kampf,, welcher alle ehrenhaften Elemente des Christenthums und der * Judenschaft in tiefster Seele empört . . . Hier noch länger zu! schweigen, ist ein Verbrechen an uns selbst, deffen wir uns nicht schuldig machen dürfen . . . Die stärkste Empfindung, die ich bei dem Anblick dieser Hetz-,Literatur habe, ist Ekel, vermischt mit Bewunderung, ,wie herrlich weit wir's gebracht/ Wenn wir im Laufe unserer Geschichte besonders große Dummheiten gemacht haben, wenn uns irgend ein Unglück besonderer Art getroffen hat, so benützen wir meist zwei große Sündeaböcke: die Franzosen und die Juden . . . Wenn die Judenhetzerei auf die Kreise der Gebildeteren zielte, dann könnte man über sie ein homerisches Gelächter aufschlagen, so aber kann sie zu Ausbrüchen führen, deren wir Deutsche einfach uns bis in das Weiße vom Auge schämen müßten. Und wahrhaftig, gerade hier ist das Alles möglich. Jeder, welcher unser niederes Volk nach seinen guten und schlechten Seiten kennt, wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß es leicht zu fanatifiren ist. Das andere giebt sich von selbst . . . Jene Schreier, die in der > heute genug erregten Zeit diesen Haß erregen, machen sich! eines Verbrechens an der Ehre des deutschen Genius schuldig. 1 Sie schüren einen neuen Claffenhaß, als ob wir nicht schon! genug Haß aller Art in den deutschen Ländern hätten. . . . Juden haben mit uns in Frankreich gefochten; sie haben Säbel-, hiebe und Kugeln bekommen, wie wir: ihre Mütter und Frauen j haben gezittert für sie, wie die unsrigen, geklagt über die Todten' wie die unsrigen. Juden wirken als Lehrer auf Universitäten: und Gymnasien, Männer von idealen Anschauungen, ehrenhaft,, gelehrt, sind in verschiedenen Berufen thätig und unterscheiden sich durch nichts von ihren christlichen Mitbürgern. . . . Aber die Wucherer und Gründer? Es wuchern auch unverfälschte Jndogermanen, und was das Gründen anbelangt! nun da kennt man so verschiedene Herzöge, Fürsten und Grafen, deren Christenthum bis zum Pantoffelkuß geht und welche dennoch nicht .engherzig' waren und für einige Zeit ihren Ahnenschild als Geschäftsschild benutzen ließen. Es scheint mir im Allgemeinen zuträglicher zu sein, die eigenen Sünden zu bereuen, als über die des Nächsten zu sprechen. Der Schwindel jener Unglückszeit war weder christlich noch jüdisch, sondern so ganz genau confesfionslos, wie die Dividenden und Betheiligungen u. s. w. Das, was ich hier ausgesprochen, ist nicht meine Ansicht allein, so denken Tausende und dennoch haben sie gegen die Juden eine gewiffe Abneigung. Daran sind zum großen Theile jene flachen, innerlich rohen und äußerlich abgebrühten Lasten und Läffinen Schuld, nach denen das Judenthum in unserer deutschen Gesellschaft gewöhnlich beurtheilt wird. Es ist eine große Ungerechtigkeit, das zu thun, aber die Welt ist eben einmal so. Und diese Welt weiß nicht einmal, daß alle ehrenhaften und wirklich gebildeten Mitbürger vom mosaischen Glauben selbst jenes anmaßende, aufdringliche Treiben Einzelner verurtheilen: daß sie es vermeiden, daran Theil zu nehmen und klar wiffen, wie diese ihnen selbst die Stellung in der Gesellschaft oft recht sauer machen. Ich habe mit vielen Juden und mit manchen sehr viel und freundschaftlich verkehrt: sie haben mehr als einmal geklagt, wie sie oft genug auch bei ganz klugen Christen wegen solcher Glaubensgenoffen zu leiden hatten, welche doch nur den kleinsten Theil ausmachen. Alle braven Elemente aller Bekenntniffe müffen sich auf einer höheren Zinne als auf jener der Partei vereinigen, müffen gegen die faulen! Verhältniffe auftreten — und jetzt in der Zeit der wachsenden! Erregung die Besonnenheit bewahren. Sonst aber fürchten! wir Germanen uns vor der Verjudung, wie sie etliche Hetzer schildern, nicht im Geringsten: wir haben nicht die kleinste Angst! davor, dem schlimmen Juden die Wahrheit schlankweg in das j Gesicht zu sagen und dem guten zur Erreichung gemeinsamer! Zwecke herzlich und treu die Hand zu reichen." „Wir schließen hier mit einem Worte Ehlers, das er in einem Aufsatze über die Krankenpflege unter dem rothem Kreuze im „Deutschen Frauenverband", Zeitung der vaterl. Frauen- und Hilfsvereine u. A. gegen einen Pastor äußert, dem diese Krankenpflege noch nicht genug specifisch christlich ist: . . . „Wir sehen in der Mehrzahl der heutigen Juden, die unter den Christen wohnen, Leute, die wenigstens nicht ferner find dom Reiche Gottes, als sehr viele Namen- Christen auch: wir finden, daß sie christl. Cardinaltugenden oft fleißiger Pflegen, als manche, die sich ihrer Christlichkeit mit Emphase rühmen. Wer weiß, wenn unser Heiland heut auf die Erde käme und er fände es für gut, die Barmherzigkeit in anschaulichem Bilde zu malen, ob er nicht einen Juden zum Träger seiner Gedanken erwählen würde, wie er weiland seinen jüdischen Volksgenoffen einen Samariter beschämend vor die Augen stellte." Stuttgart, im Februar. (Privatmitth.) Da es jetzt gilt, Freund und Feind kennen zu lernen, so fühlen wir uns verpflichtet unter den Zeitungen, welche mannhaft gegen die Jntriguen der „Antisemiten" ankämpfen, auch den hier erscheinenden „Beobachtet hervorzuheben, der einer starken Ver-; breitung im Volke sich erfteut. So z. B. in seinen Nummern! vom 15. und 21. Januar geißelt er die Gegner in um so schärferer Weise, als .^Humanität, Recht und Vernunft das! Losungswort geben, welches das deutsche Volk allein zu seinem > Heile führen könne." > Aus Rheinyeffeu, im Januar. (Privatmitth.) Die