Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1880)
- Date
- 1880-02-17
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 folge, glaubt gänzlich entbehren zu können, und uns statt desselben einen ganzen Haufen von Behauptungen, auch von diesen noch viele unklar, widerspruchsvoll und halb wieder zurückgenommen, darbietet. Es ist kein angenehmes Geschäft, Schüleraufsätze zu corrigiren. Aber wenn solche in einem angeblich wissenschaftlichen Blatte von einem Manne, der angeblich ein Vertreter der Wissenschaft ist, geliefert worden, ist es wohl die Pflicht der Presse, die es ehrlich mit dem Publicum meint, eine derartige Arbeit über sich zu nehmen." Der Verfasser giebt nun einige Beispiele, wie die einleitende Phrase Treitschke's, daß er bei seiner Wiederkehr aus dem Auslande „erschrocken" sei, vor dem Erwachen des Volksgewissens, vor „diesen tausend Stimmen, die sich untereinander entschuldigen und anklagen." Er zeigt, daß diese Phrase vom Volksgewissen nichts als „ein Taschenspielerstückchen" ist, welches statt „öffentliche Meinung", die doch wie eine Windfahne in ihrer Richtung wechselt, das prahlerische Wort „Volksgewissen", das in sich selbst einen Widerspruch enthält, setzt. Dieses „Erwachen des Volksgewiffens" findet Treitschke „in einer hübschen Dreiheit: die Judenhetze, die evangelische Gcneralsynode und die Agitation für die Prügelstrafe." Der Verfaffer sagt: „Doch wir müffen die saubere Arbeit mit der Feder des Correctors im Einzelnen begleiten. Herr v. Treitschke schreibt: „Die wirtschaftliche Noth, die Erinnerung an so viele getäuschte Hoffnungen und an die Sünden der Gründerzeiten, der Anblick der zunehmenden Verwilderung der Mafien, die mit der Verbreitung der Geheimkünste des Lesens und! Schreibens mindestens gleichen Schritt hält, und nicht zuletzt das Gedächtniß jener Kräueltage vom Frühjahr 1878 (Attentate auf den Kaiser) — das Alles hat Tausende zum Nachdenken über den Werth unserer Humanität und Aufklärung gezwungen." An dieser Periode kann! man so recht das Molluskenhafte der Schreibweise des Herrn Profeffors studiren. Was soll das heißen: Die Verwilderung der Mafien geht mit der Ausdehnung des Elementar-Volksunterrichtes Hand in Hand? Sollen wir da eine ursächliche Verbindung annehmen und bei Herrn v. Treitschke die Anschauung der ehemaligen amerikanischen Sclavenbarone voraussetzen, die den Pöbel dumm erhalten wollten, um ihn bequemer mit der Peitsche regieren zu können? Und wenn es das nicht heißen soll, was soll denn überhaupt diese Parallelstellung zwischen dem Zunehmen der Rohheit und der elementaren Volksbildung bedeuten?" „Ferner: Das erwachende Volksgewifien hat die „Tau sende" zum Nachdenken über den Werth unserer Humanität und Aufklärung gezwungen." — Da haben wir wieder die Molluske, die, wenn man sie fafien will, aus der Hand gleitet Oder macht wieder der Taschenspieler seinen Hokuspokus? Der Werth „unsere r" Humanität und "Aufklärung wird, wie der Professor mit Vergnügen wahrnimmt, in Zweifel gezogen — nicht der Werth „der" Humanität und Aufklärung." Das auszusprechen, nimmt wohl noch ein Herr v. Treitschke Anstand. Also der Werth „unserer Humanität und Aufklärung"; soll das heißen der der Herren v. Treitschke und Gesinnungsgenossen? — Der Werth dieser Humanität und Aufklärung ist allerdings, wie der Leser gesehen hat und noch sehen wird, sehr gering. Oder soll es heißen der Werth der Humanität und Aufklärung unserer Volksmafie? Der ist ebenfalls sehr gering. Aber das kann doch „den Tausenden" nicht erst heute offenbar geworden sein. Herr v. Treitschke! schreibt: Der Werth unserer Humanität und Aufklärung i - und dieser ist sehr unbedeutend: und Herr v. Treitschke I meint: Der Werth der Humanität und Aufklärung - und der ist so groß, daß selbst Herr v. Treitschke ihn im Worte nicht anzuzweifeln wagt. Ist dies nun Molluske oder Taschenspieler oder Beides?"! Was der Verfasser betreffs der Aeußerungen Treitschke's! über die Generalsynode und die Prügelstrafe bemerkt, überj gehen wir hier, und geben den Schluß des Artikels hinsichtlich! der „Judenfrage":; „Es ist keine leere Redensart, wenn man heute von einer > deutschen Judenfrage spricht" — sagt Herr v. Treitschke.! Engländer und Franzosen mögen sich über unser Vorurtheil j gegen die Juden aufhalten: „die Zahl der Juden in Westeuropa ist so gering, daß sie einen fühlbaren Einfluß auf die nationale Gesittung nicht ausüben können: über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer, Hosen verkaufender Jünglinge hinein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen" rc. „Ist denn, Allerwerthester, mit Hosen zu handeln, mit alten Hosen zu handeln — und wären es selbst die Ihrigen — ein weniger anständiger Erwerb, als solche Artikel für Honorar zu schreiben, wie der, den ich bis hierher durchzusehen — um mit Ihnen zu reden — die „Tapferkeit" hatte? Und Sie haben „den Muth" — ist nicht das richtige Wort — auf der folgenden Seite (574) von dem „eigentümlich schamlosen Ton" zu reden, den Börne in unsere Journalistik zuerst eingeführt? Börne und Treitschke! Herr Profeffor, ich bin nicht Schuld daran, wenn man Sie bei dieser Zusammenstellung auslacht. Aber diese Zusammenstellung hat auch ihre tragische Seite. Ginge es nach Ihnen, so würde Börne, der es an glühender Vaterlandsliebe mit jedem Deutschen bis auf! den heutigen Tag aufnehmen kann, noch jetzt als Fremdling I von Deutschland ausgeschlossen. Er ist glücklicherweise todt. Aber Sie leben noch, und schon hat einer Ihrer Jünger in der Racenausspähung entdeckt, daß die Treitschke's eigentlich S l a v e n sind. Kommt der Tag, an dem das eintritt, was Sie das „Erwachen des Volksgewissens" nennen, d. h.