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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-02-10 · Heft 6 (10.2.1880) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 6 (10.2.1880)
Date
1880-02-10
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
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machen — nicht mehr auf den Schaden für Sitte und Sitt-! lichkeit hinzubrinzen, sondern die jüdischen Emporkömmlinge als unsere Verderber zu brandmarken . . . Aber ich habe nicht die Absicht, in diesen harmlosen historischen Betrachtungen eine Lanze für die Juden zu brechen. Das mögen die Juden selber' thun, und thun es ja reichlich, und haben Recht, es zu thun. Ich habe auch nicht die Absicht, als Christ zu Christen zu reden oder irgend einem bestimmten „Anti-Semiten" mit Saladin zuzurufen: „Ruhig, Christ!" Ich rede nur als Deutscher, und rede in diesem Zusammenhänge davon, weil die Toleranzfrage! für uns eine Culturfrage ist und weil cs zu meinem Lebens-i berufe gehört, für die Traditionen unserer classischen Bildung, so viel in meinen schwachen Kräften liegt, einem dünkelvollen Geschlechte gegenüber einzustehen. In diesem ekelhaften Judenstreite, der in Deutschland Dimensionen angenommen hat, von denen man in Oesterreich vielleicht nichts ahnt, werden nicht nur muthwillig neue Standes- und Classenkämpfe geschürt, als ob wir an dem Jammer der Social-Demokratie nicht genug hätten: es wird von treuen patriotischen Männern im besten Glauben eine unreine Sache verfochten, welche ursprünglich von der reichsfeindlichen Presie, von Ultramontanen, Reactionärcn und Particularisten zur Verdächtigung der maßgebenden Reichspolitik in Bewegung gesetzt war: es wird den schlechten Jnstincten' der Masse geschmeichelt, welche stets, anstatt die Quelle vorhandener Mißstände in sich selbst zu suchen, nach einem Prügelknaben verlangt; es wird endlich unsere nationale Würde unheilbar compromittirt; denn ist es einer edlen hochgestiegenen Nation wie die deutsche würdig, daß sie in einem Augenblicke! wie der jetzige, gekrönt mit unverwelklichen Lorbeern, geachtet! und gefürchtet wie niemals seit den Tagen mittelalterlicher Kaiserherrlichkeit, und andererseits durch unheilvolle, unverwind- . bare schmerzliche Erlebnisse zur Einkehr in sich selbst gedrängt' — daß sie in einem solchen Augenblicke sich öffentlich beklagt und beschwert, als ob die Handvoll Juden, die unter uns ihr Leben fristen oder zu Ehren und Reichthümern emporgestiegen stud. uns Licht und Luft benähmen? Ich für meinen Theil bin zu stolz, um in solche Klagen einzustimmen, und beklage. tief, daß nicht alle meine Landsleute den gleichen Stolz! besitzen." Wim, 26. Januar. (Privatmitth.) Am 20. d. hat das. ungarische Judenthum einen schweren Verlust durch das Hin-1 scheiden des Oberrabbinen von Neutra, Herrn SalomonDeutsch, erlitten. Er war unstreitig gegenwärtig der größte Charif in Ungarn, hat Hunderte von Schülern im talmudischen Wissen ausgestellt und war bei strenger Orthodoxie von mildestem, duldsamstem Charakter und Lebenswandel. Er schloß im 67. Lebensjahre sein, dem Studium, dem Lehramts und der Seelsorge gewidmetes irdisches Dasein. 1813 in Morwa-Lißko (Com. Neutra) geboren, wurde er frühzeitig zum tüchtigen Talmudisten ausgebildet, und leitete seit 1832 in Neutra eine große Jeschiba. Da er erkannte, daß einem jetzigen Lehrer auch die Kenntniß anderer Wiffenschaften unentbehrlich, erlernte er heimlich die deutsche und ungarische Sprache, und vermochte bald seine Vorträge in deutsche Gewandung zu kleiden, wodurch er Hunderte von Jüngeren gewann, die ihm mit innigster Liebe und Verehrung zugethan waren. 18'0 folgte er einem Ruse als Oberrabbiner des Sonter-Comitats nach Jzolysag, wo er bis 1871 wirkte. Da brachen die leidigen Zerwürfnisse der beiden jüdischen religiösen Parteien auch in seinem Comitate los und störten auch sein ruhiges Walten. Jndeß wurde er um diese Zeit von der Fortschrittspartei der Reutraer Gemeinde als Oberrabbiner berufen. Jedermann gab sich der Hoffnung hin, daß mit einem solchen Manne auch die Zelotenpartei zufrieden und der Friede wieder hergestellt sein würde, aber das Gegentheil trat ein. Männer, die ihre Unwissenheit mit dem Mantel der Frömmigkeit bedeckten, traten gegen den ehrwürdigen Mann auf und begeiferten ihn. Erst im Jahre! s7f> vereinigte sich die Gemeinde wieder und von damals an leitete j er abermals eine bedeutende Talmudschule bis er nach längerem ' Leiden am 20. d. verschied. Am folgenden Tage fand unter! Theilnahme vieler Deputationen ungarischer Gemeinden. der Comitatsbehörden, der Geistlichkeit der Stadt und eines unübersehbaren Trauergefolges die Beerdigung statt, nachdem in der Synagoge mehrere Rabbiner und am Grabe der Schwiegersohn des Verstorbenen, Rabb. Weil aus Temesvar, ergreifende Mieden gehalten. Möge das Vorbild des Verklärten die Neutraer Gemeinde auf dem Wege des Friedens, der Einsicht und Frömmigkeit erhalten! I»r. Ungar, Rabbiner zu Mariahilf und Neubau. Aus Ungarn, 2.',. Januar. (Privatmitth.) Welche Gegensätze unsre Zeit noch birgt, und wie es in manchem Culturlande, namentlich dem unsrigen, noch zugeht, wird der Leser aus folgenden zwei Vorgängen schließen. Ter „Függetlens«'g" theilt mit: In der Gemeinde Cantor-Jarosi (Szatmtzrer Comitat) wurde der dortige, allgemeiner Achtung sich erfreuende jüdische Grundbesitzer Ignaz Mandl auf Antrag des Kirchen-Kurators Emerich Csuja zum Presbyter der evangelischen Kirchengemeinde gewählt. Der Wahl folgte ein gemüthliches Banket, bei welchem der Pfarrer Josef Segesvüri den neuen Presbyter in schöner Rede begrüßte. — Und nun der Gegensatz. Die „Panamia" berichtet: Am 8. d. M. gelang es einigen Finanzwachleuten, aus Csap einen Juden aufzusangen, als dieser gerade einen Bündel jungfräulichen Tabak durch den Dobronyer Wald trug. Sie i brachten ihn nach Ungvür und übergaben ihn dem Stuhlrichteramte, wo derselbe einem Verhöre unterzogen wurde. Nachdenr der Schwärzer jedoch in Klein-Dobrony (Beregher Comitat) zuständig ist, so mußte derselbe zur iveiteren Amtshandlung : nach Beregßüß abgeschoben werden. Zwei Panduren bekamen (>

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