Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1880)
- Date
- 1880-02-10
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
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88 genug. Man kann sich ja dann dagegen verwahren, daß man dem beistimme, aber warum allegirt man eine solche Aeußerung, wenn man entrüstet ist über eine Aeußerung, die im Landrath von Unterfranken gemacht wurde, die aber ebensowenig angenommen zu werden braucht, wie diese? Diese Allegation beweist doch eine besondere Liebhaberei in der Richtung und ich glaube, daß die Bemerkungen des Herrn Dr. Frank allerdings geeignet stnd, eine Judenhetze anzuregen." — Dem Pfarrer Frank mochte doch Wohl seine Aeußerung etwas ungeheuerlich Vorkommen; denn er nahm in der folgenden Sitzung am 28. Jan. die Gelegenheit wahr, sich etwas anders auszusprechen : „Ich will nicht für die Erhöhung der Gensdarmerie sprechen, auch nicht im Spessart; dort kann Jedermann gehen, ob er Christ oder Israelit ist, ohne Besorgniß, angefallen zu werden." Ihm antwortete Dr. v. S chauß, und nachdem er die treffliche Organisation der Gensdarmerie auseinandergesetzt, fügte er hinzu: „Also diese Sache ist so geordnet, daß ich die Rede des Herrn Dr. Frank lieber nicht gehört hätte. Wenn er aber auch heute wieder die Christen und Juden als solche Personen zu erwähnen beliebte, die durch den Speffart ungefährdet gehen können, so muß ich ihn bitten, die Judenfraae aufzusparen, bis dazu bestimmte Gelegenheit gegeben ist und etwa von bestimmter Seite ein Antrag kommt, dieselbe in gesetzlicher Weise zurückzuschrauben; er soll dann von uns volle Wahrheit hören. Eines glaube ich, daß die Unterlaffung der Anspielung auf confesstonelle Unterschiede in der Richtung zum Frieden mehr beiträgt, als wenn man derartige Unterschiede ohne jeden ersichtlichen und vernünftigen Grund vorbringt. (Glocke des Präsidenten.)— Präsident: Ich weiß nicht, ob Dr. v. Schauß gestern anwesend war; Herr Dr. Frank hat sich lediglich auf das bezogen, was gestern zwischen ihm und Abg. Dr. Frankenburger geäußert wurde; er wollte nur eine Art Entschuldigung dafür anbringen. (Widerspruch links, Bravo rechts.) — Abg. Dr. Frank: Ich habe der Constatirung des Herrn Präsidenten, für die ich ihm dankbar bin, nichts weiter beizufügen. Meine Informationen habe ich nicht blos von Gendarmen, sondern, wie ich ausdrücklich erwähnt habe, auch die Leute haben mir die Versicherung gegeben, daß die Gendarmen unter diesen Verhältniffen ihre Schuldigkeit ebenso gut thun wie früher." Uebrigens hat der „Nürnberger Anzeiger" einen zutreffenden Artikel über die Anschuldigungen und Aeußerungen des Pfarrers Frank schon in seiner Nummer vom 29. Jan. gebracht, der folgendermaßen beginnt: „Die Ultramontanen im bayerischen Landtag entwickeln bei dem Geschäft, das Ansehen der bayerischen Volksvertretung in der ganzen civilisirten Welt aufs Gründlichste zu discreditiren, einen Eifer, der einer beffern Sache würdig tväre, und der leider nur allzusehr von Erfolg gekrönt wird. Kaum hat sich das Lachen Europas über die Beschwerde eines der frommen Herren wegen Aufführung des Lessing'schen „Nathan der Weise" auf einer königlichen Bühne gelegt, kaum sind die frommen Donquixoterien gegen die moderne Bildung einigermaßen der Vergeffenheit anheimgefallen, da fühlt in der gestrigen Kammersitzung abermals ein hochwürdiger Volksvertreter das unabweisliche Bedürfniß, die mitleidige Aufmerksamkeit Europas für einen Augenblick auf den Saal in der Prannersgaffe zu lenken." Crcfcld, 1. Februar. (Privatmitth.) Auch die „Crefelder Zeitung" vom 26. Jan. enthält einen trefflichen Artikel „Christliche Stimmen über die neueste Judenfrage." (Wir werden darüber in nächster Nr. referiren. Redact.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 26. Januar. (Privatmitth.) In einem Ihrer jüngsten Artikel sprechen Sie das Vertrauen aus, daß auch in Deutschland das öffentliche Gewiffen gegen die ungerechte Behandlung der Juden, die jetzt daselbst wenigstens in der Preffe gäng und gäbe ist, wieder erwachen werde. Dies scheint sich doch nun glücklicher Weise zu erfüllen. Hier in Oesterreich hat man von jener Schandliteratur nur wenig Notiz genommen und wir sind hiermit nur zufrieden. Denn das pro hätte auch sein contra hervorgerufen. Daß darum alle edleren Geister, alle klaren Denker, gegen jene schmachvollen Bestrebungen unter Christen wie Juden sich angeregt fühlen; davon wollen wir nur ein Beispiel anführen. Der rühmlich bekannte deutsche Literaturhistoriker Wilhelm Scherer giebt im Feuilleton der „N. fr. Pr." „Skizzen aus der älteren deutschen Literaturgeschichte", jüngst über „Kreuzzüge und Toleranz." Er zeigt hier, wie im zwölften Jahrhundert der Geist der Toleranz geherrscht, im dreizehnten aber dem Fanatismus gewichen sei. Er erweist dies aus den Dichtungen jener Zeit. Seinen Artikel schließt er mit folgenden Worten: „Kurz, die ganze mittelhochdeutsche Dichtung in ihren hervorragendsten Vertretern ist wie unsere moderne classische Literatur getragen von dem Grundsätze der Toleranz. Es ist ein Anzeichen des Verfalls im dreizehnten wie im neunzehnten Jahrhundert, wenn die Fanatiker auftreten, welche das Evangelium der Liebe unter den Confesfionen verleugnen und das gegenseitige Mißtrauen, Haß und Verfolgungseifer schüren. Mit den Mahomedanern haben wir im heutigen Deutschland nicht zu rechnen; aber die Juden scheinen uns neuerdings sehr zu drücken, und es gilt für geschmackvoll und für patriotisch, nicht mehr den gewiffenlosen Wucher als solchen zu erkennen, sondern den jüdischen Wucher — nicht mehr die unverständig und aufreizende Prahlerei des Geldprotzenthums öffentlich zu tadeln, sondern die jüdische Prahlerei — nicht mehr die Gesinnungslosigkeit eines schlechten Literatenthums, wo sie auftritt, zu verfolgen, sondern das jüdische Literatenthum anzuklagen und für nationale Sünden verantwortlich zu