Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1880)
- Date
- 1880-02-10
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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83 seine früheren Genossen, die Jacobiner, stürzten. Nein, der'Aufsatz eigentlich gegen den Liberalismus, „der bei Herrn Jude, der an einem geläuterten Cultus, wie ihn jetzt bereits v. Trcitschke eben in Ungnade steht, gerichtet und der Angriff eine große Zahl der jüdischen Gemeinden hergestellt bat, keine gegen die Juden ist nur eine Diversion im heutigen großen Befriedigung findet, hat überhaupt kein religiöses Bedürfniß! Feldzuge gegen den Liberalismus." Auch gehört Trcitschke zu mehr, wenigstens nicht ein solches, das in der Gemeinsamkeit Denen, welche, um ihren Cultus der Nationalität zu bethätigen, befriedigt sein will. Wenn der so hochachtbare Verfasier keinen; überall, auch in der eigenen Heimath, Fremdartiges ausfindig anderen Weg, zum Frieden zu gelangen, aufzufinden weiß, machen, um es mannhaft zu bekämpfen. Sehr zutreffend verdünn hat er den rechten Weg gänzlich verfehlt. Die Treitschki ade hat eine lange Reibe von Gegenschriften hervorgerufen, die unsre frühere Bemerkung, daß in! dem gegenwärtigen Kampfe diejenigen jüdischen Autoren, welche am meisten dazu berufen wären, stillschweigend fich verhielten, gegenstandslos gemacht hat. Außer unsrer „Antwort" und! der des Dr. I oü l, außer den Sendschreiben des Landrabbinen Dr. Glück und des Redacteurs S. Meyer'), außer dem Vorträge des Profeffor Lazarus und der Broschüre des Dr. Paulus Cassel, die wir ausführlich besprachen, haben B H. Oppenheim in der „Gegenwart". Profeffor L>r. Harry Breßlau „Zur Judenfrage" ich'erlin, Dümmler, 1880) und Ludwig Bamberg er in „Unsre Zeit" (Jahrg. 1880 II. Heft) dem Berliner Profeffor und Reichstagsabgeordneten geantwortet, und wie uns eben mitgetheilt wird, ist soeben noch eine Broschüre „Börne und Trcitschke" (Berlin, Stein, 188<0 ausgegeben worden. Cs liegt in der Natur der Sache, daß! diese Schriften, da sie denselben Gegenstand behandeln, den-1 selben Angriffen cntgegcntreten, sehr Vieles mit einander gemein haben, ihre Widerlegung mit gleichen Argumenten begründen, und fich nur darin unterscheiden, daß die eine diesen, die andere jenen Punkt mehr hervorhebt und fich bald eines feineren, bald eines gröberen Tons bedient. Wenn ein Mann zu dieser Polemik vorzugsweise befähigt war, so ist dies Ludwig Bamberger. Die Eleganz und Lebhaftigkeit des Styls, die feine und doch durchschlagende Ironie, verbunden mit großer Klarheit der Meinung und dem präcisesten Ausdruck, wozu fich eine reiche Sachkenntniß gesellt, alle diese Eigenschaften vereinigen fich in Ludwig Bamberger, der bereits eine Reihe glänzender Streitschriften auf dem volkswirthschaftlichen Gebiete, zuletzt auch gegen die Socialdcmocratie, geliefert hat. In der gedachten Abhandlung „Deutschthum und Judenthum" zeigt er Herrn v. Trcitschke zuerst, wie er seine Aufgabe hätte auffaffen und lösen sollen, und weist ihm dagegen die Unfittlichkeit in dem von ihm eingeschlagenen Verfahren nach: „Vor Allem steht Trcitschke selbst unter der Herrschaft der erblichen Antipathie, und wo er Arzt sein will, ist er Patient." Daß Juden die größten deutschen Männer angegriffen, darin haben sie unerreichte Vorbilder an zahllosen christlichen deutschen Schriftstellern. Jndeß ist Treitschke's 1) Die Besprechung von <Älück und Meyer geschah unter den „Literarischen Notizen", die, längst am Druckort, wegen Mangels an Aaum noch nicht abgedruckt wurden. gleicht Bamberger dieses Streben mit den amerikanischen Nativiffen, während doch der Nativismus gegen die deutschen Juden nichts anfangen kann, die seit zwei Jahrtausenden auf der deutschen Scholle sitzen. Doch alle Beschuldigungen sind nur Scheingründe, da man es doch nur „mit einer alten von Geschlecht zu Geschlecht seit Jahrhunderten fortgezeugten Antipathie zu thun hat", die man rundweg einzugestehen sich scheut. Bantberger vergleicht die Behandlung der Juden in Deutschland mit der der Deutschen in Rußland. Er zeichnet die Charakterzüge, welche die Juden mit den Deutschen gemein haben, und wieder solche, worin sie sich unterscheiden. Sehr scharfsinnig spricht er über das Wesen der Cultur, und wie grundfalsch Trcitschke diese auffaßt, wenn er „die Reinheit der deutschen Cultur" mit klangreichen Phrasen herausstreicht. Cr fragt alsdann, worin denn die Juden „das Unglück Deutschlailds" seiend „Ist dieses Unglück eine so offenkundige Thatfachet mrd sind die Juden schuld am Deficit, an der Kartoffelmißernte, an der oberschlesischen Noth, am Socialismus, an den Attentaten, an der Gefahr eines russischen Krieges, an der wachsenden Militärlast, sogar am unbeendeten Culturkampfe und wer weiß an was Allem sonst noch? Haben sie wieder einmal alle Brunnen vergiftet, aus welchen die sämmtlichen Pestilenzen sich herleiten, so muß auch entsprechend die letzte Frage beantwortet werden, nämlich: was hat gegen dies Universalunglück zu geschehend" Doch wir können hier nur auf den Reichthum scharfsinniger Bemerkungen und feiner Beobachtungen hindeuten, welche dieser Aufsatz enthält. Gewiß, hätten wir es nur mit Vernunft und Billigkeit zu thun, so wäre der Sieg in ausgesprochener Weise auf unsrer Seite. Leider stehen uns jedoch Vorurtheil und Böswilligkeit gegenüber, die fich niemals besiegt geben, und immer wieder dieselben vergifteten Waffen schwingen'. (Fortsetzung folgt) Die Inden in England. Der „Pest. Ll." bringt unter obiger Aufschrift einen sehr intereffanten,wenn auch nicht in allen Punkten zutreffendenArtikel, welchen wir, mit Hinweglaffung der Einleitung, hier wiedergebcn. Auch in England wird jetzt viel über die Juden discutirt. Es ist dies schon vor einem Jahre geschehen, anläßlich einer