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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-02-10 · Heft 6 (10.2.1880) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 6 (10.2.1880)
Date
1880-02-10
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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in Deutschland um so leichter und gefährlicher ist, als die deutschen Industriellen auf allen Stufen geneigt find, sich dem Schlendrian und der süßen Indolenz auf hergebrachtem Wege zu ergeben. Nur wurden wir lebhaft an den Bärenführer in Atta-Troll und den Oberbürgermeister im preußischen Herrenhause erinnert, wenn der Verfasser die Herrschaft der Juden in der Pres se zugiebt, die doch soeben die Thatsachen zweifellos dementirt haben. Dies im zweiten Abschnitt; wenden wir1 uns zum ersten, der dem Verfaffer unstreitig der wichtigere ist. Herr Stöpel sucht darzuthun, daß in allen diesen Angriffen! das konfessionelle Element das „Grundlegende" sei und daß die Confession es sei, welche die Assimilation der Juden mit den Christen verhindere. Auch die Mischehe sei nicht wirksam, so lange der Christ und der Jude ihrer Confession anhänge, und die Kindererziehung mache jene stets unerquicklich, wenn nicht unglücklich. Der Verfaffer stellt daher die Forderung an alle Christen und Juden: sie sollten ihre Confession verlassen, und sich zu einer freireligiösen Gemeinschaft verbinden! „Das Jahrhundert der Naturwissenschaften" lasse doch nichts weiter übrig. Denn, meint der Verfasser, die ungeheure Mehrzahl der Christen und der Juden bliebe nur noch der äußeren Form wegen in ihrer Confession, während sie deren Lehrbegriffen und Ceremonialgesetzen den Rücken gekehrt. Christenthum und Judenthum seien in völliger Zersetzung begriffen. Um letzteres auch vom Judenthume zu behaupten, citirt und kritisirt er einen Artikel in der Brockhaus'schen „Gegenwart" von 185r6, der jedoch schon damals von vielen Seiten her dementirt worden, und gegenwärtig längst veraltet ist, und stützt sich auf den bekannten Spruch Berthold Auerbach's, der zwar 1872 geschrieben ward, aber höchstens auf paßt, von welcher Zeit an Auerbach weder vom Judenthum, noch von der jüdischen Literatur Kenntniß genommen hat v. Wie sehr sich seitdem das innere Leben des Judenthums ausgestaltet und gekrästigt hat, davon hat der Verfasser keine Ahnung. Nun, daß das deutsche Volk sowohl in seinem christlichen, wie in seinem jüdischen Theile durchaus noch nicht geneigt ist, seine resp. Confession zu verlassen, dafür gab der deutsche Culturkampf und das Austrittsgesetz, das ganz besonders für die Juden zurechtgemacht worden, factische Beweise. Die Voraussetzung des Herrn Stöpel ist durchaus irrig. Auch in unsrer Zeit der vollen freien Bewegung und wo alle kirchlichen Zwangsmittel weggefallen find, bleibt der Kern positiver religiöser Ueberzeugung in den Geistern, die sich den Togmcnformeln und den strengen Ritualgesetzen abgewendet haben, und dieser Kern religiöser Ueberzeugung, der seine Stütze in dem überlieferten Religionsbekenntniß findet, knüpft i) Der Verfasser vergißt hierbei, was er S. 30 über einen Ausspruch Riehl's sehr treffend bemerkt: „Es ist eines jener geistreichelnden Worte, die heutzutage den hohlen Köpfen der Parieimenschen imponiren und darum das Glück ihrer Autoren machen." sie auch unerschüttert an das letztere. Geben sie es auch nicht täglich oder stündlich durch Uebung hergebrachter Formen kund, so tritt es doch in allen irgend entscheidenden Momenten hervor und äußert sich in Wort und That. Gerade das Judenthum bewährt seine Kraft hierin vorzugsweise und zwar darum, weil seine Lehre mit vernunftgemäßen Begriffen und den natürlichen Gefühlen des Herzens übereinstimmend deshalb einen seelischen Conflict nicht Hervorrufen. Was hat sich aber im Gegentheil erwiesen? Nicht, daß alle Versuche, neue religiöse Gemeinschaften zu bilden, in unsrer Zeit gescheitert sind? Was ist aus den freireligiösen Gemeinden, aus dem Deutschkatholicismus, aus den Altkatholiken geworden? Nichts als kleine, isolirt gebliebene Genossenschaften, die gleich nach ihrem Anfang stillstanden und aller Anziehungskraft entbehren. Das weiß auch der Verfasser und will den Nichterfolg der freireligiösen Gemeinden darin finden, daß sie „das cultusmäßige Element ungebührlich vernachlässigt hätten" und daß die „imponirenden Persönlichkeiten, die sich an die Spitze der Bewegung hätten stellen können", fehlten (S. 8). Auch hierin irrt der Verfasser. An der Spitze der Altkatholiken z. B. standen sehr imponirende Persönlichkeiten und an Cultuseinrichtungen fehlte es ihnen nicht. Aber der Verfasser erwartet das Heil, wenn erst „religiöse Formen gefunden sind, die das Gemüth befriedigen, ohne der Erkenntniß Zwang anzuthun." Glaubt denn der Verfasser, daß es religiöse Formen geben kann, in welchen sich gar keine Erkenntniß ausspricht? Glaubt er, daß eine religiöse Gemeinschaft nichts weiter als ein leeres Gefäß sein könne, in welches Jedermann hineinfüllt, was ihm im Augenblicke ein- und gefällt? Hierin aber liegt gerade, was der Bildung einer freireligiösen Gemeinschaft entgegensteht: daß sie eine Gemeinschaft von lauter Individualitäten sein soll, denen jedes Gemeinsame als Bindemittel fehlt, die alles bindende Gemeinsame als Zwang ansehen, alle in religiöser Beziehung bedürfnißlos oder etwas anstrebend, was noch nicht gefunden worden! Ja, „das Jahrhundert der Naturwissenschaften"! Die Naturwissenschaften geben, ioenn sie ihre Grenzen nicht überschreiten, d h. wenn sie sich nicht Aufgaben stellen, die sie nicht zu lösen vermögen, da sie ihrer eigenen Methode und ihren Zwecken widersprechen, die Naturwissenschaften geben nur die Bestätigung der positiven religiösen Ueberzeugung von Gott, dem Weltgeiste, dem Schöpfer des Alls, oder, wenn sie Philosopheme begründen wollen, das Nichts, die bloße Materie, die Urzelle, die Entwicklung aus dem Bedürfniß oder eine pantheistische Sophisterei. Für diese kann weder eine Gemeinschaft, noch können Cultusformen gefunden werden. Was sollen da die Menschen anbeten? etwa wie Strauß es vorschlug, das Universum in seiner Ordnung und Zweckmäßigkeit, die doch wieder von modernen Philosophen und Naturforschern geleugnet werden? Der Verfasser denke an den Vernunstcultus Robespierre's, um deffentwillen ihn

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