Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 117 (29.9.1838)
- Date
- 1838-09-29
- Page
- Seite 473 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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473 dem die Klassicetät das Christenthum durchwachsen hatte, das doch so erst aus einer andern Erscheinung des Alterthums, dem Judenthume hervorgegangen. War doch selbst die höchste Gestaltung der Civilisation im Alterthume, der Hellenismus und das Römerthum, aus den Resultaten ägyptischer, phönicischer, persischer und indischer Weisheit herausgewachsen. Indem also allerdings das Christenthum der große Träger der Civilisation für die neuere Zeit geworden, war es, was so viel empfangen, auch verpflichtet abzugeben z und wenn die neueren Juden viele Seiten ihrer Cultur der christlichen Welt verdanken, so haben jene dieser, und sei es auch Ln alter Zeit, doch so Vieles gegeben, daß sie darum, wenn nicht der Anerkennung, doch dem höhnisch ausgesprochenen Vorwurfe, daß sie ihre Bildung dem Christenthume verdanken, überhoben sein sollten. In dem Reiche des Geistigen kann keine gegenseitige Abrechnung durch Menschen statt finden, weit ihre Augen zu blöde sind, um Ursache und Wirkung da verfolgen zu können; da geschehen Reception, Consumtion und Resorbtion Ln zu verhüllten Tiefen, als daß die Spuren materieller An- und Abnahme sich Nachweisen ließen. Dann schlage man doch auch ein wenig die unsägliche Mühe an, mit welcher die Juden bis vor einigen Decennien, ohne Hülfsmittel, ohne Unterstützung, ohne Aufmunterung, ohne Theilnahme nur zu einer gewissen Höhe gelangen konnten, wie viele Entbehrungen sie zu tragen hatten, wie viele Kampfe zu bestehen. Man sehe die Bildungsgeschichte eines Mendelssohns, Salomon Maimons nach, man sollte kennen die Unzahl derer, die erst als Jünglinge lesen lernten, und spater dennoch auf die Höhe der Zeit sich schwangen, um die Erlangung ihrer Resultate den Juden selbst doch ein wenig höher anzuschlagen. Hierbei steht das Judenthum eben so da, als das Chri-! stenthum, da es ansing, sich an den Griechen und Römern zu bilden. So wenig wie man damals aufhörte, Christ zu sein, wenn man Homer uno Cicero studirte, wenn man Aristoteles die Wissenschaft, Plato die Philosophie ablernte, so wenig brauchen eben deshalb die Juden aufzuhören, Juden zu sein, und so gut wie ein Laurentius Balla, ein Petrarca, ein Erasmus gerade beide Richtungen verfolgten, eben so gut können wir Juden in den Gebieten der allgemeinen Civilisation und in der jüdischen Theologie zugleich arbeiten, und thun es. Wie wenig verstehen daher diejenigen Geschichte und Dasein, wie sehr schwimmen sie nur auf der Oberfläche irgend einer zeitlichen Tendenz, welche die ganze Welt in den einen! Punkt drangen wollen, auf dem sie gerade leben, welche! sich für Archimede, ihren Standpunkt für einen archimedi-! schen halten, und dabei herzlich wenig von der Astrognosie! der menschlichen Welt loshaben, welche sich ein eigenes Glas schleifen, und nur die loben und leben lassen, die mit ihnen hindurchschauen. Zeiget uns eine Confession, eine Literatur, eine Wissenschaft, eine Kunst, worin man einig geworden, worin das höchste Moment, in welches alle Partikularitaten aufgehen, unabänderlich gefunden, und wir wollen uns euch überliefern. Da aber jene Zeit der Einigung noch so weit entfcrntist, dawirsehen,wieüberalldieIndividualität, dieBesonderheit, die theilweise Wahrheit herrschend ist, welche nur durch eine höhere Hand in ein zusammenhängendes Gewebe ungeschlagen werden, das sichtbar wird, wenn das Individuum längst verloren gegangen — so wissen wir nicht, warum wir um ein Phantom unser Selbst aufgeben sollen? warum wir, wie Peter Schlemihl, unfern derben Körper wegwerfen sollen, um einen Schatten zu erjagen? Sehet da, dann wären wir Verräther, weit wir unsre Mission, den uns gewordenen Antheil am allgemeinen Leben verkauft, wert wir den von uns mit unferm Herzblute vertheidigten Hort, die Wahrheit, die uns zu wahren aufgegeben worden, in das Meer versenkt hätten, wo er Nichts ist und schafft! So feil, so dumm sind wir nicht! Wir haben die Geschichte erlebt, warum sollten wir sie so schlecht verstehen?! Correspondenzen, Auszüge, Repliken. Aus Baiern, August. lieber das Rabbinatswesen in Baiern. Da in neueren Zeiten einige vorbereitende Schritte zur Regulirung unseres Rabbinatswesens geschehen sind, wird es wol inwie ausländischen Lesern angenehm sein, über die schwebenden Verhältnisse ein Näheres zu erfahren, und wir dies in folgenden vier Absätzen versuchen: I) über Rabbinatsprüfungen; 2) über Rabbinatsdistrikte; 3) über Rabbinatsgehalte und - wählen; 4)! über das Verhältnis; der Rabbinen zu Gemeinden. I. Ueber Rabbinatsprüfungen. Das Edikt vom 12. Juni 1813, auf welchem sich der Rechtszustand der baierischen Israeliten fußt, macht im §. 27. den anzustellenden Rabbinen eine wipenschaftliche Bildung und eine Prüfung über die Erlangung derselben zur gesetzlichen Bedingung für ihre Anftellungsfahigkeit. Ueber die Dauer der Studienjahre, über den Ort der Prüfungsvornahme, so wie über die Gegenstände, über welche sich die Prüfung zu erstrecken habe, ist weder in diesem Edikte noch in einer andern Regierungsverordnung eine gej nauerc Bestimmung angegeben. In der That herrscht eine voll-! ständige Willkühr in Ansetzung der Rabbinatsprüfungen statt. Wenn der Adspirant nactz Erlangung eines Gymnasial-Absolutoriums ein Jahr auf Universität oder nur ein Lyceum zugebracht hat, und sich die Befähigung zum erfolgreichen Bestehen einer Prüfung zutraut, so reicht er bei irgend einer Kreisregierung sein Gesuch um Abhaltung einerRabbinatsprüfung ein, und ist die angegangne Regierung gewillt, gerade jetzt eine Prüfung abhalten zu lassen, so werden großentheils einige Gymnasial-Profefforen zur Vornahme der Prüfung commitirt, welchen ein von der Regierung nach