Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1880)
- Date
- 1880-02-03
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227291--37787-3306957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
68 umgesetzt werden; die Möglichkeit, daß bei irgend einer Er-! schütterung des Volkskörpers oder irgend einer Erregung der; Volksseele Haß und Leidenschaft eine grausige Befriedigung suchen, ist auch in diesem Jahrhundert der Bildung und Aufgeklärtheit keineswegs ausgeschlossen. Noch ist es Zeit, der Erregung Maß zu geben; noch kann der Friede, welcher die! stärksten und gefährlichsten Leidenschaften, religiöse und nationale, in Fesseln hält, zum Heil des Ganzen und zur Ehre der Menschheit erhalten werden; noch sind in diesem Streite Hand und Gewiffen unbefleckt, und Gott gebe, daß nicht unter dem Vorwand seines heiligen Namens die unheilige Flamme des Hasies die Herzen unseres Volkes versehre! Denn, mögen auch jetzt noch als Ursachen der entzündeten Feindschaft nationale, materielle oder auch allgemein geistige Jnteresien angegeben werden: unzweifelhaft ist auch der Unterschied des Glaubens ein bewußt oder unbewußt mitwirkender Factor und, einmal entbrannt, würde das wilde Feuer seine kräftigste Nahrung aus dem stärksten Jnteresie, dem religiösen, zu ziehen suchen; der Schlachtruf würde lauten: hie Christ, hie Jude; hie Kirche, hie Tempel! hie Kreuz, hie Thorah!" Hierauf läßt er sich über die jetzt so beliebte Gegenüberstellung des „germanischen" und „semitischen" Geistes aus: „Zwar hat man in neuerer Zeit oft, theils aus irrender wiffenschaftlicher Ueberzeugung, theils aus innerer Abneigung, die nicht ohne Dünkel gemischt ist, von dem „semitischen" Geiste geredet, der alle jene heiligen Schriften, auch die des Neuen Testaments durchziehe und erst in's ,Haphetitische" übersetzt und umgedeutet werden müffe, ehe er auf dem Gebiet des Glaubens eine bindende Autorität sein könne. Kraft dieses semitischen Geistes stehe auch Israel in dem Boden unseres Culturlebens als ein exotisches Gewächs. Das ist nicht der rechte Standpunkt religiösen Urtheils. Das vielmehr ist die feste Anschauung, welche auch im Alten und Neuen Testament zum Ausdruck kommt und welche die Kirche nie aufgegeben hat, daß jener sogenannte „semitische Geist" der Geist Gottes fei; daß er der religiöse Geist sei, der berufen ist, alle Völker zu durchdringen und zu beherrschen, und daher einer Umgestaltung oder Accommodation an den „germanischen" Geist nicht bedürfe. Was ist denn eigentlich auch dieser germanische Geist, der gerade in dem jetzigen Streit mit Israel so emphatisch gepriesen wird? Wollen wir denn etwa die religiösen Vorstellungen unserer heidnischen Vorfahren mit denen der christlichen Zeitalter unseres Volkes wieder vertauschen? wollen wir etwa die Cultur unserer in Wäldern hausenden Altvordern zurückrufen, um den Sumpf moralischer Fäulniß einzudämmen? Diesen „germanischen" Geist heute noch auf den Schild zu heben, ist nichts als Phrase und nebelhafte Deutschthümelei! Unser Deutschthum ist Christenthum; das hat unserem Volke seine Cultur gebracht; das hat durch seine universale, die Bildungsmomente aller Völker in sich ausnehmende Kraft auch das germanische Volk zur edlen Form, zum Behältniß der höchsten göttlichen und menschlichen Gedanken, zum Träger des Geistes gemacht, den man heute in sonderbarer geschichtlicher Verdrehung zum semitischen stempeln will." Fehlt es doch, nach dem Verfaffer, nicht an Momenten der Gemeinsamkeit, welche von uns gebieterisch fordern, über den Abgrund wilden und zerstörenden Hasies die Brücke brüderlicher Liebe zu schlagen. Gruber beantwortet nun die Frage: „Was die Christen immer wieder zu diesem Volke hinziehe?" Er spricht hier schön über das, was das Christenthum dem Judenthume zu verdanken habe, dann über die Bedeutung der Geschichte der Juden, wo er sagt: „Israel gehört zu denjenigen Völkern der Welt, welche für alle Zeiten und alle Geschlechter der Menschheit vorbildlich geworden sind. War es den Griechen bestimmt, im Reiche der Kunst und Wisienschaft das Volk der Ideale zu werden; ist Rom auf dem Gebiete des Staats- und des Rechtswesens von bleibend maßgebender Bedeutung, so ist Israel unter allen Völkern der Erde das priesterliche Geschlecht der Religion, das Volk des Glaubens schlechthin, der Theil der Menschheit, in welchem Gott seine Weltwege, die Spuren seiner Führungen Allen zum Vorbild ausgeprägt hat. Israels Geschichte ist der Spiegel der Weltgeschichte, und in ihr findet auch der einzelne Mensch die Deutung seiner Erdenwege wieder. Die große und die kleine Welt irdischer Geschicke ist in Israels wunderbaren Führungen und Wegen typisch dargestellt." „Wahrlich", ruft er aus, „wir stehen keinem entarteten Geschlecht gegenüber, desien wir uns, wie des umnachteten Heidenthums, im Namen der Menschheit schämen müßten!" Ferner: „Kann es wohl eine irrigere Behauptung geben, als die, daß dieses Volk alles Idealismus baar und ledig sei und eben deshalb dem Geist des Jahrhunderts unzugänglich gegenüberstehe? Wahrlich, der Humanismus, die menschliche Bildung, kurz Alles, was wir Cultur zu nennen pflegen, hat keinen Grund, Israel als seinen Feind anzusehen. Ist denn ein höherer Idealismus denkbar, als der, den Ewigen zu suchen, desien Wesen schlechthin Vollkommenheit und Seligkeit ist? Giebt es denn eine edlere Gestaltung des Idealen, als die, den heiligen, guten und vollkommenen Gotteswillen, sein unwandelbares und unverbrüchliches Gesetz, in allen irdischen Lebensordnungen abzuspiegeln, und so das Leben unausgesetzt in den ewigen Urquell alles Lebens zu tauchen? Alle Ideale der Kunst und Wisienschaft, alle Harmonien der Töne und der Farben, alle edlen Maße der Schönheit, welche des Bildners Hand an feine Gestalten legt, sind nur die unvollkommenen Erscheinungen, die ahnungsvollen Ausstrahlungen jener größten und vollendetsten Harmonie, welche, unaussprechlich und unausdenkbar für uns, der sterbliche Mensch mit dem hehren und