Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1880)
- Date
- 1880-01-27
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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55 Wir haben nichts hinzuzufügen, und find nur begierig, ob die „Germania" und die anderen iudenhetzerischen Preßorgane davon Notiz nehmen werden? Wir haben uns jedoch zu einem anderen leidigen Punkte auf demselben Gebiete zu wenden. Die „Norddeutsche Allg. Zeitg." hatte einen Artikel gebracht, in welchem sie das Treiben jüdischer Wucherer in der Provinz Posen denuncirte und Abhülfe verlangte. Die „Posener Zeitg." trat diesem Artikel mit Bestimmtheit entgegen, und bezeichnete ihn, da er gar keine thatsächlichen Beweise angeführt hatte, als eine bloße Vermehrung der Hetzliteratur. Hierauf erwiedert die „N. A. Z." in folgender Weise: „Wir sind der vollen und ehrlichen Ueberzeugung, daß unseren jüdischen Mitbürgern vielmehr ein Dienst erwiesen wird, wenn man ihre Aufmerksamkeit auf eine Praxis des Geschäftsverkehrs hinzulenken versucht, welche so sehr unseren Begriffen von Recht und Ehre widerspricht, daß der achtbare Theil der jüdischen Bevölkerung selbst die Meinung nicht aufkommen laffen darf, welche jene Praxis als eine generelle auffaßt. Freilich würde ein bl oße r Protest nicht genügen, sondern es müßte auch ein erkennbarer Einfluß geübt werden, um den Contrast einer zwiefachen Moral unter den Angehörigen eines und deffelben Staates zu beseitigen. In der vollständigen staatsbürgerlichen Gleichstellung der jüdischen Bürger mit allen ihren christlichen Mitbürgern lag gleichzeitig die Pflicht, an der Erziehung ihrer Stammesgenossen überall dort mitzuarbeiten, wo der niedere Culturstand oder eine auf das Abnorme gerichtete geistige Entwicklung der Letzteren dies erheischten." Wenn man nicht wüßte, was die Absichtlichkeit vermag, so müßte man an dem gesunden Menschenverstände Dessen zweifeln, der diese Zeilen schrieb! Zuerst soll der achtbare Theil der jüdischen Bevölkerung nicht die Meinung aufkommen lassen, daß alle Juden Wucherer seien! Daß also die große Mehrzahl der Juden ihr Gewerbe oder ihren Beruf in redlicher Weise betreibt, soll diese vor der schimpflichsten Verdächtigung nicht schützen, wenn es eine Anzahl jüdischer Gauner giebt. Wer ist aber der schlechte Mensch, derjenige, welcher geschmäht wird, oder der, welcher einen Nebenmenschen unverdienter Weise mit Schmach überhäuft. Alsdann sollen wir die Garantie übernehmen für die Besserung bösartiger Menschen, die zufällig unsrem Religionsbekenntniß angehören — um „den Contrast einer zwiefachen Moral unter den Angehörigen eines und deffelben Staates zu beseitigen." Giebt es keine christlichen Wucherer, keine christlichen Diebe, Gauner, Mörder u. s. w.? Macht man hierfür Christenthum und Christen solidarisch verantwortlich? Giebt es einen Staat, in deffen Angehörigen nicht eine zwiefache Moral gefunden wird, nämlich gute und schlechte Menschen? Was soll also dieser Nonsens und was ist dies für eine Theorie, die im Schlußsätze ausgesprochen wird? Nicht die Juden find bürgerlich gleichgestellt worden, sondern der Staat als Rechtsstaat nahm an und mußte annehmen das Grundgesetz, daß alle Staatsangehörigen vor dem Gesetze gleich find, und so lautet auch der betr. Paragraph in der preußischen Verfassung und das betr. Bundesgesetz vom 3. Juli 1869. Die Pflicht, an der Erziehung derjenigen Mitbürger, die noch einen niederen Culturstand einnehmen, mitzuarberten, hat jeder Bürger, soweit seine Kräfte und Mittel reichen. Aber eine besondere Pflicht hierfür kann einem einzelnen Theile der Bevölkerung nicht auferlegt werden. Hätte doch die „N. A. Z." statt dieser kauderwelschen Sätze uns lieber gesagt, was wir thun sollen, was von uns verlangt und erwartet wird. Alle Kinder der Juden besuchen die unter Staatsaufsicht stehenden Schulen; ein großer Bruchtheil die höheren Lehranstalten: die Kanzeln der Synagogen verkünden die reinste schriftgemäße Moral; für den religiösen Unterricht sorgen die Gemeinden auf ihre Kosten : jüdische Vereine und die jüdische Gesellschaftlichkeit halten unehrliche, wucherische Juden ebenso von sich ab, wie dies die christlichen thun; außerdem giebt es eine Menge jüdischer Vereine, welche für verwaiste und verwahrloste Kinder Sorge tragen, arme Binder in der Erlernung eines bürgerlichen Berufes unterstützen. Hiermit sind alle uns zu Gebote stehenden Mittel erschöpft. Zuchtmittel besitzt die Synagoge als solche glücklicher Weise nicht: besäße sie solche, würde das staatliche Gesetz ihre Anwendung nach dem Belieben von Geistlichen oder Vorstehern nicht gestatten. Was also die „N. A. Z." den Juden aufbürden will, ist nichts als daß, da man der großen Mehrheit der Juden den Vorwurf unredlichen Gewerbes nicht machen kann, sie wenigstens als mitschuldig brandmarken möchte. Und dabei vermag man nicht einmal die Wahrheit der vermeintlichen Thatsache zu erweisen. ^£ei/biuACj auoccßu/cfateti. worden, daß sie sich der, von bekannter Seite in Scene ge- Deutschland! ätzten Hetzerei gegen die Juden gegenüber kalt und schweigsam j verhalten habe, so scheint dies doch nach und nach zu schwinden. Bremen, 11. Januar. (Privatmitth.) Wenn in diesem! Die „Weserzeitung", ein Blatt, das der Richtung des Herrn Blatte der liberalen Preffe mit Recht der Vorwurf gemacht! v. Treitschke entspricht, und unter seinen Redacteuren und Mit-