Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-27 · Heft 4 (27.1.1880) · p. Seite 53

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 4 (27.1.1880)
Date
1880-01-27
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227290--37771-3306940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

53 Anstrengungen fehlen ließen. sondern daß er eben sich vom Christenthume nicht überzeugen kann und Wahrheitsliebe und Charakter genug besitzt, um sich zum scheinbaren Uebertritt; nicht verleiten zu lassen. Einem in einer so barocken Idee befangenen Mann konnte man nun auch seine zweite Behauptung, daß die Juden religiös und gemüthlich leer geworden, verzeihen. Aber subjectiv genommen, bezeugt es eine große Leere an wirklicher Religiosität und Gemüth, von einer großen Gesammtheit eine solche Behauptung auszusprechen. Ein Herz muß sehr leer, eine religiöse Anschauung sehr beschränkt sein, wenn sie über die Ideen- und Empsindungswelt von Millionen Menschen so mir nichts dir nichts abzusprechen wagen. Objectiv gefaßt bezeugt der Herr Profesior nichts, als daß er keine Ahnung von dem Inhalt und Werth des gegenwärtigen Judenthums besitzt. Für ihn eristirt nur das stabile rabbinische Judenthum der vorigen Jahrhunderte und die formulirte; Dogmenlehre des orthodoxen Protestantismus. Wer dem ersteren nicht anhängt und dem letzteren nicht anheimfällt, in ihm ein Räthsel — nein, kein Räthsel, denn ein solches wird! er nicht zugeben, sondern ein Nichts, eine religiöse und ge-; müthliche Leere. Wir unsrerseits können hierin nur Leere und Gemüthlosigkeit finden. Wir finden ferner hierin nur jenen, geistigen Hochmuth, der keine andere Anschauung zu würdigen 1 und bestehen zu lasten vermag als seine eigene beschränkte und engherzige. Die modernen Juden sind auf ihrem historischen1 und traditionellen Boden bestehen geblieben, haben sich aber von der Ansicht jeder tradirten Satzung eine göttliche und! ewige Verpflichtung zuzuschreiben und sie als eine unbedingte l Rechtssache, nicht aber als eine Gewiffenssache zu betrachten, frei gemacht, um so mehr aber sich der Gotteslehre, der Lehre! vom einzigen und einigen Gotte mit allen ihren religiösen und > ethischen Consequenzen mit vollem Geiste und echter Gemüth- > lichkeit zugewandt. Daß ein solches Bekenntniß, welchem sie gleich ihren Vätern durch Jahrtausende treu anhängen und alle Opfer bringen, die ihnen dafür auferlegt werden, leer und gemüthlos sei, kann nur der befangenste und vorurtheilvollste Geist behaupten. Herr Castel lebt in einer großen Stadt und gewahrt da eine Anzahl jüdischer Häuser, in welchen die Prrmksucht und der Flitter die Hauptrolle spielen, auch eine Anzahl Jünglinge, die der allgemeinen Frivolität fröhnen. Sofort find alle Juden leer an Religiosität und Gemüth. Denn das paßt in den Kram des Herrn Profestors. Wäre er gerechter, so würde er sagen: auch von den Juden haben fich manche von den Krankheiten der Zeit und der Welt überhaupt ergreifen lasten, und das ist Schade. Wer aber die tausend und abermal tausend jüdischen Gemeinden, ihren Eifer um Synagoge, Unterricht und Wohlthätigkeitsanstalten in Betracht zieht, die außerordentlichen Opfer, die sie dafür bringen, die Innigkeit ihres Familienlebens, den Fleiß und die Emsigkeit, die bet ihnen herrschen, das Jntereste, das sie immer noch dem Judenthume zuwenden, der wird anders uriheilen. Am wenigsten aber ist ein strenggläubiger Christ den Zuständen der protestantischen Welt gegenüber, in Frankreich, Italien und anderen Ländern auch den Zuständen der katholischen Welt gegenüber berechtigt, über das Judenthum ein solches Urtheil zu fällen. Der Prediger der Christuskirche gehe also in sich! Ja, wir meinen sogar, ein rechter und erfahrener Seelsorger urtheilt selbst über äußerlich prunksüchtige Familien und. über frivole Jünglinge nicht in der angegebenen Weise. Im Innern selbst solcher Familien besteht oft noch viel Gemüth und offenbart sich unter geeigneten Umständen, und selbst aus frivolen Jünglingen sieht man nicht selten sehr ernsthafte, nicht geistesarme, und zur Religion und Moral zurückkehrende Männer erstehen. In allem Diesen ist Castel ebenfalls Partei und läßt es an Gewissenhastigkeit im Beobachten und Urtheilen aus Parteizwecken ebenso fehlen, wie die Gegner der Juden. Zu diesen gehört er nicht, Wohl aber zu den Gegnern des Jr dcnthums, das sich jedoch auf seinem großen Lebens- und Entwicklungsgänge auch durch solche Jnvectiven nicht beirren läßt. 3itr Wncherfragk. Seit dem Beginn der jetzigen Wühlerei gegen die Juden in Deutschland war es ein beliebtes Mittel der ultramontanen und reactionären Hetzer, den vorhandenen Wucher den Juden zuzuschreiben und daraus einen Vorwurf für alle Juden zu machen, gegen welche deshalb wieder Ausnahmegesetze zu geben seien. Sie rechneten dabei auf das alte Vorurtheil des Volkes. Dies war zwar im Allgemeinen längst abgeschwächt, da das j Volk ja überall die Juden ehrlichen Berufsarten in all' deren Mannigfaltigkeit obliegen sah und da es, wo es auf Wucherer j traZ nicht minder Christen wie Juden begegnete. Dies hinderte! jedoch nicht, durch frech vorgetragene Anschuldigungen die alte! Meinung wieder zu wecken. Hierzu kam, daß die neuere j Gesetzgebung, von der Ansicht ausgehend, daß sog. Wucher-! gesetze den Wucher nicht zu verhindern vermöchten, daß hin- > gegen Bestimmungen über die Zinsgrenzen dem Geldverkehre | nachtheilige Fesseln anlegten, in vielen Staaten jene Wucher- > gesetze aufhob. Viele von Denjenigen nun, welche diese Bej seitigung der 'Wuchergesetze für nachtheilig ansehen und c>ie j Zinsfreiheit für gefährlich betrachten und deshalb von Neuem j Wuchergesetze verlangen, bedienen sich des Manövers, die Aufhebung jener den jüdischen und den von Juden geleiteten Liberalen zuzuschreiben, mit der teuflischen Absicht, dem Volke weiß zu machen, es sei dies Alles nur zum Vortheile jüdischer Wucherer geschehen. Vergebens widerlegte man alle diese Verleumdungen; man zeigte, daß das Judenthum nicht allein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.