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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-27 · Heft 4 (27.1.1880) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 4 (27.1.1880)
Date
1880-01-27
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 hervorragendsten dieser Männer, der seinen Eifer für seinen jetzigen Glauben mit ganzer Hingebung, wenn auch ohne Erfolg, bethätigt hat, hierzu nicht schweigen mochte. Jndeß besaß Professor Dr. Paulus Cassel Tact genug, sich nicht in die delicate Frage über den religiösen Werth der getauften Juden einzulassen, und deutet deshalb die unangenehme Stellung, die man diesen bereitet, nur an, wenn auch mit klaren Worten. Er bekämpft vielmehr die Judenfeinde überhaupt und entkräftet deren Behauptungen und Verleumdungen. Denn diese richten sich eben gemeinsam gegen die wirklichen und die getauften Juden. Jedenfalls dürfen wir dieses Zeug niß nicht unterschätzen, theils weil wir es von getauften Juden nicht gewohnt sind, daß sie ihre ehemaligen Glaubensgenossen vertheidigen, theils weil unbefangene Christen doch voraussetzen müssen, daß ein so eiftiger Missionär gerade zu Missionezwecken die Angriffe auf die moralischen und socialen Eigenschaften der Juden hätte benutzen können, wenn er nicht durch Wahrheitsliebe hiervon zurückgehalten würde. Auch kann inan mit Befriedigung einräumen, daß Caffel viele Beschuldigungen der Judenfeinde glücklich widerlegt und das Hauptmotiv derselben sehr klar legt. Ganz anders aber spielt er sich auf, wenn er im zweiten Theile seiner Broschüre den Missionär herauswendet. Da verfällt er sofort in dieselben Fehler, welche er bei den Gegnern soeben bekämpft hat. Wir verweisen auf die Berliner Correspondenz in Nr. 2, Herrn Caffel's Broschüre betreffend, und erörtern nur ergänzend einige Aussprüche deffelben. Was ist es, was sich unsre Gegner hauptsächlich zu Schulden kommen laffenDaß sie Fehler der Einzelnen, sagen wir selbst Vergehen der Einzelnen — übrigens Fehler und Vergehen, die bei Christen ebenso vorhanden sind — verallgemeinern und zu Anklagen gegen die Gesammtheit der Juden stempeln. Was warf man Herrn Geistesproducte. Mit welcher Unverfrorenheit Glagau mit Statistik umgeht, davon nur ein Beispiel aus seinem neuesten „Eulturkämpser" S. 17: „Preußen zählte 1849 unter rund 16 Millionen Einwohner rund 200.000 Juden; es kam also 1 Jude auf 80 Bewohner. Preußen zählt heute unter rund 27 Millionen Bewohnern rund 600,000 Juden; es kommt also 1 Jude auf 45 Bewohner. Binnen 30 Jahren hat sich das Verhältniß zu Gunsten der Juden um 88 Procent geändert, und wenn ihre Vermehrung so heftig iortgeht, würde nach 50 Jahren schon auf 21 Bewohner 1 Jude kommen." Welche ungeheuerliche statistische Unwahrheit! Die ofticiellen Angaben des statistischen Bureaus von 1874 — bei der folgenden Volkszählung wurde das Verbältniß der Confessionen nicht veröffentlicht — stellen fest: unter einer Gesammtbevölkerung des preußischen Staates von 24,643,623 Seelen 325.587 Juden, das macht 1 Jude auf 76 Einwohner. Die kleine Veränderung des Verhältnisses kam aber nicht aus einer irgend bedeutenden Vermehrung der Juden an sich, sondern weil 1866 die verzogthümer, Hannover. Kurbessen, Nasiau und Frankfurt dem preußischen Staate einverleibt wurden, wo verhältnißmäßig mehr Juden als im früheren Preußen wohnten. Glagau vergrößert also absichtlich die Zahl der Juden fast um das Doppelte! Sollte nicht Denen, welche sicb auf Zahlenangaben Glagau's stützen, die Schamröthe in's Gesiebt steigend! Um die Abenteuerlichkeit der Glagau'schen Behauptunc.cn zu erweisen, sei nur noch angeführt, daß nach Hübner's „Statistisch r Tafel" v. I. 1879 im deutschen Reiche unter 42,726,920 Einwohnern sich 512,000 Juden befinden, also 1 Jude auf 83! v. Treitschke am meisten vor? Daß er in allen Anklagepunkten Ausnahmen unter den Juden concedirte, dann aber Gebrechen, die er an Einzelnen gewahrt haben wollte, auf die Gesammtheit übertrug. Dieses Manöver sah Caffel recht wohl ein, bekämpft es, aber — siel sofort selbst hinein. Er klagt die Juden an: „Sie haben ihren gläubigen semitischen Geist unter dem germanischen Heidenthum verloren. Der Materialismus, der in Deutschland herrscht, hat sie, als sie ftei wurden, angesteckt." Man sieht, dieselbe Verallgemeinerung, und weil es einige der materialistischen Anschauung verfallene Juden giebt, sind es sofort „die Juden", d. h. alle Juden! Nun kommt wieder die Ausnahme: „Der ftivole Geist unsres Jahrhunderts hat viele von ihnen allerdings ergriffen, jemehr die Mauern der alten Zucht gebrochen waren." Die „Alle" sind also jetzt „Viele", also Einige machen eine Ausnahme. Ter Missionär will die Juden anklagen, und greift somit nach der selben Methode, die er vorher, da er sie vertheidigen wollte, verurtheilt hat. Jndeß seien wir gerecht, Caffel wirft die Schuld auf die Christen. Er fährt fort; „Als man sich von christlicher Seite nicht um ihr Heil gekümmert hatte, wurden sie vom Heidenthum ergriffen, und es haben sich in der That viele ihm rücksichtslos angeschloffen." (Wieder das „viele"! „Die Emancipation hat den Juden viele Möglichkeit gebracht, ihre Kräfte zu entwickeln; aber zugleich auch viele Gelegenheit gegeben, ihre alten Sitten der Reinheit und Frömmigkeit des Hauses zu verderben; man machte sie politisch ftei, und weil das Evangelium nicht folgte, religiös und gemüthlich leer." Und weiter: Man machte „die jüdischen Köpfe deutsch, d. h. heidnisch, nur christlich hat man sie nicht gemacht." Man sieht, Caffel ist von der barocken Idee geplagt, daß man sich christlicherseits nicht um das Heil der Juden gekümmert, daß man sie nicht zu Christen gemacht, daß man der Emancipation nicht das Evangelium habe folgen laffen u. s. w. Was sich der Verfaffer hierbei gedacht, ftagte schon unser Correspondent. Wahrscheinlich doch, daß man der Missionsgesellschaft nicht Geld genug zu Gebote gestellt, daß man etwa die Schulen nicht genug zu Treibhäusern der Mission gemacht u. dgl., denn einen polizeilichen Zwang kann doch selbst Herr Caffel nicht gemeint haben. Der Herr übersieht, daß es allerdings von Seiten der Juden einer tiefen, innigen und festen religiösen Ueb erz eugung bedarf, um sich der tausendfachen, sich ihnen überall bietenden Verlockungen zum Uebertritt zu erwehren. In der Schule, in der Literatur, im Leben tritt überall das Christenthum dem Juden entgegen, wird ihm angepriesen, wird als eine höhere Entwicklung, als eine „Erfüllung" gerühmt und dagegen das Judenthum mit Hohn, Verachtung und Feindschaft übergoffen. Wenn der Jude allen diesen Reizmitteln gegenüber unerschüttert in seiner Glaubenstreue bleibt, so ist dies ein Beweis, nicht, daß es die Christen an Gelegenheiten und

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