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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-20 · Heft 3 (20.1.1880) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 3 (20.1.1880)
Date
1880-01-20
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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h diese Judenhetze wird systematisch betrieben und getragen von dem Verfasser jener Rede, die dich allem Anscheine nach in so große Heiterkeit versetzt hat." Ich hörte, sagt der Vers., staunend zu, mußte mich aber schon in den nächsten Tagen von der Wahrheit des Berichtes überzeugen. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich an den Schaufenstern der Buchhandlungen die gemeinsten Schmähschriften gegen die Juden sah, als ich in den Kreisen, in welchen ich verkehrte, dem Widerhall dieser Agitation begegnete, als ich selbst in sonst ganz vorurtheilsfteien Familien große Zurückhaltung bei Anregung der sog. Judenftage fand und von vielen Seiten hören mußte, daß dies Treiben doch eine gewisse Berechtigung habe." Als den eigentlichen Ursprung des Hasses und der Vorurtheile gegen die Juden bezeichnet der Vers. — die Kinderstube. Schon dort wird den Kindern der Jude als Schreckbild hingestellt und mit diesem Worte ein widerwärtiger hafsenswerther Begriff verbunden. Er erzählt dies aus seiner eigenen Kindheit, schildert dann eine Schulscene, wie ein neu eintretender jüdischer Schüler mißhandelt wurde, wie er mit demselben Knaben zur engsten Freundschaft gelangte, wie er jüdische Familien kennen lernte, und wie er in denselben niemals etwas Abfälliges über Christen und Christenthum gehört und erfahren habe. Die Ursache der jetzigen Bewegung bespricht er folgendermaßen: „Vergebens wird man sich nach einem greifbaren Vorwände, nach einem erklärlichen Grunde dafür umsehen, wie eine solche Bewegung grade in diesem Augenblicke erfolgen konnte, wenn man nicht der allgemeinen rückläufigen Strömung in der Politik Rechnung tragen wollte. Die Parole „Ansturm gegen den Liberalismus um jeden Preis" ist einmal ausgegeben. Es gilt den Liberalismus in Mißcredit zu bringen, und man sucht einen Hebel dafür in Abwälzung auf die Juden. Die ganze Bewegung gegen die letzteren verfolgt lediglich die Tendenz, den Liberalismus als das Resultat jüdischer Speculation, jüdischen Raffinements hinzustellen. Man glaubt, wenn man die Juden verdächtigt, damit zugleich dem Liberalismus einen scharfen Schlag zu versetzen. Ein zweiter Grund aber ist mehr individueller Natur. Es giebt eine große Anzahl von Leuten, welche durch die Gründungen theils gelitten haben, theils sogar ruinirt worden find und wieder andere, deren politische Bestrebungen durch gewiffe einflußreiche Persönlichkeiten, welche zufällig auch Juden waren, durchkreuzt worden find. Diese individuellen Beweggründe sind weniger bedenklich; sie sind schließlich sehr bald erkennbar, gleichviel, ob sie von jenen unbekannten Dunkelmännern ausgehen, die am Ende einer buchhändlerifchen Speculation als Lohnschreiber dienen, oder ob sich, wie es leider in der letzten Zeit geschehen ist, gar ein gelehrter Professor dazu hergiebt und es nicht verschmäht, um einer Schrulle zu genügen, in den so tief unter ihm liegenden der vulgären Hep-Hep-Schreier herabzusteigen. Aber das Zusammenwirken dieser Factoren hat schließlich zu einer brutalen Agitation geführt, welche eine sehr bedenkliche, gemeingefährliche Seite hat." Der Verf. bekämpft nun diese Voruriheile selbst nach allen Richtungen hin und sieht sich die Träger der jetzigen Hetze, auch Herrn Treitschke, näher an, behauptet aber, daß sich diese „Bestrebungen doch nur auf einen verhältnißmäßig kleinen Kreis beschränken, und es noch nicht gelungen ist, den gesunden Sinn unseres Volkes in weiteren Schichten zu vergiften." . Am meisten verwundert er sich, daß man von staatlicher Seite diesen offenbaren ungesetzlichen Wühlereien keine Beachtung schenkt. Er sagt u. a.: „Es wird in der Thal Zeit, daß man sich auftafft und sich erinnert, daß man die Ehre des Staates, dessen Bürger man ist, daß man die Pflicht, der Reichshauptstadt anzugehören und sie zu vertreten, verletzt, wenn man dies Alles ruhig über sich ergehen läßt. Diese Judenhetze ist nicht ein Attentat nur gegen die Juden, es ist ein Angriff auf den gesunden Menschenverstand, es ist ein Versuch, den fteien Geist zu knechten und die Gegenwart mit ihrer Aufklärung, mit ihrer Duldsamkeit zurückzudrängen in den finstern Geist des Mittelalters. Mag man sich darin gefallen, in Abrede zu stellen, daß wir politisch im Rückgänge begriffen sind, daß wir unter der Herrschaft der Reaction stehen, eine schlimmere sociale Reaction als jene, welche mit dieser Judenhetze frech ihr Haupt erhebt, ist kaum denkbar." Eine Stelle wollen wir noch hervorheben, welche sich die Juden zu Herzen nehmen mögen: „Freilich können auch die Juden selbst viel dafür thun, Vorurtheile gegen sie zu zerstreuen. Eines vor Allem müffen sie oblegen, eine übermäßige Weichherzigkeit, die wir fast Charakterschwäche nennen können. Sie müffen es lernen, sich selbst mehr zu schätzen, mehr Distance zu halten zwischen sich und Andere, sie müssen sich mehr suchen lassen, als daß sie Andere suchen, sie müssen weniger bereit sein. Denen zu dienen, die ihnen oft den Fuß auf den Nacken setzen. Wir wollen hier nur an ein eclalantes Beispiel erinnern. Eines der gemeinsten Pamphlete, das je gegen Juden gerichtet wurde, ist die berüchtigte Broschüre von Richard Wagner „Das Judenthum in der Musik", und was war die Folge? Die glühendsten Verehrer, die lautesten Hurrahschreier für Wagner sind Juden. Wenn es Herrn Stöcker wirklich gelungen wäre, die Juden über das rothe Meer zurückzutreiben oder sie sammt und sonders in Jerusalem anzusiedeln, so wären die Bayreuther Festspiele schwerlich zu Stande gekommen und die übrigen Wagner'fchen Unternehmungen für alle Zukunft gefährdert. Möchten also aus der Unbill, die ihnen jetzt wiederfährt, auch die Juden eine Lehre ziehen!" Zum Schluffe fordert er auf, in den Bezirksvereinen, in den Hör- und Lehrsälen gegen dieses Gebühren der Hetzer, „welches

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