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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-13 · Heft 2 (13.1.1880) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 2 (13.1.1880)
Date
1880-01-13
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
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Unser lieber Bruder nach dem Fleische, wie sich Herr Paulus I Cassel seinen früheren Glaubensgenoffen gegenüber nennt, will } uns seine Besorgniß zeigen um unser Seelenheil; wir aber bitten ihn, sich diese Besorgniß zu ersparen und weisen seine Behauptung mit Entrüstung zurück, daß die emancipirten Juden religiös und gemüthlich leer sind. — Es mag zugegeben sein, daß die Juden in Druck und Leiden sich inniger an ihr alt bewährtes Judenthum anschmiegen und in ihm die Befriedigung des Herzens suchen, die ihnen das bürgerliche Leben versagte, aber religiös und gemüthlich leer macht sie die Freiheit nicht. Waren die Juden als freie Bürger Palästinas ohne Religiosität? Bewährten sich die Israeliten der Pyrenäischen Halbinsel in ihrer bürgerlichen Freiheit nicht als echte Bekenner ihres väterlichen Glaubens? Weiß Paulus Caffel nicht, daß die Juden im freien England gar begeisterte Juden sind? und daß jenseits des Oceans in der freiesten Freiheit jüdische Institutionen in großartigem Maßstabe erblühen? Das Alles weiß Herr Paulus Caffel ganz prächtig, aber es war nach seiner Meinung eine schickliche Gelegenheit, einen Missionsgang in beleidigte Judenheit zu machen, und diesen Gang hat er unternommen. — In seiner Christuskirche, die aus zusammengebetteltem Gelds zur Bekehrung der Juden ist errichtet worden, kann er keines Juden habhaft werden, sie ist ein aufgespanntes Spinngewebennetz, das Jahr aus, Jahr ein auf eine jüdische Fliege lauert; aber so viel ihrer auch dies Netz umsummen, hinein fliegen sie nicht. — Auch in seinen wiffenschaftlichen Vorträgen sucht der i Prediger der Christuskirche in Judenmission zu arbeiten, aber! auch von solchen Ausflügen kehrt er beuteleer wieder heim. — Also eine Missionsrede ist Paulus Cassel's Vertheidigung , der Juden, nichts anderesUnd was er im Eingänge seines ■ Schriftchens als Vermuthung ausgesprochen, daß es Wohl den Juden kaum recht sein dürste, daß er sie vertheidigt, das mag er hiennit bestätigt sehen. Ich rufe ihm die Worte zu, die die alten Rabbinen der Wespe zugcrufen: Ich will nicht -Deinen Honig, aber auch nicht Deinen Stich. — 1 J. L. .Mi occ&U/C&teu. Deutschland. Berlin, 2ö. December. (Privatmitth.) Bereits fangen die antijüdischen Versammlungen, Zeitschriften und Pamphlete an, alle ihre Zugkraft zu verlieren, der Schalten der Vergeffenheit breitet sich über sie aus, und in demselben werden sie hoffentlich vergehen, wie die Pflanzen, die des Lichtes beraubt sind. Hiermit wollen wir aber nicht sagen, daß die Wirkungen dieser Hetzperiode verschwunden sein werden. Hat eine so lange Aera der Aufilärung und die mannichfaltige Gemeinsamkeit der Verhältniffe, der Thätigkeit und des Verkehrs nicht vermocht, in den Deutschen die Vorurtheile zu beseitigen, so daß diese bei den ersten Weckrufen wieder erwachten und sich in's Leben drängten, wie sollten sie nach so unerfreulichen Erscheinungen sich nicht noch lange Zeit fühlbar machen! Hierzu kommt, daß die Juden selbst eine sehr schwache Widerstandskraft diesmal bethätigen, so daß den Gegnern der Kamm über die Maaßen schwoll. Ich muß mir hierbei eine Bemerkung erlauben. In vielen Jahrhunderten der Vergangenheit waren es die jüdischen Aerzte, welche stets mit großer Kraft und entschiedenem Eifer zur Vertheidigung ihrer Religion und Glaubensgenoffen eintraten, und die ruhmreiche Reihe dieser tapfern Männer der Wiffenschaft ist lang, von Maimonides bis aus die neuere Zeit. Bis auf die neuere Zeit, denn unvergeffen sind die Arbeiten und Bemühungen der Aerzte Steinheim^», l) Steinhei m , dessen mcdicinische und religionsphilesophischc Schriften sehr schätzbar sind, kämpfte besonders auch um die Gleich- Johann Jacobyft, Ko sch, P hob us Philipp so n, Moritz Rappaport u. A. Wer ist nun in der jüngsten Zeit an deren Stelle getreten? Haben wir nicht gegenwärtig eine große Zahl tüchtiger Juristen? Sind nicht aus unserer Mitte bedeutende Professoren und Docenten hervorgegangen? Haben sich nicht Mehrere als ausgezeichnete Publizisten einen Namen erworben? Und doch alle diese haben das vollste Stillschweigen beobachtet, obschon die Angriffe speciell auch sie trafen. Keiner hat sich berufen gefühlt, oder sagen wir besser verpflichtet erachtet, zur Vertheidigung der Wahrheit und Gerechtigkeit sich zu erheben. Sie haben es ruhig einigen Rabbinern überlassen, welche vom allgemeinen Publikum doch nur als Partei angesehen werden, so daß ihnen das objective Urtheil von vornherein abgesprochen, jedenfalls ihre Stimme in geringerem Maße gehört wird. Diese Thatsache muß constatirt werden. Beobachteten jene doch dieses Stillschweigen selbst dem Herrn v. Treitschke und Genossen gegenüber, und wir müssen die Sache betonen, damit das nachwachsende Geschlecht sich nicht an solche Vorbilder, vielmehr an die der ftüheren Generationen halte. — Was übrigens Herrn v. Treitschke betrifft, so sei stellung in Schleswig-Holstein. Abgesehen von seinen Aufsätzen in -den ersten Jahrgängen dieser Zeitung, citiren wir: Meditationen! über die Perhandlungen in der holsteinischen Ständekammer, Al-! tona 183V; neue Folge 184t. Offenes Sendschreiben ff. Alt. 1840;! neue Folge 1841. Redact.! 2) Die erste von Johann Jacoby verfaßte und veröffentlichte > Schrift war: liebe: das Berhältniß des Herrn Streckfuß zur Emanj cipation der Juden. Das Lerhältniß der Juden zum Staate. > Hamburg, 1833. Redaction.

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