Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1880)
- Date
- 1880-01-13
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 Neben diesem Kampfe zur Abwehr und zur Vertheidigung, der Offenbarung in der heiligen Schrift aus immer tiefer in der monotheistischen Gotteslehre, nicht als eines Gutes einzelner das Wesen Gottes einzudringen und Gott und die Welt zu Denker, sondern als des Erbbesitzes einer nach Millionen begreifen, sei es aus metaphysischem, sei es auf phantastischzählenden Gemeinde, also einer in die Erscheinung getretenen allegorischem oder mystischem Wege. festgegliederten Religion, neben diesem so viele Jahrhunderte dauernden Kampfe nach außen ging die innere Entwicklung ihren langsamen, jedoch stetigen Weg, je nachdem günstige Zeitverhältnifse und bedeutende Geister auf sie einwirkten. Wie wir schon oben bemerkt, steht diese Entwicklung innerhalb der jüdischen Welt ununterbrochen auf dem Grunde der Gotteserkenntniß und blieb vom Skepticismus völlig frei. Wie es! sich von selbst versteht, konnte die jüdische Geistesthätigkeit bei dem traditionellen Ausbau nicht stehen bleiben und mußte sich immer von Neuem der philosophischen Bearbeitung des durch, das Judenthum gegebenen Stoffes zuwenden. Hier aber! konnte sie, weil eben auf dem festen Fundament des Gottglaubens und der heiligen Schrift verharrend, nur selten zu > einer ganz selbstständigen Entfaltung gelangen. Sie ging dahin aus, die zur Zeit herrschenden Philosopheme mit dem, Judenthume zu vereinbaren, also eine jüdische Religions-! Philosophie zu schaffen. Diese mannigfaltige Erscheinung in > allen ihren Phasen zu beleuchten, oder selbst nur zu skizziren, j ist hier der Ort nicht und liegt nicht in unserer Absicht. Es versteht sich aber dabei, daß gerade ein solches Unternehmen, die Vereinbarung fertiger Philosopheme mit dem geschloffenen Judenthume zu bewerkstelligen, nicht ohne Eigenthümlichkeit' in Methode und Resultat ausgeführt werden konnte. So entfernt sich Philo, bei aller Neigung zum Platonismus, weit ab sowohl in seiner Darstellung, in feinem Wege der Allegorisirung des Stoffes aus der heiligen Schrift wie der Lebenserscheinungen, und in seinen Ergebniffen von Plato. So mußte Maimonides dem Aristoteles wie der heiligen Schrift mannigfache Gewalt anthun. um beide ineinander zu gliedern. Als ein Beispiel eines durchaus selbstständigen Denkers, der sich an den hergebrachten Weg des jüdischen Philosophirens nicht hielt, wollen wir nur Salomo Gabirol (1021 bis 1070) ansühren. Aber so frei sich auch seine philosophische Anschauung gestaltete, so war er doch von der monotheistischen Goltcserkcnntniß tief durchdrungen, von ihr gingen alle seine Folgerungen aus und er brachte sie sogar in Gebetform 'zum Ausdruck (rvcSs "irc). Gleicher Weise ist die Kabbala bei allen ihren phantastischen Verirrungen von der Alleinhcit Gottes, von der Unbegrenztheit < Tpü-pX) Gottes ausgegangen. Selbst Spinoza (1662—1677), obschon er das Geistige und das Räumliche (das denkende und das ausgedehnte Ding) nur als verschiedene Attribrrte eines und deffelben Seins (Substanz) ansah, verlegte doch alles Dasein in die Einheit Gottes, und betrachtete als die höchste Bestimmung des Menschen die Liebe zu Gott. All' Dies war ein stetes Ringen, vom Fundament der jüdischen Gotteserkenntniß und meist auch auf dem Boden Und nun zur Gegenwart! (Fortsetzung folgt.) Wider Herrn von Treitschlre'». II. Da Profeffor v. Dreitschke der erste Mann von Ruf und Verdienst war, der sich den bekannten Judenhetzern anschloß und in den von ihm herausgegebenen „Preußischen Jahrbücher" eine heftige Jnvective auf die Juden richtete: so war es natürlich, daß sich viele Stimmen gegen ihn erhoben, ihm die Unrichtigkeit seiner Behauptungen nachwiesen und die Gehässigkeit seiner Gesinnung vorwarfen. Außer unsrem Artikel in Nr. 50 und dem Sendschreiben des Dr. Jobl sprachen sich nicht nur manche Zeitungen gegen Dreitschke aus, sondern es liegen uns auch einige seitdem erschienene Brochüren vor. So zwei Predigten: Den Judenfeinden Dreitschke, Marr und Stöcker widmet diese „Worte der Wahrheit und des Friedens", Predigt gehalten am 15. November 1879, l)r. Jecheskel (5cito, Rabbiner in Erfurt. Erfurt, 1879. Ferner: Wir Alle sind die Kinder eines Vaters. Zugleich als Antwort an Herrn Profeffor Dreitschke. Predigt am I.!. December 1879 von l)i-. S. Freund, Prediger der Synagogengemeindc Görlitz. Görlitz, Sättig, i879. Beide Predigten sind vom echten Geiste der Religiosität erfüllt und überschreiten in keiner Weise die Linie, welche die Kanzel, soll sie nicht ihr Wesen und ihre Würde verletzen, in Streitfragen einhalten muß. Die erstere, an Maleachi 2, 6 sich lehnend, rühmt die Wahrheit und den Frieden und mahnt die Glaubensgenossen, den; unwahren Behauptungen ihrer Gegner gegenüber in allen ihren Handlungen wahrhaftig, redlich und friedfertig zu sein, wodurch sie ihre Hasser am ehesten zu Schanden machen werden. Die zweite, an l Mos. 42, l l sich haltend, wendet sich vor; Allein gegen den Vorwurf, daß die Juden als eine gesonderte! "Nation eigene nationale Zwecke verfolgten, während die Juden seit dein Falle Jerusalems keine Nation mehr bilden und sich überall, jsoweit sie es nur vermögen, jeder Nation, unter ' welcher sie ihr Vaterland haben, sich anschließen. Dem widerspreche aber nicht, daß die Juden ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermöge ihres Glaubens und ihrer Geschicke hegen, und die Bethätigung dieses Gefühls sei der wahre Schutz und Trutz in Zeiten, wo sich eine Judenverfolgung geltend machen l) S. Ar. 50 vor. Juhrg.