Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-01-06 · Heft 1 (6.1.1880) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 1 (6.1.1880)
Date
1880-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227287--37717-3306883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

2 nehmen können. Ist doch die Zeit vorgeschritten, und legt dem deutschen Reich und Voll Verpflichtungen auf, denen fle sich nicht entziehen können. Der Kampf am -ie Gotteserkenntniß. I. Der Kampf um die Gotteserkenntniß war der Lebensinhalt des israelitischen Volles und des jüdischen Stammes und ist es bis auf den heutigen Tag. Denn dieser Kampf war nicht blos die Aufgabe der Denker und höher entwickelten Geister in dieser Nation, sondern auch der einfachste Jude, der Bedrückung und Schmähung um seines Glaubens willen trug, während er sich durch die Verleugnung desselben freimachen konnte, hatte seinen thatigen Antheil an diesem Kampfe. Ob man ihn als die providenzielle Mission unsres Stammes anerkennt oder nicht — was thut's? Die Geschichte lehrt diesen und keinen anderen Zweck und Inhalt unsres Daseins durch viertehalb Jahrtausende hindurch. Die Fundamentallehre des Judenthums gab dieser Gotteserkenntniß ihren bestimmten Ausdruck: Gott ist das ewige, unveränderliche Sein, das absolute Sein in unbeschränktem Bewußtsein, das von der Allmacht, der Weisheit und der Liebe erfüllt ist. Aus und in diesem Allsein sind alle Wesen in Mannigfaltigkeit und Einheit die Verkörperung seines Wollens und Könnens, in aufsteigender Entfaltung bis zu dem Menschen, der in seinem Selbstbewußtsein die Bestimmung hat, Gott zu erkennen, Gott zu lieben und zu ehrfürchten, Gott nachzueifern und zu dienena). Diese Gotteserkenntniß zu begründen und zu stärken, verwies schon die heilige Schrift auf die Natur und die Geschichte. Darum beginnt sie mit der Schöpfung der Welt, die sie in ihrer Einheit, Gesetzmäßigkeit und Ordnung begreifen lehren will, und Propheten und Sänger fordern auf, in der Natur die Erkenntniß Gottes dem Verstände und dem Herzen näher zu bringen. An die Schöpfung schließt jene sofort die Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechts und verfolgt dann die Geschichte des israelitische» Volkes und der Gotteserkenntniß in ihm, mahnend oft genug, in dieser Geschichte das Walten Gottes, die Herrschaft einer sittlichen Weltordnung über die Völker und Individuen zu erkennen^). — Aber mit dem Erstehen dieser Gotteslehre begann auch der Kampf um sie. In einem so einfachen und ungebildeten Volksstamm konnte sich eine solche Begriffswelt nur unter schwerem Ringen bis in die letzten Glieder deffelben einwurzeln und ihnen zum unerschütterlichen Wesen ihrer selbst werden. Kamen sie doch aus Aegypten, wo, mag man auch noch so viel Metaphysik in die Priesterweisheit eingeschachtelt glauben, ein sehr wüster Götterglauben und Götzendienst bis zu der Anbetung von Thieren das Volk gefangen hielt; war man doch von einem Gemisch ftemder Elemente, die dem Stamme nicht angehötten, begleitet *), trat man doch mitten in Völkerschaften ein, welche dem Baals-, Astatten-, Dagons-, Molochsdienste u. s. w. ergeben waren. Immer wieder drang daher das Heidenthum in Israel ein, und wurde ihm oft nur durch einen Bruchtheil getteuen Volkes, gottbegeisterte Männer an der Spitze, gewehrt. Selbst unter den Augen von Moses erhob sich das Götzenunwesen und wurde nur mit entschiedener Strenge überwunden. So lange das Voll, in Stämme getheilt, ohne Centralgewalt geblieben und die heidnischen Feinde immer wieder in seine Grenzen einbrachen, brachten diese gar leicht das Heidenthum wieder mit sich, und nur, indem sich die Gotteslehre mit dem Bestände der Nation identificitte, war jener auch der Bestand gefichett. In den Zeiten der Könige lag es nicht selten im politischen Jntereffe der Herrscher und der Erweiterung ihrer persönlichen Macht, das Heidenthum zu begünstigen, z B. im Jntereffe der Könige des Zehnstämmereiches-). In diesem ganzen fast tausendjährigen Zeittaum war der Kampf der Gotteserkenntniß mit dem Heidenthume ein hatter nnd eine Existenzftage der ersteren. Das durchsichtigste Bild giebt uns davon die Geschichte des Propheten Elijah in den ftappantesten Zügen. Aber wie jeder Kampf um die Wahrheit, diente auch dieser zur reichsten Entfaltung und Läuterung der Gotteserkenntniß, wie wir diese in den uns hinterlaffenen prophetischen Büchern besitzen. Neuere Hypothesenmacher und Geschichtsconstructeure haben aus diesen Kämpfen den Schluß gezogen: die Israeliten seien eigentlich Polytheisten gewesen, und der Monotheismus, der erst spät unter ihnen erstanden sei, habe nur allmälig Anerkennung und Verbreitung gefunden. Aber alle uns gebliebenen Schriftwerke bezeugen dies einmüthig als eine Verdrehung der Thatsachen; denn in den Israeliten lebte seit ihren Urahnen die monotheistische Idee ttaditionell sott, wurde am Sinai begriffsmäßig entwickelt und zur Volksidee gestaltet, und stets wird in unbefangenster Weise jedes Heidenthum als von außen hereingebracht bezeichnet und als dem Volke ftemdattig dargestellt, weshalb es, sobald nur die rechte Führung wieder vorhanden war, aufs Leichteste vom Volke wieder aufgegeben wurde. Der Sieg der Gotteserkenntniß im jüdischen Stamme war ein vollständiger und wurde seitdem niemals wieder in Frage gestellt. Die Thatsache ist sicher, wenn es auch zu bedauern, daß gerade diese letzte Phase des innern Kampfes geschichtlich in Dunkel gehüllt ist. Denn wenn auch die Propheten des Exils, Ezechiel und Jesaias 11. hie und da verrathen, daß noch der eine und der andere Theil des Volkes 1) 2 Mos. 3, 14; 5 Mos. 10, 12. 2) 5 Mos. 4, 32; 32, 7. 1) 2 Mos. 12, 38. 2) 1 Jtön. 12, 26.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.