Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1878)
- Date
- 1878-12-24
- Page
- Seite 828 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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828 das Padoll und wandelten dem Kreschtschatek zu. Wir begegneten keinem Fiaker, keinem Fußgänger, erst als wir die bergauf sich ziehende Straße, die Alexandrowstraja heißt, betraten, kamen uns einzelne Fußgänger, die auf und ab gingen, zu Gesichte. Wie wir so im Gespräche gemächlich dahin schlenderten, sahen wir ein ärmlich gekleidetes Männlein einige Schritte vor uns herwandeln, gesenkten Hauptes und gebeugt, schien es vor sich hin etwas zu murmeln. Mein Begleiter achtete nicht anfänglich auf diese Gestalt, sondern ging in sich gekehrt und langsamen Schrittes an meiner Seite. Als ich ihn auf diese Erscheinung aufmerksam machte, erhob er das gesenkte Haupt und warf einen ernsten Blick auf das Männlein. „Wenn ich mich nicht irre", sagte er endlich, „ist dieses Männ- Völkleins einen forschenden, ernsten Blick werfen, steht nicht die Thatsache seiner unverwüstlichen Existenz einzig, beispiellos, ja, als ein ewiges Räthsel da? Was glauben Sie wohl, Herr Graf, wenn sein großer Gesetzgeber Moses von seinem Grabe auferstände und das jüdische Volk an seinem ihm verkündeten und so eindringlich eingeschärften Monotheismus mit so eiserner Beharrlichkeit unentwegt festhalten sähe, würde er sich wohl über seine Hartnäckigkeit bitterlich beklagt, sie so scharf gerügt haben, wie er es so oft in seinem großen Leben gethan? Mit nichten, glaube ich. Dieser Auftritt steht aber nicht vereinzelt da, Herr Graf, wie sie glauben können. Wie hier am Dniepr, so konnte man ihn vor Jahrtausenden in der ewigen Roma am Tiber, am Nilus, am Guadalquivir, an der lein einer meiner Glaubensgenosien, die jetzt die allerchristlichste Seine, an der Donau, ja, an der Dwina sehen. Auf allen Stadt Kiew mit ihrer Gegenwart beglücken. Verdoppeln wir Plätzen und Märkten und Straßen, vor allen Palästen, Tempeln unsere Schritte, ich will doch einmal hören, was es da vor und Kirchen scheute er sich nicht, sich mit Löwenmuth hinzusich hermurmelt." Wir gingen etwas rascher und holten das! pflanzen, seinen reinen Monotheismus zu bekennen, zu ver- Männlein bald ein. „Sehen Sie, ich hatte Recht," sagte künden, ja, wenn es galt, mit seinem Herzblute zu besiegeln. Judka, „es ist ein Jüdchen und hat jetzt hier an diesem Platze Ist es nicht einzig in seiner Art? Darf man sich bei dieser nichts Wichtigeres zu thun, als das Minchagebet zu verrichten; Ausdauer wundern, daß es noch besteht?" Ich mußte dem cs ist ja die Zeit des Vespergebets, und das, was es da: Manne, der am Sabbath mit der Cigarre im Munde so sprach, flüstert, ist nichts als Gebet. Wir folgten Schritt auf Schritt Recht geben, ich konnte ihm meine Bewunderung nicht vordem Männlein. Oben angekommen, lenkte es rechts ein, wir enthalten. Aber dieser Moment hat sich mit unauslöschlicher ihm nach und wir befanden uns auf der elegantesten, präch- Schrift tief in mein Her; eingegraben . . . Wir gingen tigsten Straße Kiews, dem Kreschtschatek. Bald am Eingänge' weiter, ein Jeglicher in seinen Gedanken versunken. Die Rcliin dieselbe steht das prachtvolle, imposante Hotel de l’Europe. gion, dachte ich, ist doch die .höchste Idealität eines Volkes, An desien Fronte, an der sich viele Magazine mit ihren großen und Heil demselben, das dieses Kleinod gehegt und gepflegt spiegelhellen Schaufenstern befinden, suchte sich das Männchen und treu aufbewahrt und nicht in den schmutzigen Pfuhl des eine kleine Vertiefung neben einem vorspringenden Bauornament Materialismus versunken ist." — Der Graf schwieg — und aus, stellte sich hin und sing an seine Verbeugungen zu machen, ich? — ich saß ganz still in mich gekehrt, dann ging ich auch, ohne die mindeste Rücksicht auf die elegant gekleideten Damen das Vespergebet zu verrichten und nie, nie habe ich mit und Herren, die mit einem verächtlichen Mundverzerren an ihm. größerem Verständniß, mit größerer Andacht die Worte gesagt: vorbei gingen, zu nehmen. Wir hielten inne, sahen uns ein px:: T“S "" L'X“wM' '21 ."inx "j2u1 “HK nr,X! — Weilchen das Gebühren des Männleins an und gingen endlich fürbaß unseres Weges. Mein Judka ging anfangs in Nachsinnen versunken an meiner Seite, endlich aber brach er das Schweigen und sagte: „Nicht wahr, Herr Graf, an diesem Platze ein frappanter Auftritt! Wie viel Stoff aber giebt er dein Denker! Wissen Sie, was für ein Gebet dieses Männlein hier, Angesichts der eleganten Welt, die an ihm mit einem verächtlichen Verzerren des Mundes vorbeieilt, Angesichts dieser vielen mit goldenen Kreuzen, mit prunkenden Kuppeln gekrönten Kirchen, wo schon sein Odem Pest ist, betet? Das Gebet fängt mit den Worten an: „Du bist einzig und Dein Name ist einzig" . . . Hier hielt Judka einige Momente inne, dann fuhr er fort: „Hören Sie, was diesem Satze nachiolgt: „Wer ist wie Dein Volk Israel eine einzige Nation auf Erden?" Ist das nicht wahr? Dieses ärmliche Jüdchen ist der Beleg dafür! Wenn wir auf die Jahrtausende der Geschichte dieses viel verkannten, viel verfolgten und geplagten Von nun an muß ich mich kurz faffen, da unsere weitere Reise des Jntereffanten wenig bietet. Des Tages darauf machten wir uns mit dem frühesten Morgen auf und setzten unsere Reise wohlgemuth weiter fort. Der Weg war aber holperig und fast unfahrbar, denn es fing schon an zu ftieren; unser Weiterkommen ging daher sehr langsam von Statten. Nach drei Tagereisen erkrankte mir ein Pferd und an eine Weiterreise war nicht zu denken; der Graf half auch hier großmüthig, er kaufte aus seiner Börse ein junges, schönes Pferd und weiter ging es. — Wir näherten uns dem Don. Immer weniger begegnete ich hier meinen Glaubensgenoffen so daß ich selten etwas Warmech zu effen bekam. Ich mußte mich mit Brod, Häring und Thee begnügen. Als bei unserm mühsamen Weiterkommen auch das andere Pferd erkrankte, half abermals der Graf; wir ließen es zurück und fuhren mit zwei starken Pferden weit bester als bisher. Als endlich ein