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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-24 · Heft 52 (24.12.1878) · p. Seite 827

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 52 (24.12.1878)
Date
1878-12-24
Page
Seite 827 (sequence 11)
Language
German
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827 theilc ganz Ihre Ansichten über das jetzige Rußland, das mein I Vaterland zu nennen mein Stolz ist." „Nicht wahr, Herr Graf", fügte ich lachend hinzu, „ich könnte Ihnen gar wohl im Namen unserer Regierung vollständige Amnestie versprechen, wenn Sie mir versprechen, künftig keine Hand mehr zu jenen periodisch wiederkehrcnden Verschwörungen und Complotten zu bieten. Als ich geendet, sah mich der Gras mit großen Augen an, er schien von meinen Worten ganz verblüfft zu sein, er hätte wahrscheinlich mir das Verständniß für seine Aeußerungen, die er, wie er glaubte, für sich selbst gethan, nicht zugemuthet. Endlich aber sagte er: „Ja, lieber Abrahmka, Du hast recht, ich bin von allen chimärischen Illusionen gründlich geheilt, ich bin nun eines Befferen belehrt worden." — „Mögen alle Ihre Stammesgcnosien zu derselben Erkenntniß gelangen, und es würde um das materielle und geistige Wohl Ihres Volkes weit bester stehen. Wie viele materielle und geistige Kräfte haben schon diese Aufstände verschlungen, die zu etwas besterem angcwendet, Polen zu einer nie dagewesenen Blüthe führen könnten. Sehen Sie, Herr Gras, uns hat diese Theorie, die Sie so eben mit kurzen Andeutungen berührt haben, ich meine vom engern Anschlüsse an das Volk, in desten Mitte wir leben, schn vor uralter Zeit ein großer Patriot, ein weitsehender Weiser gepredigt. Er schärfte sie uns ein bald nach dem ersten Verluste unserer nationalen Selbstständigkeit, als wir weit, weit vom Vaterlande im Exile leben mußten, Jeremias hieß der Prophet, und so lange wir diesem guten Rathe Gehör gaben, konnten wir bestehen und an unserer geistigen Fortentwickelung arbeiten. Kaum hatten wir sie aber außer Acht gelasten, kaum machten wir den Versuch, unsere Ketten zu brechen, als wir ihn mit unendlichen Leiden, mit Blut und Thränen bezahlen mußten. — Später predigten unsere Weisen uns dieselbe Lehre und Dank diesen wohlgemeinten, weisen Rathschlägen, diesem heilsamen Principe, das uns auf allen unseren Wanderungen und Wandlungen in der Geschichte leitete, bestehen wir noch in der Mitte der neuen Völker der civilisirten Erde, tvährend alle Nationen, die da auf ihrem Grund und Boden geblieben, die vor und mit uns auf der großen Schaubühne der Weltgeschichte gewandelt, wie der Schatten einer vorüberziehenden Wolke von dem Erdenrunde verschwunden. Selbst die Messiasidee, der man den Fortbestand des Judenthums zuschreibt, war von vielen großen Autoritäten destelben idcalisch ausgcfaßt, und wird dieser Standpunkt von ver ganzen gebildeten Judenheit der Jetztzeit festgehalten." — „Du hast hier, Abrahmka," begann der Graf, „ein sehr wichtiges Thema berührt, das ewige Räthsel der Weltgeschichte. Das ruft mir eine Episode, eine Begegnung ins Gcdächtniß zurück, die mir unvergeßlich geblieben; wenn Du Lust und Muße hast, so will ich sie Dir erzählen." Ich bat ihn sehr darum, und er fuhr folgendermaßen fort: „Wie Du wohl bemerkt haben wirst, bin ich in den Kiewer Straßen wohlbewandert; das kommt daher. weil ich hier schon oft zur Zeit der Mesten, die man hier Contracte nennt, Geschäfts halber dagewesen bin. Im Verkehr mit andern Edelleuten stehend, wurde ich mit einem Deiner vielen Namensgenoffen, die zu dieser Zeit jeher von Nah und Ferne zusammenströmen, bekannt, der als Vermittler und Faktor mit dem Adel viel verkehrte und wegen seiner Bildung, Rechtlichkeit und jovialen Wesens von ihnen gern gesehen wurde. Wir nannten ihn schlechtweg Judka. Das Einzige, was man ihm vorwerfen könnte, war, daß er nicht so fromm war wie Du, mein lieber Abrahmka; so hielt er es für gar keine Sünde, wenn er am Sabbath rauchte, schrieb oder fuhr, was doch, wie ich weiß, nach Eurem Gesetze eine Sünde ist. Was mich aber nicht wenig Wunder nahm, war, daß Judka trotz seiner Freigeisterei selbst bei den frommen Juden einer gewissen Toleranz sich zu erfteuen hatte, was doch selten bei ihnen der Fall zu sein pflegt. Das kam wahrscheinlich daher, daß er in allen seinen Geschäftsleitungen der strengsten Rechtlichkeit beflissen war, die umsomehr hervorstach, als sie von andern Männern einer Confession und Profession nicht strict inne gehalten wurde. Einst an einem Sabbath Nachmittag kam Judka zu mir — mich zog er vielen Andern vor, weil er bei mir weniger Vorurtheile gegen seine Glaubensgenossen zu bemerken schien — er kam also zu mir, aber nicht in der besten Laune, wie ich bemerkte. Ich ftagte ihn nach der Ursache seiner Mißstimmung. Er sagte mit einer anscheinend kläglichen Miene, in der aber eine unbeschreibliche Ironie lag: „Wie langweilig, wie monoton ist doch der Sabbath in Kiew. Es ist doch eine wahre Plage. Denken Sie sich, Herr Gras, in dem allerchristlichsten Kiew giebt es in Samstag keine Geschäfte, weil die geächteten, verfehmten Juden Sabbath haben. Ist es kein schreiendes Unrecht; keine unerhörte Tyrannei von diesem Volkes" Ich mußte bei diesen Worten herzlich auflachen: „Das darf Sie, lieber Judka, gar nicht Wunder nehmen, man mag sagen, was man wolle, es steht doch als Thatsache fest, daß Ihre Glaubensgenossen gewissermaßen die nothwendige Bcwegungskraft im Staatsmechanismus bilden, daß sie auf dem Gebiete des Handels und der Industrie als Vermittler zwischen Angebot und Bedürsniß eine hervorragende Stellung einnehmen. Es ist ja aller Welt bekannt, daß die große universelle Berliner Börse an den hohen Festtagen der Juden geschlossen bleibt, wie wollen Sie denn, daß in Kiew am Sabbath., an dem die Juden der Rast pflegen und sich jedes geschäftlichen Unternehmens enthalten, dasselbe bewegliche, in allen Adern der commerziellen Welt pulsirende Leben zu bemerkenwäre, wie in andern Werkeltagen? Wissen Sie was, kommen Sie mit mir zu Müller auf dem Kreschtschatcck, dort bekommen wir ein gutes Glas Kaffee, den Sie lieben und frische, deutsche Blätter, die Sie nicht minder gern haben. Das wird Ihren Spleen vertreiben." Gesagt, gethan! Wir zündeten uns ein paar gute Cigarren an und durchschritten bald die verödeten Straßen,

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