Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1878)
- Date
- 1878-12-24
- Page
- Seite 829 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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starker Schneefall eintrat, mußte ich mich meines ganz morsch! gewordenen Fuhrwerks entäußern und kaufte einen gut gedeckten! geräumigen Schlitten. Nach einigen Tagen gelangten wir in j eine Kreisstadt und beschlossen hier einen Tag zu rasten. Ich! hörte, daß ein kleines Häuflein abgedienter jüdischer Soldaten! hier sich zusammengethan und eine kleine Gemeinde gebildet. > Sie hatten bereits einen Schochet, der zugleich als More-^cddah j und Vorsänger fungirte, auch besaßen sie diejenigen Jnstitu-! tionen, deren eine jüdische Gemeinde nicht entrathen kann, als! da sind: Begräbnißplatz, Badehaus und Betzimmer. Ich begab! mich zum Schochet in der Hoffnung, etwas Warmes zu esien! zu bekommen. Wie freudig überrascht war ich, als ich dort! einigen Glaubensgenoffen aus meiner Heimath begegnete, unter! denen einer mir persönlich bekannt war. Sie erzählten mir, j daß sie als Lieferanten einige Regimenter donischer Kosaken i auf ihrer Rückkehr in ihre Heimath begleiteten und daß sie in! einigen Tagen, nachdem sie ihre Rechnungen mit den Militär- ■ behörden abgeschloffen haben würden, im Begriffe seien, unverzüglich ihre Heimreise anzutreten. — Sie baten mich, mein Fuhrwerk ihnen zu diesem Behufs zu vermiethen. Ich drückte mein herzliches Bedauern aus, daran gehindert zu sein, da ich dem Uebereinkommen gemäß meinen Miether noch einige Hundert Werste zu fahren habe. Wir schmaußten zusammen und stießen an; der donische Wein schmeckte recht gut. So weilte ich in deren Mitte bis spät in die Nacht und kehrte erst nach Mitternacht auf mein Quartier zurück. Stellen Sie sich aber mein Erstaunen vor, als der Wirth, ein alter Ruffe, inir entgegenkam und mir einen herzlichen Gruß vom Grafen abstattete und ein versiegeltes Couvert einhändigtc. Ich erbrach das Siegel und erblickte darin ein kleines Handzettelchen vom Grafen und zweihundert Rubel. In dem Billete schrieb er, daß er in der Stadt einen seiner Verwalter mit Wagen und Pferden angetroffen, der ihm von seiner Gattin, die er durch einen Brief von seiner glücklichen Rettung benachrichtigt, entgegengeschickt wurde, und daß er unverzüglich abreifen müffe. Er bat mich dringlich, ihm nachzukommen, damit seine Frau dem Erretter ihres Mannes nach Gebühr danken könne. Die beigelcgten zweihundert Rubel, die als Fuhrlohn ausbedungen waren, erachte er es auf jeden Fall donnöthen beizufügen. Dabei ließ er die Hoffnung blicken, daß es mir bei ihm so gut gefallen werde, daß ich mich entschließen würde, zu ihm auf seine Besitzungen überzusiedeln, er werde schon Sorge tragen, mir ein einträgliches Geschäftchen zu verschaffen. Mir that es herzlich leid, von dem edlen Manne nicht persönlich Abschied genommen zu haben, und ich stand unschlüssig da, was ich nun zu thun hätte. Wie sehr ich mich einerseits gedrungen fühlte, den Wunsch des Grafen zu erfüllen und meine Reise fortzusetzen, so stellte ich mir andererseits die Gefahr vor, so einsam in diesen entlegenen unsicheren Gegenden zu reisen, auch hätte ich dann müssen ganz allein die weite Rückreise in die Heimath machen, was auch nicht ganz sicher war. Ich sehnte mich schon nach der Heimath, von der ich noch nie so lange entfernt gewesen. Kaum war der Morgen da, eilte ich zu den Lieferanten, sie gaben den Ausschlag und ich vermiethete ihnen mein Fuhrwerk, welches mir auch ein Erkleckliches abwarf. Ich war ein gemachter Mann. Sie können sich leicht die Freude der Meinigen ausmalen, als ich so glücklich heimkehrte. Alle unsere Drangsale hatten ja ein Ende ... Ich wollte kein anderes Gewerbe ergreifen und blieb bei meinem Fache, das mir Glück gebracht und an das ich mich gewöhnt hatte. Sie sehen, ich befinde mich bei diesem unsteten, mühevollen, aber beweglichen Leben recht wohl. Es bietet mir Abwechselung und die vielfachen Eindrücke eines wechselvollen Lebens haben sogar für mich etwas Anziehendes. Ich blieb auch meinen Jugendbestrebungen nicht fremd. Bei Muße lese ich noch ein Schristchen von der neuen modernen hebräischen Literatur mit großem Jntereffe. Jetzt habe ich die Weltgeschickte von Kalman Schulmann bei mir; sie hat einen großen Werth rür mich, denn nichts belehrt mich so sehr, als die Erzählungen der verfloffenen Jahrtausende. . . . Pom Grafen erhielt ich ein paar Monate nach meiner Heimkehr einen Brief, worin er mich ausschalt, ihm nicht 'nachgekommen zu sein, er würde mein Glück gemacht haben. ^Jch entschuldigte mich bei ihm mit dem Umstande, daß ich in der Mitte meiner Glaubensgenossen leben wolle und dankte ihm herzlich für all' das Gute, das er mir erwiesen und noch erweisen wollte. Ich versicherte ihn unserer ewigen Dankbarkeit. Diese Geschichte, in der Nacht vor Hoschana-rabba erzählt, prägte sich tief in mein Gedächtniß ein; sie nahm mein innigstes Jntereffe in Anspruch, ich glaubte auch, der geehrte Leser würde sie nicht ohne Thcilnahme lesen und darum versuchte ich, sie in dieser weit verbreiteten Zeitung für das : Judenthum darzustellen, wie ich sie empfangen. — Von mir ' muß ich noch hinzufügen, daß der Fuhrmann sein Wort gelöst ' und ich kam heim, noch bevor das Gebet angefangen hatte. "Anzeigen. sind ausschliesslich an die Annoncen-Fxpedition von Rudolf Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin, Breslau, Chemnitz, Coln aRh., Dresden, Frankfurt a M., Halle a/8», Hamburg. London, Magdeburg, München, Nürnberg, Paris, Prag, Strassburg i E., Wien, Zürich zu adressiren.