Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1878)
- Date
- 1878-12-17
- Page
- Seite 812 (sequence 12)
- Language
- German
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812 der jüdischen Masse in früherer Zeit eigen war. Geschichtlichen Werth haben auch die Auszüge aus den 1651 festgestellten .. Schai Tekauoth“ so wie die Denkschrift der mährischen Judenschaft aus dem Jahre 1849. Ein Anhang zählt die vielen jüdischen Schriftsteller auf, die aus Mähren entsproßten und unter denen Namen ersten Ranges aus der Gegenwart sich befinden. — „Handbuch zur biblischen Geschichte. Mit Ergänzungen re. bearbeitet von Ur. E. Hofs, Rabbiner in Proßnitz. 1. Heft. Wien, Holder 1878. Wir haben seiner Zeit die „biblische Geschichte für israelitische Volksschulen" des Verfafiers anerkennend besprochen. Derselbe will nun in diesem „Handbuch" Ergänzungen und Erläuterungen, religiös moralische Andeutungen, Legenden aus dem Midrasch zu seiner biblischen Geschichte geben, indem er Stellen aus derselben nach dem Verlaufe des Buches anführt und fie erläutert. Hierdurch will er dem Lehrer zu Hülfe kommen, damit er den Unterricht in der biblischen Geschichte recht fruchtbar mache. Jndeß müffen wir gestehen, daß wir diese Arbeit zu großem Theile für verfehlt halten. Das Verständniß der heil. Schrift wird nur verwäffert und für die meisten Stellen eine sehr platte Auffassung gegeben. Man braucht nur die Schöpfungsgeschichte, das Paradies, die Sündfluth (statt Sintfluth, wie jetzt allgemein als richtig angesehen wird) einzusehen, um unser Urtheil als richtig anzuerkennen. So buchstäblich und nüchtern darf jetzt auch ein Elementarlehrer die tiesfinnigen Worte der Schrift nicht mehr verstehen. Die moralischen Andeutungen leiden an demselben Mangels und Bemerkungen wie: Noah war dankbar, und auch wir müffen dankbar sein; der war gehorsam, auch wir müffen gehorsam sein und in dieser Art weiter, kann wohl jeder Lehrer fich selbst machen. Manches weiß der Verfaffer allerdings genauer. als die Schrift selbst, z. B. daß die Arche ein schiefes Dach gehabt, und wozu deren drei Stockwerke gebraucht wurden Die Anhäufung von Zahlen im Citiren von Schriftstellen entschädigt dafür nicht. Das Beste bleiben die Legenden, deren die meisten freilich nicht neu aufgefunden sind. Der Gedanke eines solchen Handbuches ist gut, aber die Ausführung hätte eine ganz andere an Inhalt und Form sein 'müffen. — Feuilleton. Eine gegenseitige Rettung. I Einer wahren Begebenheit nacherzählt,! von Leon Mendelsdurg in Koretz (Volhynien). (Fortsetzung.) „Wir sperrten die Juden in die Ghetti ein, wo fie, eingepfercht in Schmutz und Finsterniß, von Generation zu Ge- ( neration immer mehr verkümmerten. Wir ließen fie wie die Seidenwürmer in ihrem eigenen Gespinnste sich einpuppen, um verwahrlost ein kümmerliches Dasein zu fristen. Die Außenwelt verjüngte fich mit jedem Tage immer mehr, die Cultur der modernen Welt brachte einen Frühling über die Völker Europas, aber die polnischen Juden wurden von dem Allen nicht berührt. So blieb es fast bis heute Vergleichen Sie, meine Brüder, einen europäischen mit einem polnischen Juden. So weit die polnische Zunge gesprochen wird, ist er weit hinter seinen Glaubensbrüdern zurückgeblieben. Polnischer Jude ist ein Schimpfname geblieben, ein Schmähwort, das nicht allein den Namen Jude, sondern auch das Epithet „polnisch" trifft. Ist es da ein Wunder, daß wir jetzt ernten, was wir durch die Jahrhunderte gesäet, oder bester, daß wir da gar nicht ernten, wo wir gar nicht gesäet ( Wer könnte von diesen Waldbäumen, die uns umgeben, verlangen, daß fie Früchte trügend Dagegen sehet die kluge Politik Rußlands. Kaum ist ein Jahrhundert verstrichen, seit es in den Besitz der westlichen Gouvernements gelangt ist, so hat cs schon jüdische Schulen gegründet, um die junge Generation in russisch-nationalem Geiste zu erziehen und es hat damit: den Nagel auf den Kopf getroffen. Es hat ihnen alle seine eigenen Lehranstalten geöffnet und hat sie dahin zu locken gewußt durch Versprechung des Staatsdienstes im ganzen weiten unermeßlichen Reiche. Kann es Wunder nehmen, daß die ganze junge Generation sich als Bürger des Vaterlands fühlt und bestrebt ist, seine Sprache sich anzueignen? Kommen Sie mit mir nach Süd- und Kleinrußland, Sie werden erstaunen, zu sehen, wie der Jude da mit Leib und Seele ganz Ruffe ist, wie er für alle nationalen Interessen seines Vaterlandes erglüht. Das nenne ich eine weise Politik." — Bei diesem Rußland von einem Aufständischen gespendeten Lobsprüchen erhob fich ein schrecklicher Tumult um mich. Mit wüthenden Geberden sprangen meine Genossen auf, umringten mich mit geballten Fäusten, zornglühenden Gesichtern, hießen mich einen Verräther, da ich es wagte, einen hohen polnischen Adel zu schmähen. Ich ließ mich aber von ihren Drohungen nicht einschüchtern, blieb unerschrocken und kalt stehen und sagte dann: „Liebe Brüder, ich wollte Euch vor Mordbrennereien, vom Vergießen unschuldigen Blutes abhalten, das unsere heilige, aber unglückliche Sache nicht verbessern, Wohl aber verschlimmern und uns die Sympathien Europas kosten könnte. Ich hielt es für meine Pflicht, Euch zu warnen vor übereilten Schritten, die unberechenbares Unheil anrichten könnten. Ich sage Euch noch einmal: jedem Staate liegt es ob, seine Landeskinder zu nützlichen Bürgern zu erziehen. Was wären wir geworden, wenn man uns nicht erzogen hätte? — Wie