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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-17 · Heft 51 (17.12.1878) · p. Seite 813

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 51 (17.12.1878)
Date
1878-12-17
Page
Seite 813 (sequence 13)
Language
German
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813 ich mir habe sagen lasten, giebt es ganze Districte, in denen die Juden mit unserem Volke gemeinsame Sache machten, während die Bauern kalt und theilnahmlos dastehen. — Ich bitte Sie, über diesen einzigen Umstand nachzudenken und Sie! werden meine Worte gerechtfertigt finden." — Wie man 6eij einem abziehenden Gewitter noch lange das ferne Grollen destelben vernimmt, so ließen fich noch einige zornige Stimmen vernehmen, nach und nach aber legte fich der Sturm gegen mich, aber meinen Zweck hatte ich doch erreicht. Der Himmel weiß, welche Opfer gefallen wären, wenn diese verzweifelten Menschen nicht abgehalten worden wären, ihre blutigen Pläne! auszuführen ... Da bald hernach auch die Bauern gegen! uns aufstanden, verloren wir jeden Zufluchtsort, fie fahndeten! auf uns und überlieferten Diejenigen, deren fie habhaft | wurden, den Händen des Kriegscommandeurs. Gehetzt von j Wald zu Walde wurden wir endlich ganz umgarnt und bei! einem nächtlichen Ueberfalle von den Kosacken gefangen genommen. Ich wurde vor ein Kriegsgericht gestellt. Du wirst es wohl begreifen, daß ich mich hütete, meinen rechten Namen zu nenne», auf diesfallfige Frage gab ich mich für einen preußischen Unterthanen aus. Da aber die Kosacken aussagten, daß ich mit ihnen ein reines Russisch gesprochen, hegte man gerechten Zweifel an allen meinen Aussagen und Angaben und vermuthete in mir einen russischen Unterthanen, der in den westlichen Districten wohne. Um meine Identität festzustellen, wurde ich vorläufig nach Kiew transportirt. Nach langem Umherführen von Etappe zu Etappe kam ich dort an, wo ich in den Kasematten der Festung Muße genug fand, über meine verzweifelte Lage nachzudenken und meinen Leichtsinn zu bereuen und zu verwünschen. Nach Verlauf einiger Wochen gesellte man mir einen Leidensgefährten zu, gegen den ich aber das größte Mißtrauen hatte; denn ich kannte wohl den Kunstgriff, den man anwendete. Denjenigen, die ihre Herkunft leugneten, Geständniffe zu entlocken. Solche Individuen erschleichen fich gar bald unter der Maske der Mitleidenschaft das grenzenlose Zutrauen ihrer politischen Mitgefangenen, um sie hernach zu verrathen. Als aber Monde verstrichen waren, und ich den ungefälschten Gram meines Mitgefangenen sab, der schlaflos und verzweifelt fich in Kummer und Sorge verzehrte, als ich gewahrte, daß derselbe sich nicht die mindeste Mühe gab, in mein Geheimniß fich einzuschleichen, faßte ich mehr Zutrauen zu ihm und wir fanden im Austausch unserer gegenseitigen Gedanken Trost und suchten einander den gesunkenen Muth zu beleben. — Eines Tages wurde mein Mitgefangener zum Verhöre geführt. Nach einigen Stunden kam er von dort strahlend vor Freude zurück; auf mein Befragen erklärte er mir, daß er die größte Hoffnung habe, daß bald die Stunde seiner Befteiung schlagen werde-. Ich wünschte ihm herzlich Glück und richtete an ihn die inständige Bitte, er möge, sobald er fteigcsprochen sein werde, an meine Frau schreiben, deren Adresse er schon lange von mir erfahren hatte, und ihr meine Lage beschreiben, damit fie Mittel suche, meine Befteiung zu erwirken. Er versprach es mir und als später seine Freilassung erfolgte, hielt er wirklich Wort. Das erfuhr ich aber erst später. Ich blieb indessen ganz vereinsamt und fühlte desto schmerzlicher meine Verlassenheit von aller Welt. . Hier machte mein Gewährsmann eine Pause, trank sein Glas Wein aus, schritt dann im Zimmer auf und ab und sagte zu mir: „Abrahmka, Du trinkst ja nicht, warum sitzest Du so in. Nachdenken versunken da?" ,Hch bin gespannt zu hören, wie fich endlich Ihr Geschick gewendet und Sie Ihre Freiheit erlangt haben", entgegnete ich und leerte mein Glas. Der Graf schenkte noch einmal ein und fuhr dann in seiner Erzählung fort: „Wie ich zur Freiheit gelangte? Höre. Eines Abends harrte ich ungewöhnlich lange auf das ftugale Äbendbrod, das mir um Ü Uhr des Abends gereicht zu werden pflegte, ich wollte mich schon auf mein ärmliches Lager niederlegen, als die Gefängnißthür sich aufthat und eine hochgewachsene Figur leise hereintrat, eine Laterne in der Hand haltend. Diese auf den Boden niederstellend, näherte fich mir der Mann, den Zeigefinger auf den Mund haltend, griff dann in seinen Busen, langte ein mit mehreren Siegeln versiegeltes Packet hervor, reichte es mir hin, gab mir ein Päckchen Kleidungsstücke, ein Stückchen Wachslicht nebst einigen Zündhölzchen und, nachdem er mir herzlich die Hand gedrückt, verschwand er wieder, wie er gekommen. Ich hatte in meiner großen Ueberraschung so viel Besinnung, einen forschenden Blick auf die Physiognomie des geheimnißvollen Mannes zu werfen, aber er stand im Schatten, mit dem Rücken zur Laterne gewendet, und ich konnte nichts erkennen. — Daß es nicht mein gewöhnlicher Gefängnißwärter war, sah ich ganz deutlich an der hohen Statur destelben. Der Hammer des Schmieds kann Wohl nicht stärker auf den Amboß klopfen, als mein Herz an die Rippen schlug. Anfangs fürchtete ich, das Opfer einer Mystification zu sein . . . Das einzige Mittel, mir Aufklärung zu verschaffen, war, das Licht anzuzünden. Das war aber eine mißliche Sache: um diese Stunde durfte kein Licht im Gefängnisse brennen und in meiner nächsten Nähe hörte ich die Schritte meines wachthabenden Postens, der auf und nieder wandelte. Ich mochte so wie auf die Folter gespannt eine Stunde gesessen haben, als es mir einfiel, mich auf mein Bettgestell zu stellen, das kleine Fensterchen, das auf den Hof hinausging, mit meinem Mantel zu verdecken; ich zündete das Licht an und wer beschreibt meine fteudige Ueberraschung! Als ich die Siegel aufriß, erblickte ich viele neue russische Banknoten im Betrage von mehreren Tausend Rubel, und was das Entzückendste für mich war, ein eigenhändiges Schreiben von meiner lieben Frau. (Schluß folgt.)

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