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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-17 · Heft 51 (17.12.1878) · p. Seite 804

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 51 (17.12.1878)
Date
1878-12-17
Page
Seite 804 (sequence 4)
Language
German
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804 Es ist irrthümlich, wenn man glauben machen will, daß Rumänien den Israeliten bis jetzt das rumänische Bürgerrecht wegen Religionsverschiedenheit verweigerte! Die alte und neue Geschichte Rumäniens beweist es, daß unser Volk nie Jemandem grollte oder feindlich gestnnt war, weil er sich zu einer andern Religion bekannte! Wir hatten selbst in den finstersten Zeiten des Mittelalters keine solchen Verfolgungsscenen religiöser Art aufzuweisen, wie deren das civilisirte Europa in seine Geschichte mit blutiger Schrift geschrieben. Nein — nicht der Religion halber! Soweit zurück waren wir niemals, und umsoweniger heute! — Es find dies Ursachen gan; anderer Natur, weshalb wir den Israeliten die Thüren der politischen Rechte verschließen, und die Worte der Thronrede enthalten in dieser Hinsicht einen Schreibfehlers!) Unsere erste und theuerste Pflicht, die wir seit lange vererben, war immer die Conservirung des rumänischen Vaterlandes und unserer inneren Freiheit, sowohl der politischen, als der socialen. Wir fühlten uns nicht stark, einem Fremdenstrome Stand zu halten, der unser Land überschwemmte und der durch seinen Geist und Geschicklichkeit zur Speculation stch des ganzen Wohlstandes der Landesbewohner bemächtigte. D i e politischen Rechte werden in den Händen dieser Fremden eine sehr gefährliche Waffe werden. Wenn man einer Nation das Recht giebt, gegen seine Feinde von außen sich zu vertheidigen, umsomehr wird man ihr doch ein Recht gewähren, sich gegen die zu vertheidigen, die sie von innen bedrohen (!?). Dies ist die Wahrheit (?!), über welche Europa fich mit uns zu verständigen sucht, aber nicht, daß die Religion je ein Hinderniß für das rumänische Bürgerrecht gewesen. Wir werden daher in der Zukunft sehen, wie wir unsere nationalen Rechte mit „dem Principe der Aufklärung dieses Jahrhunderts" in Einklang bringen!" — „L'Orient" — das einzige in französischer Sprache in Bukarest erscheinende politische Journal — meint: „Einige Passagen der Thronrede werden in Rumänien wie im1 Auslande einen großen Eindruck machen. Herr Waddington wird vor Freude hüpfen, wenn er z. B. lesen wird: (folgt die Eingangs dieses Artikels angeführte Stelle der Thronrede). — Das sind doch Worte, welche Europa beweisen, welche Beschleunigung Rumänien an den Tag legen will, um die Beschlüsse des Berliner Vertrages auszuführen, sogar diejenigen, welche eine gewisse Störung in den Organismus des Landes bringen werden. Es ist zwar zu hoffen, daß diese Störung nur vorübergehend sein wird, trotz der bedeutenden Consequenzen, die sie sowohl vom politischen, als volkswirthschaftlichen Standpunkte aus nach sich ziehen wird; und muß man wirklich die Regierung beglückwünschen, in dieser so schweren Situation so muthig vorgegangen zu sein. Dies ist auch eine Garantie, daß diese Reform ganz, loyal, schnell — so schnell als möglich eingeführt werden wird. (Nun kommt der Kern der Frucht!) Es ist daher zu hoffen, daß die Mächte, die ihre Repräsentanten in Bukarest noch nicht ernannt haben, dies thun werden, ohne abzuwarten, daß der letzte rumänische Jude emancipirt sei. — Die Großmächte dürsten heute von dem festen Willen überzeugt sein, mit welchem Rumänien ihre Beschlüsse auszuführen gedenkt. Werden sie warten, bis diese ganz ausgeführt sind, um dann erst ihre Beziehungen zu reguliren? Würden sie dann, wie gewisse Kaufleute, deren gegenseitiges Vertrauen zu wünschen übrig läßt, nur mit der einen Hand geben und mit der andern nehmen, und dem Lande die Unabhängigkeit nicht zuerkennen, als bis den Juden die Civil- und politischen Rechte gewährt worden sind? Diese Procedur wird sich etwas in die Länge ziehen, es genügt daher, wenn sie angesangen hat, und Europa darf sich damit zufrieden erklären und auch Beweise seiner Zufriedenheit geben!" „La voce d'Italia“ — ein in Bukarest von einem Ausländer in italienischer und rumänischer Sprache redigirtes Blatt — schreibt: „Während der Fürst feierlich die Thronrede verlas, empfanden wir einen Schmerz über einige Stellen derselben. Es ist unnütz, dies zu. verbergen . . . Unter den Westmächten, die über die Lage Rumäniens schlecht informirt sind, befindet sich auch Italien! während Rußland, Oesterreich-Ungarn und die Türkei ohne Einschränkung die Unabhängigkeit anerkannten. Aber heute sind auch wir bei dem Punkte angelangt, wo jeder Grund beseitigt ist, die Anerkennung nicht zu reguliren, indem der Fürst erklärt hat, den bekannten Artikel der Constitution zu revidiren und zu modificiren bereit zu sein. Wir glauben, daß die Losreißung Bessarabiens genug Opfer für Rumänien wäre, ohne noch gteichzeitig ein anderes Opfer ihm aufzulegen, welches in Anbetracht der Lage dieser Nation schwer und blutig ist," . - . „Jetzt, nach den letzten Worten des Fürsten, die Unabhängigkeit Rumäniens nicht anerkennen, würde nebst dem Mangel an Achtung für ihn, auch ein ungerechtfertigter Act gegen dieses edle Land sein! Außerdem aber müssen wir constatiren, daß, während diese Westmächte Rumänien die stricte Ausführung des Berliner Vertrages auferlegen, sie gegen Rußland, das unaufhörlich Truppen nach Bulgarien sendet, so nachsichtig sind u. s. w. Ein so verschiedenes Betragen und unerklärliche Geneigtheit der Mächte für die Israeliten — jetzt, wo Interessen von so großer Wichtigkeit im Spiele sind — erinnert uns an die Byzantiner, die über verschiedene Prärogative des heiligen Geistes disputirten, während die Türken Constantinopel belagerten. — Die Zukunft wird lehren, ob der Vergleich richtig war!"

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