Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1878)
- Date
- 1878-12-17
- Page
- Seite 802 (sequence 2)
- Language
- German
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802 Waren doch selbst die svnagogalen Vorträge der Rabbiner halachischen Inhalts, während man nur den gering geschätzten Maggidim das witzige Spielen mit dem Midrasch überließ. Den ganzen dogmatischen und'ethischen Inhalt des Judenthums hielt man für so selbstverständlich und anerkannt, daß man sich mit ihm gar nicht zu befassen brauche, weshalb er nicht einmal im Unterricht der Jugend eine Stelle fand. Ging es doch selbst Mendelssohn nicht anders, der, während er seine Populärphilosophie selbstständig, ohne alle Beziehung zur positiven Religion für das allgemeine Publicum mit großem Erfolge betrieb, das Judenthum mehr für eine Sammlung von Gesetzen als für eine Lehre und ein religiöses Bekenntniß in seinem „Jerusalem" erklärte. — Aber wie anders gestaltete sich das geistige Bedürfniß im 19. Jahrhundert! Die Halacha hatte ihr Ansehen als Theorie und in der Praxis verloren, und man begnügte sich, sobald man besten bedurfte, in jedem einzelnen Falle die Anweisung des Rabbiners auf Grund des Ritualgesetzes zu holen. Dahingegen verlangte es den Geist der Gebildeten wie der Maste, sich des eigentlichen Lehrinhalts des Judenthums bewußt zu werden und nach allen Richtungen hin über die Fragen, wie sie sich dem Geiste metaphysisch, ethisch und psychologisch stellen, der Anschauung der Religion zu vergewissern. Es konnte nicht zweifelhaft sein, daß eine - neue, verjüngte und verjüngende, belebende und begeisternde; Darstellung und Durcharbeitung des Lehr- und Gedankeninhalts des Judenthums die ganz besondere Aufgabe unserer Zeit sei. Zunächst regten hierzu die Kanzel und der Religionsunterricht an, von denen jene aus dem beschränkten, allgemeinhin moralisirenden Kreise, in welchem sie sich bis dahin meist bewegt hatte, geführt und deren Beredtsamkeit ihrem Inhalte nach vertieft werden mußte, um auch wirklich für den öffentlichen Gottesdienst das belebende Element und für die Maste der Erwachsenen eine eindringliche religiöse Unterweisung zu werden. In gleicher Art war der Religionsunterricht der mehr entlehnten Schematisirung zu entziehen, mit dem charakteristischen Gedankeninhalt des Judenthums auszufüllen und namentlich dahin zu führen, daß er auch der Schuljugend der höheren Lehranstalten, sowie der Studierenden einen reichen und tiefen Gedankenstoff biete, der feine Stellung gegenüber den gangbaren Philosophemen zu bewahren vermöge. Hierzu kam die Polemik, welche theils zur Abwehr, theils zur Widerlegung, theils um dem Judenthume die ihm würdige und gebührende Stellung innerhalb der welthistorischen religiösen Erscheinungen zu erwerben, in energischer Weise geführt werden mußte und eine gründliche Auseinandersetzung über alle religiösen Fragen erheischte. Wir erinnern nur z. B. an die Versöhnungslehre der christlichen Erlösungslehre gegenüber, die jüdische Mesfiaslehre, in ihrer Verschiedenheit von der christlichen, das Judenthum dem Unitarismus, Buddhismus und dem modernen Heidentbum gegenüber, (s. unsere „Weltbewegende Fragen" Bd. II.), die Unsterblichkeitslehre, den Racenschwindel, die Lehre über das Böse dem Teufelsglauben gegenüber, die mosaische Symbolik u. s. w., u. s. w. Endlich mußte dem, namentlich durch die aus ihrem eigentlichen Gebiete über ihre Grenzen hinausgeschrittene Naturwistenschaft und durch den das populäre Philosophien beherrschenden Pessimismus sich immer mehr ausbreitenden Unglauben entgegen gearbeitet werden, was> wiederum nur durch Klärung, Festigung und Vertiefung der religiösen Ueberzeugung erreicht werden konnte. In allen diesen Momenten genügte die sonst so überaus wichtige Geschichtsforschung nicht, welche in dem ganzen Zeiträume, den ich bespreche, innerhalb des Judenthums eine sehr erfolgreiche Thätigkeit entwickelte und bald in die Durchforschung selbst des kleinsten Details einging. Hielt sie sich auch nicht ganz von der in der Luft schwebenden Hypothesensucht und einer pfadlosen Kritik ftei, so war sie es doch, welche das geschichtliche Bewußtsein weckte, die Gestaltung des Judenthums in besten verschiedenen Phasen in helles Licht setzte und besonders den Wahn bekämpfte, als ob das Judenthum von seinem Beginne an so beschaffen gewesen wäre, wie es in den letzten Jahrhunderten bestanden hatte, dann auch jenen von christlichen Gelehrten geflistentlich genährten Jrrthum zerstreute, daß das Judenthum seit dem Falle Jerusalems, d. h. seit der Stiftung des Christenthums ohne Leben und lebensvolle Entwicklung gewesen sei. Alles dies war von hoher Wichtigkeit; denn gerade auf dem religiösen Gebiete ist das klare Zeugniß der Geschichte sehr einflußreich, da in der geschichtlichen Ueberlieferung eines der Fundamente für die religiöse Ueberzeugung liegt. Aber diese Beleuchtung der Vergangenheit durch die Geschichtschreibung konnte nicht ausreichen, um die Gegenwart mit religiöser Erkenntniß und Kraft zu durchdringen, d er Zersetzung entgegenzuarbeiten, welche im modernen Leben für die religiös-sittliche Ueberzeugnng so bedrohlich wirkt, und die rechte Freude und Begeisterung für die letztere hervorzurufen und zu nähren. Dies vermochte eben nur die Gotteslehre selbst, wenn sie ihre Leuchte über alle Fragen, die dem menschlichen Geiste einwohnen, über alle Zweifel, die ihm erstehen, über alle Kämpfe nach innen und außen, denen er nicht ausweichen kann, strahlen laßt. Hierzu war erforderlich, daß einerseits über alle diese Gegenstände immerfort Erörterungen und zwar nicht in schulmäßiger, sondern in fteier und anziehender Weise dem Publicum nahe gebracht und der Gedarckenstoff weithin verbreitet werde; andererseits schließlich ein Gesammtbild aufgestellt und in systematischer Darstellung die Anschauungen der Gegenwart, wie sie auf dem Boden der geschichtlichen Vergangenheit durch die Geistesbewegungen der Neuzeit sich herausgebildet haben, gewissermaßen sixirt werden, und sich so die Gegenwart über die Frage: was ist und lehrt das Judenthum? vollkommen klar werde. Auch' dies letztere Ziel habe ich in meinem ausführlichen Religionswerke (3 Bände