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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-10 · Heft 50 (10.12.1878) · p. Seite 791

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 50 (10.12.1878)
Date
1878-12-10
Page
Seite 791 (sequence 7)
Language
German
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791 ciale Winkelpresse mit ihrem oft sogar durch Geistliche ange-i stifteten heillosen Raisonnement über jüdische Wucherer und! Noth des Volkes einigermaßen verstummt." Damit war in j das ultramontane Wespennest gestochen, da es allbekannt ist, j wie fich die ultramontane und pietistische Presse des Vorwurfs j des Wuchers gegen die Juden als eines Hetzmittcls in der übertreibendsten und lügnerischesten Weise bedient. Der ultra-; montane Abg. Schröder-Lippstadt nahm denn auch sofort das! Wort: „Er sei dem Vorredner gar nicht dankbar, daß er das! Element der Juden in die Debatte gezogen habe. Dies nöthige ihn, darüber auch zu sprechen, nicht als ob er gegen die Juden, namentlich als Confesston losziehen wolle, daran denkt Niemand. Redner habe große Sympathien für die Juden allein mit dem Wucher habe man ste stets amalgamirt, sogar bis zum Jahre 1866/67 in den Gesetzen, welche den Juden höhere Procentsätze zu nehmen gestatteten. Das jüdische Element ließe sich also hier nicht ganz und gar übersehen." Bekanntlich ist logischer Zusammenhang keine dem Abg. Schröder angehörige Eigenschaft, und nachdem er wider seine Absicht mehr gegen als für die Interpellation gesprochen, erinnerte er fich, daß er hinsichtlich der Juden wohl nicht Alles gesagt, und fällt mitten hinein mit der Bemerkung, „daß auch eine Reihe von Cabinetsordres früherer Zeit darauf gerichtet waren, den Juden den Wucher zu legen, obschon man ihnen gewisse Zinsprivilegien gegeben hatte. Ties war freilich ein Act der Gerechtigkeit, da man sie von anderen Dingen ausschloß. Nun kam das Jahr 1812, welches den Juden gleiche Rechte gewährte. Dennoch aber wollten viele diese Rechte nicht haben, sondern die Wucherprivilegien behalten. Was man die Juden zwang durch Privilegien zu thun, nämlich zu wuchern, das ist ihnen nun Gewohnheit geworden und es wird vieler Geduld und vieler Zeit in Lande bedürfen, um sich von Vorurthcilen hier loszumachen. Allein das ist falsch, daß aller Wucher nur von Juden ausgeht. Es giebt leider nur zu viele christliche Wucherer. Wenn aber Herr Windthorst (Dielefeld) der Interpellation eine Tendenz des Hetzens gegen Juden imputirt, so ist das stark." — Der Mann leugnet also, was nicht allein täglich in den ultramontanen Blättern zu lesen ist, sondern was er mit seinen eigenen Worten erweist. Jndeß gerade Herr Schröder hat seine Zuhörer zu sehr daran gewöhnt, daß er sich immerfort in Widersprüche mit sich selbst verwickelt, als daß es diesmal besonders auffallen könnte. Die Sache hatte keine weitere Folge, denn die nachfolgenden Redner übergehen diesen Punkt, nur bei den persönlichen Bemerkungen stritten sich die Herren Windthorst-Bielefeld und Schröder- Lippstadt, der erstere leugnete, dem letzteren die Veranlasiung zu seiner Expectoration gegeben zu haben, und dieser blieb bei seiner Behauptung. Jedenfalls stand der Abgeordnete für Lippstadt allein mit seiner Hetzrede, die merkwürdiger Weise sich immer selbst wieder abzuschwächen suchte. Bemerkenswerth ist, daß der Justizminister in einer zweiten Rede hervorhob, es sei bisjetzt weder bei der deutschen, noch bei der preuß. Regierung irgend eine Petition eingelaufen, welche die Wiedereinführung der sg. Wuchergesetze gefordert hätte. — Zu den Auslastungen des Herrn Schröder, die auch thatsächliche Unrichtigkeiten enthalten, brauchen wir wohl keine Bemerkung zu machen. Genug, ein Centrumsmann war es, war es ganz allein, der von dem Wucher der Juden sprach, nicht einmal von der deutsch-conservativen Seite unterstützt. In diesem Umstande finden wir ein ehrenvolles Zeugniß für die Juden, denn was blos ein ultramontaner Hetzer spricht, ist schon dadurch als unwahr bezeichnet. Die Auslassungen des, sonst die Heiterkeit des Hauses meist hervorrufenden Centin,mmannes erregten dies Mal solche Entrüstung, daß wiederholt große Unruhe entstand und ein Mal der Abg. Dohre zur Tribüne heranlief und dem Redner laut zurief: Sind Sie nun bald mit der Judenhetze fertig? — Köln, 24. Nov. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir, an dieser Stelle eine Mahnung auszusprechen, die über den Spccialfall hinausreichen und die Würde wahren soll, die wir uns selbst schuldig sind. Ueber die bürgerlichen und humanen Eigenschaften des vor Kurzem verstorbenen Barons Abraham v. Oppenheim ein Urtheil auszusprechen, fällt mir eben so wenig ein, wie den Gewiffensrichter über religiöse Ansichten zu spielen. Worüber ich aber mich wunderte, war, in jüdischen Blättern Nekrologe von mehreren Spalten Länge über den Verstorbenen zu finden, ja noch mehr, ihn daselbst als „treuen Sohn der väterlichen Religion" gerühmt zu sehen. Wahrscheinlich hätte der Baron von Oppenheim sich selbst am meisten gewundert, sich ein solches Lob beigelegt zu finden. Einem Manne, der zwar der Ortsgemeinde eine Synagoge geschenkt hat, welche sich diese recht gut selbst hätte beschaffen können, so daß ein Waisen- oder Krankenhaus von ganz anderen Werthe gewesen wäre, der aber der Einweihung dieser Synagoge nicht beiwohnte und sie niemals besucht hat, überhaupt seit vielen Jahrzehnten dem jüdischen Gottesdienste niemals beiwohnte, einem Manne, der es seiner hochachtbaren Frau überließ, den Rabbiner zu berufen, als er schon das Bewußtsein verloren, und von seinem koloffalen Vermögen eine verhältnißmäßig geringe Summe zu wohlthätigen Zwecken. zu verwenden, einem solchen Manne mag man vieles Gute nachsagen, aber ihn „einen treuen Sohn seiner väterlichen Religion" zu nennen und ihm Spaltenlangen Lobpsalm in jüdischen Blättern zu machen, geht doch über alles Maß hinaus, und ist um so auffälliger, als es von Solchen geschieht, die sich den Character des Conservatismus beizulegen suchen. Was bleibt nun für wirklich warme, thatkräftige und eifervolle Anhänger des Judenthums übrig? Und soll man etwa von Israel ausfagen, daß es auch jetzt noch um das goldene Kalb tanze? Weg mit allem Fanatismus, aber Character und Würde, Un-

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