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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-10 · Heft 50 (10.12.1878) · p. Seite 789

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 50 (10.12.1878)
Date
1878-12-10
Page
Seite 789 (sequence 5)
Language
German
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Sanherib getrieben hat. Ich athmete diese kräftige Luft der Poesie, welche die ganze Schöpfung gefeiert, von der Rose von Saron bis zur Sicomore des Jordan, von der Ceder des Libanon bis zum Isop, von dem Kiesel des Stromes von Kidron bis zu dem Gipfel von Tabor. — Und nachdem ich von den Höhen dieser israelitischen Welt, die Alles gesungen. Alles gesagt. Alles erfüllt. Alles geschaffen hatte, den künftigen Zeitaltern nur die kalte Nachahmung lassend, herabgestiegen, begegnete ich hier und da auf meinen Reisen auf dem Continent und den Inseln des Archipels den Erben dieser merkwürdigen Schöpfer, aber verbannt, zerstreut, als Sclaven und nach vierzig Jahrhunderten mit einer erhabenen Beständigkeit ihre traditionellen Feste feiernd, von dem Osterfeste bis zum herbstlichen Schlußfeste. — Als ich dies sah, ergriff eine tiefe Wehmuth mir das Herz, und selbst beim Anblick der Laster Einiger, die durch vier Jahrtausende der Sclaverei erniedrigt worden, sagte ich mir: Nein, diese lang dauernde Ungerechtigkeit wird nicht unwiderruflich sein! Den Priestern des Christus kommt es zu, den Priestern des Melchizedek ihre Anerkennung und Gleichberechtigung zu schaffen; dieses doppelte Priesterthum muß für Alle geheiligt sein, denn es soll ewig sein nach dem Worte des Prophetenkönigs . . 1) Santa Skala fuhr fort: „Eines Tages, mein Kind, ging ich in Rom aus dem Ghetto und stieg die via. di ripetta hinauf, indem ich an diese entehrende Existenz, welche die Christenheit den Israeliten in allen italienischen Städten aufgezwungen, dachte und namentlich in der Hauptstadt der römischen Welt. Meine Augen leiteten meine Schritte nicht mehr; ich ging planlos, denn alle Plätze sind gut für den, der nachdenkt. Also, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, durchschritt ich die Vorstadt und befand mich am Fuße des ägyptischen Obelisken, zwischen den beiden Fontainen des Vaticans. Zu Rom spricht jeder Stein und unterhält stch mit dem Pilger. Meine Augen begegneten, indem ste aufblickten, der lateinischen, auf dem Stylobat des Monuments des Sesosstris eingcgrabenen Inschrift: Christus regnat, Christus imperat, Christus u!> omni malo populum suum defendit. l'Christus herrscht, Christus regiert, Christus schützt sein Volk vor allem Uebel.) Dieser erhabene Ruf des römischen Stolzes scheint aus der dem Apostel Petrus auf den Ruinen des Neropalaste-? errichteten Bastlika zu tönen. -— Es war also ein armer Fischer vom See Tiberias, ein niederer Jude, der den Stab in der Hand aus Palästina wanderte und kam, um allein die unzähmbare Wölfin des Romulus zu ersticken. Und einige Schritte von dem Tempel dieses glorreichen Juden, dieses Apostels von Jerusalem, find die Kinder Israels eingepfercht wie eine garstige Heerde in eine schimpfliche Hürde und tragen angehestet an ihren Häuptern das Zeichen der Ehrlosigkeit, das sie i) Pf. 110, 4. der öffentlichen Verachtung weihet! Ja, es ist in dieser lebendigen Anomalie Etwas, was den Geist der Gerechtigkeit und den moralischen Sinn der Nationen, die stch civilisirt nennen, empört. Ja, nach dieser langen Schmähung der Heiligkeit dieses erhabensten Volkes, muß man endlich die Morgenröthc der Duldung und die Sonne der Ehrenrettung leuchten sehen! Wenn die Räuber der aftikanischen Küste, wenn die Barbaren, „sitzend unter dem Schalten des Todes", immer noch für die Juden die Erben des Cyrus und die Satrapen von Babylon sein wollen, so dürfen wir Christen nicht dieselben Thränen in den Tiber fließen lassen, welche sich in den Euphrat mischten in den Tagen der alten Gefangenschaft." In der zweiten Hälfte spielt der Roman in Rom vor und nach der Wahl Pius IX. Der nunmehrige Cardinal Santa Skala war einer der eifrigsten Förderer dieser Papstwahl und ging dabei vom Geiste einer Kirchenreform aus. Ein Kapitel schildert in sehr charakteristischen Zügen das Ghetto von Rom und betont den Unwillen jedes Menschenfreundes über die Beschaffenheit dieser Localität, in welchen man die Tausende römischer Juden seit dem Beginne der christlichen Aera eingesperrt hatte. Es entsteht ein Auslauf. Unser Jude' aus Smyrna und Afrika hatte stch im Ghetto niedergelassen und betrieb hier ein schwunghaftes Geschäft. Nicht Erwerb und Genuß, sondern Thärigkeit war der Nerv seines Lebens. Er wollte nicht der Predigt, zu deren Anhörung die Juden zwei Mal des Jahres gehen mußten, anwohncn, aber auch nicht das Strafgeld dafür bezahlen. Die Juden des Ghetto widersetzen sich der Polizei; die Carabinieri rücken an — da erscheint der Cardinal Santa Skala und stellt die Ruhe wieder her. Nur in Frankreich konnte ein Dichter einem heutigen katholischen Priester und Cardinal die herrlichen Worte in den Bi und legen, welche wir oben übertragen haben. In Deutschland wäre dies nicht möglich, denn hier hat der lang vorbereitete Culturkampf selbst die Gestnnungsgenossen der „liberalen Katholiken" Frankreichs auf die Seite des Ultramontanismus gedrängt, der nur Feuer speit gegen die ganze moderne Gesellschaft, gegen die Principien des Rechtsstaates und darum auch gegen die Juden, die er in das Ghetto zurücksperren will. Es giebt in Deutschland keinen Cardinal, Erzbischof, Bischof, bis zum geringsten Caplan herab, dem es nicht ein Greuel wäre, Worte, wie die oben citirten, von einem katholischen Priester aussprechen zu lassen '). l) Wer die wechselvolle Geschichte der Juden Roms in den ersten Jahren des Pontisteats Pius IX. (.1846 ff.) nach den Thatsachen kennen lernen will, der lese die Korrespondenten aus Rom in den bctr. Jahrgängen der A. Z d. I. nach. Unser hochherziger Dichter Mery erlebte die Befreiung der Juden in Rom. die erst 1870 vor sich ging, nicht, da er l8ü6 in Paris verstarb. Redact.

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