Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-10 · Heft 50 (10.12.1878) · p. Seite 788

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 50 (10.12.1878)
Date
1878-12-10
Page
Seite 788 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227177-3227228--36754-3306831
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

788 Führung im Staate inne haben, wie denn z. B. auch der gegenwärtige Ministerpräsident Dufäure zu den liberalen Katholiken gehört. Man kann daraus schließen, daß die Ansichten dieser Partei gegenwärtig dem Geiste der Nation am meisten entsprechen, da sich außer den Intransigenten auch die streng republikanische Partei ihnen unterordnet. Einen ganz besonderen Ausdruck dieses französisch liberalen Katholicismus finden wir nun in einem uns eben vorliegenden, wenn auch schon etwas älteren Roman, über den wir hier Einiges heranbringen wollen. Er führt den Titel: La juive au Yatican (Die Jüdin im Vatican), und ist von dem als Romancier und politisch-satyrischer Schriftsteller bekannten Mery verfaßt. Die neue Ausgabe der vollständigen Werke Merh's datirt von 1875. Es ist uns nicht bekannt, wann dieser Roman zum ersten Male erschien; doch stehen ihm lateinische Distichen voran, die eine Widmung an Pius IX. enthalten, und in welchen der Dichter vom Papste die Befreiung der Juden in Rom verlangt. Wir gestehen offen, daß wir den Titel des Romans für einen, wie man jetzt sagt, sensationellen halten, denn die Jüdin spielt in demselben gar keine Rolle, sondern erscheint nur hier und da als ein liebenswürdiges Kind auf der Dildfiäche und ebenso wenig ist der Vatican der Schauplatz des Romans. Jndeß soll dieses Räthsel in einem zweiten Roman, „Debora" betitelt, gelöst werden Uns interessirt dies auch nicht, da der Roman selbst mit unsrem Gegenstände nichts weiter zu thun hat. Der Roman beginnt um das Jahr 1838 in einem kleinen Haufe an der Tunesischen Küste. Eine jüdische Familie, die vor zehn Jahren mit Hülfe eines edlen Genuesen Santa Skala fich aus Smyrna gerettet, bewohnt dieses Haus und wird glücklicher Weise von demselben Genuesen besucht, der das Mittelmeer befährt. In Tunis fand eine Mißernte statt; die Fellah's können die Steuern nicht bezahlen; der Bey erlaubt ihnen, die Juden zu plündern, um die Abgaben leisten zu können und in den dabei stattfindenden Unruhen die Juden selbst auszupreffen. Das Haus der Juden ist bedroht und Santa Skala hat fich vergebens bei dem Bey verwendet. Die jüdische Familie besteht aus Vater, Mutter, einem Sohn und einer Tochter, letztere ist noch ein Kind von dreizehn Jahren. Sie vertheidigen sich mannhaft gegen die andringenden Räuber, bis sie fich in eine Barke gerettet und von Santa Skala auf seinem Schiff ausgenommen und nach Genua geführt werden; die Mutter allerdings ward nach hcldenmüthiger Aufopferung für die Ihrigen von einer Kugel getödtet. Auf dieser Fahrt setzt Santa Skala seine Ansichten dem jungen Gideon auseinander. Er selbst ist ein Abkömmling Christoph Colombo's, in besten Familie die Vorschrift auftecht erhalten wird, daß jeder männliche Sprößling einige Jahre auf der Marine dienen solle. Dies hat auch Santa Skala gethan, der jedoch eigentlich Priester geworden und später auch Cardinal wird. Er läßt sich nun folgendermaßen aus: „Höre mir zu, Gideon, denn es ist an der Zeit, Mancherlei zu erklären. Ich bin nicht, was ich zu sein scheine: ich habe den' geistlichen Stand erwählt; ich! habe die vier niederen Weihen in Jerusalem genommen und werde zu Genua die Ordination empfangen: ich werde Priester sein, um mich eines Ausdrucks zu bedienen, den Du bester verstehen wirft . . „Wie!" unterbrach Gideon, „Sie gehören der christlichen Kirche an und haben Juden gerettet!" „Gideon", fuhr Santa Skala fort, „ich gehöre der katholischen Kirche an, das ist mehr Unterschied, als Du glaubst . . . aber ich werde mich nicht in eine für Dich zu subtile theologische Auseinandersetzung einlaffen. Sprechen wir nur vom Wesentlichen . . . Ich stamme durch meine Genueser Vorfahren von dem berühmten Columbus ab, der der alten Welt eine junge Schwester gegeben hat ^und' diese glorreiche Ueberlieferung verpflichtet Christoph Santa Skala, Deinen Freund, sein Dasein anderen harten Arbeiten zu widmen, die Entdeckungen einer moralischen Welt betreffend, die bis zum heutigen Tage den Menschen durch den alten Ocean des Jrrthums verborgen geblieben. Zu dreizehn Jahren war ich Seemann aus Familienverpflichtung. Mein Vater Christoph Santa Skala war eben gestorben; meine Schwester Memma noch sehr jung; ich vertraute sie den Händen des edlen Marquis Di Negro an und besuchte die von dem berühmten Genueser, meinem Vorfahren, entdeckte Neue Welt. — Du wirst den ganzen Vortheil einer solchen Erziehung, am Bord eines Schiffes, zwischen zwei Unendlichkeiten, dem Himmel und dem Ocean, begreifen. Mein Körper und meine Seele haben fich in dieser mächtigen Atmosphäre, Tochter der Sonne und des Meeres, entwickelt. Alles, was man in der Schule lernt, war mir unbekannt; Alles, was Gott lehrt, habe ich gelernt. — Eines Tages, ich war damals sechszehn Jahre alt, hielt unser Schiff in Jaffa an. Wir benutzten diese glückliche Gelegenheit, einige Seeleute und ich, um Jerusalem und das ganze Königreich des Volkes Gottes zu besichtigen. Man ist glücklich, eine solche Reise in der heiteren Frische der jungen Jahre zu machen, wenn kein Jrrthum, keine Spötterei, kein Vorurtheil, keine Wiffenschaft unsren Verstand sei es verderbt, sei es aufgeklärt hat. — Indem ich diesen, heutigen Tages gleich einem unermeßlichen Grabe stummen Boden Jerusalems durchforschte, wohnte ich der glorreichen Auferstehung der biblischen Welt bei. Ich hörte um mich herum die erhabenen Laute der Dichtungen Moses, die Hymnen Davids, das Hohelied Salomos, die Klagelieder Jeremias, das heißt Alles, was der menschliche Gedanke Größtes geschaffen, denn es war der Gedanke Gottes. — Ich sah vor mir erscheinen die Schatten der Züchter Israels, die Gestalten Jonathans, Eliesars, Judas Makkabäus, das heißt Alles, was der Schlachtenhcldenmuth am erschütterndsten hervorgebracht, wenn der göttliche Hauch die Menschen gegen die Legionen von Nicanor, Heliodor oder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.