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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-10 · Heft 50 (10.12.1878) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 50 (10.12.1878)
Date
1878-12-10
Page
Seite 787 (sequence 3)
Language
German
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787 der Vorstellung des Bösen in Thiergestalt auch bei vielen Völkern, deren Religion noch auf einer niederen Culturstufe steht, auch die Cingalesen sehen im Lindwurm, die Malayen auf den Inseln des indisch-chinesischen Meeres im Alligator und die Parsen in der Schlange die Verkörperung des bösen Princips, aber während bei diesen Völkern die Schädlichkeit dieser Thiere sie zu Sinnbildern des Teufels machte, wird in der Bibel nur die ethische Seite hervorgekehrt. Die Schlange des biblischen Paradieses ist nicht schädlich, sie ist nur hinterlistig, nur ihre Glätte, ihre Geschmeidigkeit, das einschmeichelnde Züngeln, die unzähligen Windungen, durch welche sie ihrem Körper jede Form geben kann, machen sie zum Symbol des Bösen, sie ist nur falsch, listig, heuchlerisch, ränkesüchtig, nicht mordgierig. Die für beide verderbliche offene Feindschaft des Menschen mit der Schlange entsteht erst, nachdem der Mensch sich der Sünde ergeben hat, und kann auch als natürliche Folge der Uneinigkeit der Bösen unter einander angesehen werden, wodurch nicht nur der Sünder, sondern auch der Versucher an den Folgen des durch ihn herbeigeführten Bösen zu leiden hat." — Während hier das Weib selbst nur die Betrogene ist, sehen wir als „ein einer späteren Zeit angehörendes jüdisches symbolisches Bild des Lösen, welchem wir oft in den Sprüchen Salomo's begegnen, das zur Wollust und Lüsternheit reizende, verführerische Weib, dem auch alle ethischen Untugenden zugeschrieben werden, die in der Schlange symbolisch dargestellt sind." — „Im Hiob ist das Hauptmoment im Wesen des Bösen die Gemeinheit, der der Glaube an das Bestehen des wahren, intereffelosen Guten ab geht. Der Satan bekämpft nicht das Gute als solches, er glaubt nur an deffen Existenz nicht, er stellt sich deswegen selbst unter die Herrschaft des Absolutguten, deffen Oberhoheit er anerkennt und von dem er auch in seiner von ihm selbst eingestandenen Ohnmacht die Ermächtigung zum Handeln sich erbittet. Er ist zwar auch verleumderisch und unheilbringend, aber dies ist keine Folge seines bösen Willens, sondern seines Unglaubens an die Realität des Guten (Hiob 1, 9—12). Der Satan des Hiob ist nicht die sündenhafte titanische Willkür, die das bereits vorhandene Gute verdrängen will, um ihren Eigenwillen an seine Stelle zu setzen, sondern die in sich selbst versunkene, nur an ihre alleinige Existenz glaubende Gemeinheit." — Der Verfasser charakterisirt also richtig die dreifache Symbolisirung des Bösen in unserer heiligen Schrift, in der Schlange als die List, mit welcher der Verstand selbst der Leidenschaft Vernunftgründe verschafft, um zur That zu verleiten; in dem verführerischen Weibe die andrängende Gelegenheit zum Sinnenrausche; und im Satan des Hiob die Gemeinheit, welche das Vorhandensein reiner Motive leugnet. Alle drei haben mit einem Principe des Bösen und mit dem Glauben an die reale Existenz eines solchen nichts gemein und sind noch himmelweit davon entfernt. V. Eine französische Anschauung. Es ist unverkennbar, daß die Anschauungen einer Zeit und einer Nation in ihren verschiedenen Zeiten am sichersten in den Werken ihrer Dichter, welcher Form diese auch seien, zu finden sind. Niemand holt mit festerer, aber auch gebundenerer Hand aus dm Tiefen der Volksseele die Gedanken und Gefühle der Zeit hervor als der Dichter. Dies findet auch hinsichtlich der Juden statt. Die Art, wie die Dichter einer Epoche die Juden schildern und Ansichten über sie aussprechen, giebt uns die in jener vorherrschenden Meinungen über sie besser und deutlicher kund, als selbst Gesetze und Thatsachen, welche aus besonderen Motiven hervorgegangen sein können. So offenbart uns Shakespeare in seinem Shylvk die ganze Härte, mit welcher in England zur Zeit der Elisabeth über die Juden geurtheilt wurde, während diese damals seit vielen Jahrhunderten aus England verbannt waren, und erst der große Protector einer kleinen Anzahl gestattete, sich ohne Geräusch in London anzusiedeln. Der Dramatiker Marlowe bekräftigt nur in seinem „The Jew of Malta-* die Vorstellungen, die Shakespeare von ihnen hatte. Im Gegensatz zeichnet Lessing die Richtung, welche zu seiner Zeit in Deutschland aus diesem Gebiete sich Bahn brach und der er so glänzend den Pfad ebnete. Ueberschaut man gegenwärtig den novellistischen Markt in Deutschland, so wird man die ganze Verwirrung beobachten, in welche jetzt wieder die öffentliche Meinung wie in hundert anderen Fragen, so auch betreffs der Juden versetzt ist. Nur extreme Parteigänger werden noch die gesetzliche Stellung der Juden auf dem Grunde der Gewiffensfteiheit und der Rechtsgleichheit anfechten; aber eine nicht geringe Zahl von Romanschreibern sucht sie in Mißachtung zu bringen, Vorurtheil und Haß gegen sie zu erwecken, indem sie dieselben carrikiren oder mit allen möglichen Untugenden behaftet, darstellen. Diesen gegenüber lassen Andere, und wir werden in nächster Zeit einen solchen rühmend anzuerkennen haben, dem Judenthume und den Juden volle Gerechtigkeit in ihren Dichtungen widerfahren. Um so interessanter ist es, auch einmal einen Blick in die ftanzösische Geisteswelt zu Wersen, und bei einer Nation Beobachtungen anzustellen, welche in Europa der Gleichstellung aller Culte und ihrer Bekenner zuerst im Staatsleben Raum verschaffte und diese seitdem ununterbrochen hoch hielt. In Frankreich giebt es auch jetzt eine zahlreiche Partei, welche den libres-penseur* gegenübersteht , aber ebensowenig dem jesuitischen Ultramontanismus huldigt, sondern ihre katholische Gläubigkeit mit den Grundsätzen und Bestrebungen des modernen Rechtsstaates zu vereinigm sucht. Ihre Anhänger werden daher von den Vertretern des Jesuitismus „liberale Katholiken" genannt und noch mehr als die Freidenker gehaßt und womöglich verfolgt, weil eben noch mehr gefürchtet. Dies verhindert nicht, daß sie die eigentliche

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