Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1878)
- Date
- 1878-12-03
- Page
- Seite 778 (sequence 10)
- Language
- German
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Euch schämen, mit einem Judenmädchen Euch zu befreunden, man muß stets wissen, daß man Christ ist und seine Würde als solcher wahren. Diese Wucherjuden sollen froh sein, daß man sie bei uns leben läßt u. s. w." Diese und noch weitere intolerante Aeußerungen des jungen fanatischen Geistlichen bewirkten gerade das Gegentheil von Dem, was derselbe damit beabsichtigte. Alle Eltern, die durch ihre Kinder von diesen „religiösen Belehrungen" Kenntniß erhielten, besonders die Beamten, bezeugten dem Vater ihre Sympathieen und veranlaßten ihn, die Angelegenheit der kirchlichen Behörde zur Entscheidung vorzulegen, welche wahrscheinlich die Versetzung des Viears decretiren wird. In die Synagoge zu Oberdorf wurden am 14. d. M. während der Nacht mehrere Schüsse abgefeuert, die 10 bis 12 Fenster zertrümmerten. Den Thätern ist man auf der Spur. Oesterreich-Ungarn. Brody, 18. Nov. (Privatmitth.) Der polnische Abgeordnete A. Hausner hat durch seine Rede im Wiener Reichs - rathe eine schnelle und weitverbreitete Berühmtheit erlangt, die leider durch die Lemberger Unruhen eine von ihm selbst nicht veranlaßte düstere Illustration erhielt. Brody, seine Vaterstadt, Stanislau und andere galrzische Städte haben ihm das Ehrenbürgerrecht votirt. Rühmenswerth ist es, das Hausner bei seiner echt polnisch-nationalen Gesinnung durchaus vorurtheilslos, auch gegen die Juden ist. Als die polnischen Eiferer im galizischen Landtage den Antrag stellten, die Handelskammer von Brody nach Tarnopol zu verlegen, trat Hausner mit der ganzen Kraft seiner Beredsamkeit für Brody ein und legte die Motive der Gegner völlig blos. Es enthält dies ein Moment, das auch für uns von Wichtigkeit ist, abgesehen davon, daß Brody, desien Bevölkerung zum allergrößten Theil jüdisch ist, durch einen solchen Schlag gefährdet wäre. Gerade darum, weil was von Brody gilt, hauptsächlich desien jüdische Bevölkerung betrifft, sei hier angeführt, was Hausner sprach: Redner wies nach, daß Brody durch Bevölkerungszahl, durch seinen Waarenverkehr, durch seine günstige Lage als Emporium für den russischen Handel in jedem Falle der Vorzug vor Tarnopol gebühre, und fuhr dann fort: „Materielle, volkswirthschaftliche Gründe sprechen also nicht für die Verlegung der Handelskammer von Brody. Was denn also? Was hat diese Stadt verschuldet? Ist es ein modernes Thorn, das mit auswärtigen Machchabern conspirirt? Nein. Diese auf unfruchtbarem Boden angelegte, durch Deeret des großen Liberalen auf dem Throne, Josepf 11., zu einer ausnahmsweise« Zukunft berufene, durch das die Meere sperrende Continental-System Napoleon's I. gewaltsam bereicherte Stadt hat sodann eine Kette von Unglücksfällen und Mißgeschick durchgemacht. Von dem Staatsbankerott von 1811 schon hart mitgenommen, hat sie sich aus vier schrecklichen Feuersbrünsten, die jede zwischen 300 bis 500 Häuser zerstörten, mit hartnäckiger Ausdauer wieder aufgerafft. Von allen Asiecuranz-Gesellschaften zurückgewiesen, hütet sie sich selbst, indem sie jede Hütte, jede Stallung mit Eisenblech eindeckt. Die barbarische Höhe der russischen Zölle, die Plackereien, die sich dazu gesellen, die Conjuncturen des Handels und Concurrenzen, welche den einst unglaublich wichtigen Sensenhandel verschwinden ließen, dann den Wollhandel betrafen, konnten die unerschöpfliche Lebenskraft der Stadt nicht bewältigen. Wohlthätig wie kaum eine andere Stadt (Widerspruch), ja, meine Herren, wohlthätig wie wenige, hat Brody vor Kurzem an einem Tage 1500 fl. für die Familien der Reservisten beigesteuert, hat Brody für das abgebrannte Krakau zweimal so viel gespendet, als das doppelt so große Krakau für das abgebrannte Brody. Das dräuende Geschwür, das am Lande nagt, der Wucher, ist in Brody so gering vertreten als in keiner andern Stadt; das wird mir jeder Bewohner der Umgegend, jeder Gutsbesitzer des Zloczower Kreises bezeugen. Ein Privat-Krankenhaus von einer Ausdehnung und Dotation, wie kein anderes im Lande, erleichtert die Landesausgaben; der Musikverein ist der einzige des Landes, der sich nicht an den Säckel des Landes wendet. Gesellschaften und Ausstellungen, der Pädagogischen Gesellschaft, Heuer der Bienen-, Obst- und Gartenausstellung, bereitete Brody stets gastliche Aufnahme und der letzteren glänzendes Resultat. Diese Stadt hat endlich in den Landtag und in diesen Tagen in den Reichsrath Candidaten der Landespartei von autonomer Färbung gewählt. Also weßhalb diese Abneigung gegen diese Stadt im Schoße der Landesvertretung, weshalb diese Meinung, daß selbst die Handelskammer sich wo anders als in Brody normaler und gedeihlicher entwickeln könnte? Ich finde nur Eine Erklärung, daß unter der alttestamentarischen Bevölkerung, welche, wie bekannt, drei Viertel der Einwohner Brody's bildet, ein gewisser Theil centralistische Ansichten hegt und an der deutschen Sprache festhält. Und deßhalb, wegen der politischen Färbung, wegen des Nichtverlaffens der deutschen Sprache, die bis vor Kurzem auch für uns obligat war und die für jene Bevölkerung, schon des wichtigen Verkehrs mit Leipzig halber, nöthiger als irgendwo ist, will man die Stadt verantwortlich machen, sie verurtheilen, sie bestrafen, sie einer zur materiellen Entwicklung nothwendigen Institution berauben?" — Das Günstigste dabei ist, daß eine solche Veränderung gar nicht in der Competenz des Provinziallandtages liegt. Wien, im November. Don der Vertheilung der Tapferkeits-Medaille an die österr. Truppen in Bosnien schreibt man: „Geradezu auffallend ist die große Zahl der decorirten Soldaten israelitischer Religion. Man ist sonst geneigt, den Söhnen Israels keinen großen