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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-03 · Heft 49 (3.12.1878) · p. Seite 777

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 49 (3.12.1878)
Date
1878-12-03
Page
Seite 777 (sequence 9)
Language
German
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777 bergers, den ich in vor. Nr. analysirt habe, bezweckt der deutschen Nation klar zu machen, daß das Socialistengesetz nur wirksam sein könne, wenn jede Hinneigung zu socialistischen Gedanken aus ihr schwände und die Erkenntniß des gefährlichen Jrrthums voll und ganz in ihr aufginge. Von den niederen Schichten, die sich durch die Schlagwörter und Verheißungen der Agitatoren haben aufreizen kaffen, wird dies Wohl schwerlich anders der Fall sein, als durch die Zeit und den Wegfall der Wühlereien, so daß jene Leidenschaften sich beruhigen und jene Vorstellungen vergessen werden. Die Agitation gegen den Socialismus muß also vorzugsweise auf die gebildeten und unterichteten Klaffen gerichtet werden. Hier scheint nun Bamberger, bei allen seinen zutreffenden Bemerkungen doch ein Hauptargument außer Betracht gelaffen zu haben, und zwar das, welches i. d. Bl. mehrfach betont worden ist — nämlich daß die gegenwärtige Gesellschaft in ihren Fundamenten des Eigenthums, der Ehe, der staatlichen Ordnung und der persönlichen Freiheit nicht zufällig, nicht aus willkürlichen Voraussetzungen so und nicht anders geworden ist, sondern aus den Gesetzen der menschlichen Natur und der Natur unseres Erdballs heraus,, also als eine Nothwendigkeit. Den Beweis hierfür liefert die Geschichte aller Zeiten und aller Theile des Menschengeschlechts. Nirgends ist ein Volk, nirgends ein Menschenstamm in allen Epochen, auf allen Culturstufen und in allen Weltgegenden gefunden worden, in welchem nicht diese selbigen Fundamente, wenn auch mehr oder weniger entwickelt, in dieser oder jener Gestalt und Modalität, die Unterlage der gesellschaftlichen Ordnung, der gesellschaftlichen Zustände gebildet hätten. Die seltenen Fälle, in welchen, nicht von Grund aus, sondern innerhalb einer geschichtlichen Complexion ein Versuch mit anders gearteten Einrichtungen gemachtworden, ging derselbe nach kurzer Zeit doch wieder in jene Grundzüge wieder auf. Die Naturgesetzlichkeit dieser Grundelemente aller gesellschaftlichen Verfaffung ist also unumstößlich. Die Astronomen geben zu, daß man sich auch ein anders geordnetes Sonnensystem denken könne, z. B. ein völlig symmetrisches hinsichtlich der Anordnung und Beschaffenheit der Planeten. Aber Niemand wird daran denken, daß es möglich sei, darum unser Sonnensystem ändern und jenes erdachte symmetrische, ein Kind unserer Phantasie, an die Stelle setzen zu können. So haben sich auch Dichter und Philosophen andern Gesellschaftsordnungen, Systeme mit anderen, auf größere Gleichmäßigkeit hinzielenden Grundgesetzen erdacht, und nun soll es möglich fein, durch diese socialistischen Träumereien die naturgesetzliche Gesellschaftsordnung zu verdrängen!! Der Unterschied ist nur, daß die Menschen doch eher die vernichtende Hand zu erträumtem Umsturz der bestehenden Institutionen des Staates, als zur Veränderung des Sonnensystems erheben können. Der Un- und Wahnsinn ist derselbe, aber die Möglichkeit, Gefahr und Verderben, wenn auch nur vorübergehend, zu bereiten, ist vorhanden. Diese Ueberzeugung muß überall hin verbreitet und gestärkt werden. Es versteht sich von selbst, daß eine Weiterentwicklung, welche vielfache Uebelstände allmalig beseitigt, in die Hand des Menschen gelegt, ja seine Aufgabe ist, deren Lösung, wie die Geschichte lehrt, vom Menschen auch immerfort angestrebt wird. Es entfalten sich Modalitäten jener Fundamente, in welchen Schäden geheilt und Nachtheile beseitigt werden. Dies ist das Werk der Jahrhunderte, der auf einander folgenden Geschlechter, welches durch jene Umsturztheorien, durch jene Wahngebilde, welche verheißen, was sie nicht erfüllen können, nur aufgehalten wird. — So vermeinten es auch unsre Propheten, wenn sie von der Zukunft der messianischen Zeit sprachen. Sie redeten nicht von einer Universalrepublik, von Communismus und Socialismus. In dem berühmten alten Prophetenspruch, den Micha (4, 1—4) vollständiger als Jesajas uns überliefert, heißt es, daß die Völker keine Kriege gegen einander mehr führen und keine Waffen schmieden, sondern nach Gottes Recht ihre Streitigkeiten schiedsrichterlich austragen werden und „eiin Jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum wohnen" werde. Bezeichnend ist ferner, daß selbst in dem geschichtlichen Buche, wo die Regierung Salomo's gerühmt wird (1 Kön. 4, 24. 25) es heißt: „Er hatte Frieden von allen Seiten ringsum, und es wohnete Juda und Israel in Sicherheit, ein Jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum." Detmold, 18. Nov. Dem heute eröffneten Lippe'schen Landtage wurde unter Anderm auch ein Gesetzentwurf über die Gemeinde-, Cultus- und Unterrichtsangelegenheiten der Israeliten vorgelegt. Wir werden darüber berichten. Aus Württemberg, 17. Nov. tPrivatmitth.) Ein Erlaß der K. Jsrallitischen Oberkirchenbehörde bestimmt, daß die zur Zeit im Amte besindlichen 12 Rabbiner des Landes vom 1. Juli d. I. an für die zufolge der Reichsgesetzgebung von 187s eingetretene Schmälerung ihres Diensteinkommens mit s0 Mark per Jahr aus der israelitischen Centralkirchencasse entschädigt werden. Bei Erledigung eines Rabbinats wird diese Entschädigung jedoch eingestellt werden. Da bis jetzt in wenigen Fällen sich jüdische Brautpaare nicht auch kirchlich trauen ließen, so dürfte diese Entschädigung eine genügende sein. In Riedlingen wohnen seit ca. 6 Jahren zwei israel. Familien, sehr angesehene Kaufleute und bei den dortigen Katholiken sehr geachtet. Die Tochter eines derselben besucht die dortige obere Mädchenschulclaffe und hat sich ihrer Talente und guten Sitten wegen viele Freundinnen unter ihren Mitschülerinnen erworben, besonders unter den Kindern der dortigen Beamten. Deshalb brachte es auch eine große Auftegung unter der Bevölkerung hervor, als vor einigen Wochen der katholische Vicar beim Religionsunterricht in Abwesenheit des jüdischen Mädchens seine Katechumenen ermahnte: „Ihr solltet 49

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