Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1878)
- Date
- 1878-12-03
- Page
- Seite 776 (sequence 8)
- Language
- German
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nobler Sprache und Haltung der Bezirksdirection ihr Unrecht zu Gemüthe geführt wird. Zunächst weist er nach, daß an dem im Oberlande vorhandenen Wucher viele Christen, ja christliche Anstalten, wie Vorschußvereine, Banken u. f. w., Theil genommen, so daß also die gerechte Agitation gegen den Wucher und alle Wucherer, nicht aber gegen die Juden gerichtet werden mußte. Was hat mit dem Wucher das Judenthum zu thun, welches nicht nur das Wucheren, sondern auch das Zinsnehmen, ja das Zinsgeben verurtheilt und den Advpkaten, der einem Zinsgeschäfte seine Hülfe leiht, den Bürgen, den Zeugen, den Schreiber für gleich schuldig erklärt? Dabei ist es geradezu unwahr, daß die Mehrheit der Juden im Oberlande Wucher treiben. Dem Verfasser führt die Zeugnisse der Geh. Justizräthe Zweg und Vollert an, welche die dortigen Juden als „fleißige, mäßige, ehrliche Leute, die in ihrer patriotischen Haltung und in allem Streben für das öffentliche Wohl hinter ihren Mitbürgern nicht zurückstehen", schildern. Er führt an, daß über 25 Jahre bereits eine Simultanschule beide Confessionen einigt, daß seit Jahrzehnten Israeliten im Gemeinderathe sitzen und wiederholt öffentliche Ehrenämter erhielten. So werden auch noch andere thatsächliche Beweise angeführt, die hier sämmtlich beizubringen der Raum nicht gestattet. Von den Juden des Oberlandes sind viele Handwerker, wie Schuhmacher, Schneider, Weber, Metzger, Gerber, Schloffer u. s. w.; einige sind Aerzte, Rechtsanwälte, Schriftsteller u. s. w. geworden. So ist der Schluß: „Das Gutachten des Bezirksausschußreferenten ist darum ein ebenso thatsächlich unbegründetes wie des Justizamtes Dermbach." Diesem Erweise fügt der Verfaffer noch sehr beherzigenswerthe Schlußworte hinzu, die auf jeden, der ein Herz für Wahrheit und Recht hat, gewiß versöhnlich wirken werden. Unter den eigenthümlichen Verhältniffen dieses Vorgangs wird wohl als angemeffen erachtet werden, wenn wir so ausführlich darauf eingegangen sind. Aus dem Grotzhcrzoglhume Sachsen, 20. November. (Privatmitth.) Schon seit einem vollen Jahre ist in einem Theile unsres Landes, nämlich im „Eisenacher Oberlande", wo in dem ehemals suldaischen Theile dieses Kreises der Ultramontanismus üppige Wurzel treibt, eine Agitation gegen die jüdische Bevölkerung in Scene gesetzt worden, welche immer größere Dimensionen anzunehmen drohte. Die Veranlaffung zu diesen Vorgehen gab bedauerlicher Weise eine Reihe von Wuchergeschäften, welche durch die Behörden constatirt und erwiesener Weise von Israeliten eines Ortes zum Ruine mehrerer christlicher Dorfbewohner abgeschloffen wurden. Wie ß nun in der Regel bei solchen Vorfällen geht, gab dieses Factum den Ultramontanen erwünschte Veranlaffung, einen Kreuzzug gegen die jüdische Nation für geboten zu erachten. Im Herbste v. I. ging aus der Officin des „Schwarzen Blattes" zu Berlin eine Brochüre hervor, betitelt: „Vorschußvereine und Wucherjude, oder wo borgt man am Besten?" — Als Verfasser dieses sauberen Machwerks tritt ein katholischer Hetzkaplan in die Schranken, der es sich weniger zur Aufgabe macht, die Gefahren des Wucherthums klar zu legen, als aus der Rumpelkammer mittelalterlicher Schmähschriften, des Wahnwitzes pfäfsischer Unduldsamkeit giftige Pfeile gegen das Judenthum und dessen Bekenner zu schleudern, um solches in der öffentlichen Meinung zu discreditiren. Auch unsre Bezirksbehörde nahm von den ausgeführten Thatsachen Notiz und fand es für nothwendig, gegen das zu Tage getretene gemeinschädliche Treiben einzelner Wucherer Maßregeln vorzubreiten, wozu solche vollständig berechtigt war. Die gemachten Vorschläge, welche der obersten Landesbehörde unterbreitet wurden, fanden jedoch theilweise nicht die Beachtung derselben, die man erwartet hatte, da unsere humane Regierung sich nicht geneigt zeigte, Ausnahmsbestimmungen gegen einen Theil ihre Unterthanen anzubahnen, auch die bayrischen und preußischen Grenzbehörden, welche man zu einem gemeinsamen Vorgehen beim Reichstage zu bewegen suchte, wiesen eine Alliance zurück. Die katholische Presse, besonders Germania, Fuldaer Zeitung, auch der evangelisch pietistische zu Eisenach erscheinende „Bote von der Wartburg", der in cordialer Weise mit seinen Gesinnungsgenossen zu rivalisiren versucht, versäumten nicht, die Judenhetze auf jede mögliche Weise zu nähren. Vor einigen Monaten fand es nun die Bezirksdirection zu Dermbach, welche zugleich die Aufsichtsbehörde für die Israeliten des Großherzogthums bildet, für angezeigt, eine Broschüre, betitelt: „die Agitation gegen den Wucher im Eisenacher Oberlande" zu verbreiten, in welcher eine actenmäßige Darstellung die Entwickelung des Wucherthums und die dagegen angewandten Maßregeln gegeben und zu weiteren Maßnahmen angeregt wird. Auch in dieser Brochüre wird der Juden in keiner angemessenen Weise gedacht und werden dieselben für alle socialen Gebrechen und Krisen der Gegenwart, so weit das Oberland dabei in Frage kommt, verantwortlich gemacht. Die in dem erstgenannten Pamphlete „Vorschußvereine und Wucherjuden" gegen das Judenthum geschleuderten Pfeile werden hier behördlich, wenn auch in anständigerer Form zugespitzt und bedenkliche Discreditirung der Juden überhaupt vorbe- Herr Landrabbiner Dr. Croner aus St. Lengsfeld hielt es nun für angemessen, aus feinem bisherigen Schweigen herauszutreten und ist von demselben dieser Tage eine Erklärung in Bücherform, betitelt: „Judenhaß und Nächstenliebe", veröffentlicht worden, in welcher in geschickter Weise die gegen das Judenthum geführten Schläge parirt werden. (Der Herr Corresp. giebt nun eine Analyse der ged. Broschüre, die jedoch bereits in dem vorhergehenden Art. geliefert worden. Red a c ti o n.) Leipzig, 2l. Nov. (Privatmitth.) Der Vortrag Bam-