Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1878)
- Date
- 1878-12-03
- Page
- Seite 774 (sequence 6)
- Language
- German
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774 annehmlicheres und zugleich kräftigeres, als den erwachten Handelsgeist, der ja im ganzen Alterthum noch stärker als in der Neuzeit einen internationalen Zug hatte und demgemäß in andere Länder lockte, Colonien anzulegen war ja ein Charakteristicum des antiken Handels; auch begegneten wir gar nicht wenigen jüdischen Ansiedelungen, die nur hieraus sich gut erklären ließen, und schließlich die jüdische Diaspora jener Zeit, soweit wir sie verfolgen und überblicken konnten, erstreckte sich doch nur über Länder, Städte, Inseln von blühendem Handel, aus Gegenden ohne solchen taucht fast kein einziger Name eines damaligen jüdischen Wohnsitzes auf — das kann wohl nicht zufällig sein. Hieraufhin möge in diesem abschließenden Rückblicke verstattet sein zu wiederholen, daß die große Verbreitung Israels und seine immer allgemeiner gewordene Handelsthätigkeit unbestreitbar wechselseitig auf einander gewirkt haben: die letztere führte es in immer mehr Ortschaften des nämlichen Landes, sowie aus diesem in immer größere Fernen, und umgekehrt die hierdurch vermehrte Zerstreuung Israels, verbunden allerdings mit der Vorliebe für das Uebersiedeln nach Handelsorten oder in mercantilisch vorteilhafte Gegenden, lud immer mehr Juden, die bis dahin in anderer Weise sich zu ernähren gesucht hatten, zu diesem Fache ein." — Der zweite, nicht geringere Werth des Werkes besteht in den Untersuchungen über die einzelnen bezüglichen Gegenstände, z. B. über die Erzeugnisie der Natur und Industrie, Zölle, Handelsrecht, Geldarten, Gewichte und Maße, Preise u. s. w. Wir können an dieser Stelle auf Details nicht eingehen; Manches wird immer fraglich bleiben, mit mancher Auffaffung können wir uns nicht übereinstimmend erklären. Wir wollen aus der Einleitung nur bemerken, daß, wo die mosaische Gesetzgebung so bestimmt auf Ackerbau und Viehzucht hinweist, die Bestimmung der Abendgrenze mit dem Mittelländischen Meere 4 Mos. 34, 5. 6 nicht erweisen kann, daß Moses auch Handelszwecke im Sinne gehabt; ferner daß die 13 Edelsteine an der Gewandung des Hohenpriesters und die Thachaschfelle keinen Beweis liefern, in die Vorschriften über die Stistshütte habe sich die Phantasie eingemischt, denn einerseits kennt man weder die Edelsteine, noch die Thachaschfelle, um sie durchaus als kostbar und aus entlegener Ferne stammend bezeichnen zu dürfen, andererseits war in Aegypten schon damals eine solche Ansammlung von Kostbarkeiten und eine so große Kunstfertigkeit in deren Behandlung vorhanden, daß das ganze ausgewanderte Volk Wohl im Besitz einer so kleinen Zahl ausgezeichneter Gegenstände sein konnte, und sie willig für das Heiligthum zum Opfer brachte. Hatte doch Altägypten schon Bergbau nach Edelsteinen in der sinaitischen Halbinsel, und da die Namen der Stämme in diese Edelsteine eingegraben werden sollten, sind hierdurch schon die kostbarsten und seltensten ausgeschlossen. Doch dies sind nur wenige Muthmaßungen, die sich Herzfeld gestattet, während er sonst überall auf dem festen Boden des unzweifelhaften Materials steht. Gewiß wird ihm die Anerkennung für diese verdienstvolle Arbeit nicht fehlen. 2D&Lbiui^j| 6it<xcfeticßtew/. Deutschland. Berlin, 20. Nov. (Privatmitth.) Das Bild, welches gegenwärtig das deutsche Reich bietet, hat der Schatten mehr als des Lichtes auszuweisen. Der schwere Druck der finanziellen und gewerblichen Verhältnisse, der unermüdliche Kampf der Ultramontanen gegen das Reich, die Wühlereien der Socialisten und die Parteizwiste auf wirthschaftlichem Boden verdüstern jede Aussicht und liegen wie ein Alp auf allen Geistern. Einer der dunkelsten Züge ist aber der schmachvolle Judenhaß, der sich, jedoch nur in Deutschland, überall wieder vordrängt. Die unaufhörlichen Hetzereien der Ultramontanen, Pietisten und Deutschconservativen haben, da das deusche Volk einmal zum Vorurtheil und Clasienzwist hinneigt, eine allgemeine Wirkung geübt, wie man sich nicht verhehlen kann, und eine Strömung gegen die Juden hervorgebracht, welche vorerst nicht einflußlos bleibt. Die protestantischen Pietisten gehen dabei von wirklichem Religionshaß aus, da sie es keinem Juden vergeben, sich nicht haben taufen zu lassen. Für die Ultramontanen ist es nichts als eines der Mittel, um sich und ihrem Syllabus möglichst die Herrschaft zu verschaffen. Die Deutschconservativen endlich wollen die Rechtsgrundsätze des modernen Staates verächtlich machen, um sie zu beseitigen und die alten Zustände wieder herzuftellen. Zuerst versuchte man das Volk zu Judenhetzen aufzuregen; da dies mißlang, beabsichtigte man, Gesetze gegen die Juden wieder hervorzurufen; da auch dies bisjetzt nicht erreichbar war, wühlt man wenigstens dauernd und will den neugeweckten Judenhaß wenigstens nicht wieder einschlafen lassen. Ein Bild hiervon gab am vorigen Dienstag eine Versammlung des hiesigen „Vereins der Centrumspartei," worüber die „Fr. Z." berichtet: „Unter den eingegangenen Fragen befand sich auch die, ob nicht auch Gesetze gegen die Juden zu erlaffen seien, und ob die Juden nicht reichsgefährlicher als die Jesuiten seien. Der Abg. Creme r, eins der vorgeschrittensten liberalen Mitglieder der Centrumsftaction, meinte, daß der größte Theil unserer neueren Gesetzgebung von jüdischem Geiste und jüdischer Moral durchdrungen sei. Cremer erklärte sich zwar gegen Ausnahmegesetze gegen die Juden, trug aber kein Bedenken, die Juden-