Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1878)
- Date
- 1878-12-03
- Page
- Seite 772 (sequence 4)
- Language
- German
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772!P ■Ji tM ■5v( f n Gesellschaft und Individuum und wurde nnr eine Religion des Individuums. Im Judenthume war es daher Religion, die großen Grundsätze der gesellschaftlichen Ordnung, des Rechts und der Freiheit auszusprechen und festzustellen. Hatten nun diese Principien in den verschiedenen Zeiten nach den geschichtlichen Verhältnissen Specialformen angenommen, so war es unsre Sache, im Bewußtsein der modernen Welt jene Grundsätze geltend zu machen, theils wie sie vom Mosaismus her in allgemeiner Fassung ausgesprochen, theils wie sie aus den Specialformen herauszulösen waren. Der Erfolg war ein allgemeiner, und diese Anschauung fand seitdem auf der jüdischen Kanzel wie in der Literatur so vielen Ausdruck, daß sie als fest begründet angesehen werden muß. (Schluß folgt.) des Mittelalters die eigentliche Vermittelung zwischen den Völkern, zwischen Orient und Occident, das thatsächlich internationale Element ausmacht. Diese geschichtliche Thatsache stößt das ganze Axiom von der alleinigen Bildungsherrschaft der geographischen Verhältnisse auf den Genius eines Volkes um. Die dieser Erscheinung zu Grunde liegenden Facten waren längst bekannt, aber, wie Alles, wurden sie in neuerer Zeit in Zweifel gezogen, und nicht blos Pamphletisten, sondern auch sogenannte Culturhistoriker wollten schon die alten Hebräer zu Handelsleuten stempeln und gaben, allerdings böswillig, die Hebräer in Aegypten für die Pferdehändler der Pharaonen aus. Männer wie Dumesnil-Marigny wandten den größten Scharfsinn auf und scheuten arge Textverdrehungen nicht, um einen Welthandel nachzuweisen, wo kaum ein Binnenhandel stattgefunden. Es ist daher von allgemeinem, wie fpeciellem Interesse, daß ein ebenso an Sachkenntniß, wie an Scharfsinn reicher und völlig unbefangener Gelehrter eine gründliche Geschichte des Handels der alten Israeliten, später Juden, bis in die Zeiten der Diaspora hinein verfaßte. Wir meinen das soeben erschienene, sehr interessante Werk: „Handelsgeschichte der Juden des Alterthums. Aus den Quellen erforscht und zusammengestellt von I)r. L. Herzfeld, Landrabbiner von Braunschweig. Braunschweig 1879. I. H. Meyer." Wir sagten „unbefangen". Denn Herzfeld ist dies seiner ganzen Methode nach. Er untersucht und prüft streng objectiv und mit großer Umsicht die Quellen, zieht daraus scharfsinnig, jedoch ohne Prätension und Künstelei Folgerungen und Schlüsse, und stellt diese Untersuchung mit ihren Resultaten in der einfachsten und schlichtesten Weise dar. Ihm liegt jede Polemik, selbst in sachlicher Beziehung fern: die Sache muß durch sich selbst sprechen, die Gegner von selbst widerlegen. Herzfeld ist daher ein Gelehrter, dem man mit vollem Vertrauen folgen kann, da er von keiner vorausgefaßten Meinung ausgeht und keine Hypothesen sucht, die Phantasie und irgend welche Herzensneigung nicht spielen läßt. Um so entschiedener erhalten seine Resultate eine wenig anfechtbare Geltung. Dies ist auch im vorliegenden Werke der Fall, und um so mehr, als, wie es in der Tendenz seines Vorhabens natürlich war, er nach den Spuren des Handels, wo sie sich irgend entdecken ließen, zu suchen hatte und suchte, und in Folge dessen auf manches geringe Moment einen Nachdruck legte, den es in solchem Hierin nun liegt der erste Literarischer Wochenbericht. Bonn, 19. Nov. Die Geschichte der Juden bietet in den weilen Zeiträumen, die sie umspannt, nicht blos Probleme, sondern trägt auch zur Lösung von Problemen bei. So wurde eine Zeitlang und wird von gewichtigen Männern noch jetzt behauptet, daß die natürliche Beschaffenheit eines Landes auf die genetischen Anlagen eines Volkes, auf dessen Befähigung, Beruf und Geschick den allein bestimmenden Einfluß übt, der eigentliche Factor seiner Geschichte sei. Das jüdische Volk liefert den vollständigen Gegenbeweis und zeigt unwiderlegbar die Falschheit dieses Axioms. Der israelitische, später jüdische Stamm war bis zu seiner Zerstreuung aus Palästina nicht allein vorzugsweise, sondern ganz und gar dem Landbau und der Viehzucht ergeben, und sein Handelsverkehr blieb während dieser mehr als anderthalb Jahrtausende befassenden Zeit auf der niedrigsten Stufe, nämlich auf der, welche der unumgängliche Lebensbedarf mit sich bringt. Abgesehen von den positiven Nachrichten, wie sie selbst Josephus zu seiner Zeit noch heranbringt, erweist der Umstand, daß die Israeliten selbst in ihren siegreichen Perioden die Seeküsten nicht zum Ziele ihrer Waffenkämpfe machten, und daß sie nichts thaten, um die großen Handelsstraßen, die vielmehr an ihren Grenzen vorübergingen, durch ihr Land zu ziehen, dieser zwiefache Umstand, sagen wir, erweist unumstößlich, daß dieses Volk von jedem > Maße nicht immer verdiente. Handel-triebe und Handelsgeiste fern war. Mit Einem Schlage! Werth des Werkes. Was der allgemeine Beobachter aus dem wechselt die Scenerie und, hinausgeschleudert aus seinem! Mangel an Nachrichten über Handelsverkehr bei den alten Lande, wandelt es sich in verhältnißmäßig kurzer Zeit und so j Israeliten, aus dem Mangel an Handelsstraßen durch das ziemlich aller Orten in ein Volk von Handelsleuten, versteht i Land und aus dem Wegfall jeder Bewegung des Volkes nach sich, durch die Verhältnisse, in welche es hineingezwungen den Seeküsten folgert, das erweist uns Herzfeld durch die sorgworden, genöthigt; entwickelt aber in diesem, ihm bis jetzt völlig ftemden, ja geradezu widersprechenden Berufe eine seltene Gewandtheit und Lebenskraft, so daß es in der ersten Periode fältigste Prüfung alles vorhandenen Materials. Er unternimmt diese Prüfung, um jeden Keim einer Handelsthätigkeit zu erkennen, findet diesen jedoch immer nur beschränkt, ohne