Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1878)
- Date
- 1878-12-03
- Page
- Seite 771 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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771 lange der Einwand, zu Moses Zeit habe man noch gar nicht' so viel schreiben können und so viel Schreibmaterialien besessen, vorgetragen und mit großer Gelehrsamkeit unterstützt wurde. Als sich später der Einblick in die altäghptischen Bibliotheken eröffnete, wurde dieser Einwand fast lächerlich. Allein die Aufklärung durch gründliche weitere Forschung abzuwarten, war den Jüngern der Hypothesensucht niemals gegeben. Dieser so gearteten Kritik nun, wie sie auf keinem anderen historischen und literarischen Felde in solchem Maße geübt wird, durfte in einem auf positive Wirksamkeit berechneten Bibelwerke kein Raum gegönnt werden, wenn es sich auch dadurch das Uebelwollen der sogenannten Kritiker zuzog. Dahingegen durfte es sich, ohne seinen wissenschaftlichen Grundcharakter zu verlieren, den sicher und zweifellos gestellten Ergebniffen kritischer Forschung nicht entziehen, wie z. B. hinsichtlich des zweiten Theiles des Jesajas, der zwei Theile des Secharjah, des Buches mus an war eine Unterscheidung zwischen der Sittlichkeit der Gesellschaft und der des Individuums niemals zugegeben, vielmehr beide in ihren Principien als identisch und als Consequenz der Gotteslehre selbst angesehen und behandelt. Von 'der Anschauung von Gott, Welt und Mensch, wie sie durch alle Phasen des Judenthums bestanden und sich entwickelt hatte, konnten die Principien, wie sie in der Gesellschaft in politischer und socialer Beziehung geltend sein müßten, gar nicht gelöst und getrennt werden, ohne jener den wesentlichen Charakter und den höchsten Inhalt zu nehmen. War doch vielmehr unserer Zeit die Doppelaufgabe gestellt: die Menschheit dem Judenthume und das Judenthum der Menschheit zu nähern, zum Theil sogar zu erschließen. Verlangte man von der einen Seite die bürgerliche Gleichstellung, so mußte man von der anderen die principielle Stellung des Judenthums! zur Gesellschaft klar zeichnen und gründlich erweisen. Dies Daniel u. s. w. Das Werk, das über ein Jahrzehnt zur durfte jedoch nicht blos als eine antiquarische Frage behandelt Vollendung im Druck bedurfte, fand eine allgemeine Verbreitung, indem es gleich nach Beendigung der ersten Auflage eine zweite und in einigen Theilen eine dritte Auflage erfuhr, so daß es trotz seines hohen Preises (72 Mark) in mehr als 4000 Exemplaren verbreitet ist. Auch blieb es bis heute das einzige umfassende Werk seiner Art, da der an sich treffliche Bibelcommentar des vr. Herxheimer nach einem anderen Plane angelegt, kürzer und mehr auf die bloße Worterklärung gerichtet ist. — Nach derselben Richtung hin wurde später die israelitische Bibelanstalt gegründet, um für das jüdische Publicum und besonders die Schulen Text und Uebersetzung zu möglichst billigen Preisen zu beschaffen, und ebenso den Besitzenden die unübertroffene Hallberger'sche Prachtbibel für Israeliten mit der Gustav Dorischen Galerie übergeben. Aus dieser biblischen Unterlage wurde nun der weitere Ausbau des Lehr- und Gedankeninhalts des Judenthums nach den Anschauungen der Gegenwart angestrebt. Es ergab sich hier ein zwiefaches Ziel. In der mächtigen politischen und socialen Bewegung, welche seit 1830 in Mittel- und Westeuropa hervorgetreten war, mitten in dem beständigen Ringen und Kämpfen um die Neugestaltung der staatlichen Gesellschaft in ihrer äußeren und inneren Verfaffung, mitten in dem Streite der Parteien, welche mit gleicher Heftigkeit vorwärts wie rückwärts drängten, war es ein vollwichtiges Bedürsniß, daß das Judenthüm als solches sich auch über die principiellen Fragen kläre und erkläre. Am Anfänge der vierziger Jahre war von Holdheim und Geiger als der reformatonsche Grundsatz im Judenthume aufgestellt: alles Politische, Sociale und Nationale müsie ausgeschieden und das Judenthum auf das Religiöse und Sittliche beschränkt werden. So bestechend dieser Grundsatz zeitweise auf Diele wirkte, so irrig war er doch, da er sowohl dem Wesen als der ganzen bisherigen Geschichte des Judenthums widersprach. Schon vom Mosaiswerden, sondern man mußte Nachweisen', daß die großen Grundsätze des Rechtsstaates zum eigentlichen und wesentlichen Leben des Judenthums in seiner Lehre und seiner Geschichte gehören und darin wirksam waren. Die Bahn hierzu hatte bereits Jos. Salvador durch seine Geschichte der mosaischen Institutionen;1S-!S) eröffnet. Es galt, die von ihm begrenzte Frage zur allgemeinen, über das ganze Judenthum sich erstreckenden Frage zu erheben und dieselbe in ihrer Allgemeinheit, in ihrem Verhältniß zur Vergangenheit und Gegenwart ersaffen. Am angemeffensten erschien hierzu die Form öffentlicher Vorlesungen, welche nach einer glücklichen Durchführung durch die Preffe zu verbreiten waren. Dieselben, unter dem Titel „Die Entwicklung der religiösen Idee im Judenthum, Christenthum und Islam" und „Die Religion der Gesellschaft'" und „Reden Wider den Unglauben" fanden auch in England und Frankreich durch Uebersetzungen einen weiten Wirkungskreis. Ter Gedanke der consequenten Einheit der Gotteslehre mit der Lehre von der Gesellschaft und dem Individuum und die Feststellung der im Judenthume gegebenen ethischen, politischen und socialen Principien wurde nachmals in zahlreichen Leitartikeln der A. Z. d. I., in der Zusammenstellung und Weiterbearbeitung der letzteren in den „Weltbewegenden Fragen" verfolgt und endlich in der systematischen Darstellung der israelitischen Religionslehre zum vollsten Recht gebracht, entgegengesetzt der bisherigen Behandlung der Ethik in den jüdischen Lehrbüchern. — Gerade hier war es, wo, abgesehen von den Dogmen, die Differenz zwischen Judenthum und Christenthum an's Licht trat. Denn das erstere, schon indem es geschichtlich mit der Bildung und Entwicklung einer Nation und eines Staates sich befaßte, war eine Religion der Gesellschaft und des Individuums in ihr; das Christenthum hingegen, welches alle Völker sich aneignen wollte und deshalb den heidnischen Staat bestehen ließ, wie er war, trennte ■1U*