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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1878-12-03 · Heft 49 (3.12.1878) · p. Seite 770

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
42 (1878)
Issue
Heft 49 (3.12.1878)
Date
1878-12-03
Page
Seite 770 (sequence 2)
Language
German
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770 bestanden hatte, auch im Judenthume ein. Aber um so nochwendiger war es, die autoritative Grundlage, die wir in der heiligen Schrift besitzen, neu zu beleben und zu stärken. Auf diese waren die religiösen Anschauungen und Ueberzeugungen zurückzuführen, ihr VerstLndniß zu erweitern und von der Stufe, auf welcher dieses seit langen Zeiten stehen geblieben, zu erhöhen, um den ganzen Lehr- und Gedankenschatz mit neuem Geistesschwung zu heben. — Es war auf diesem, dem Judenthume doch so unentbehrlichen Gebiete überaus wenig geschehen, und dies Wenige hatte sich nur geringer Verbreitung, also auch geringer Wirksamkeit zu erfreuen. So mächtigen Einfluß die deutsche Uebersetzung des Pentateuchs durch Mendelssohn seiner Zeit geübt, und zwar besonders dadurch, daß zahllose Juden an ihr deutsch gelernt, so hatte doch Niemand sein Werk fortgesetzt. Die Psalmen, der Prediger und das Hohelied waren noch von ihm übertragen, die Sprüche Salomo von Euchel; die zwölf kleinen Propheten und Daniel von den Dessauer Gelehrten waren gefolgt. Allerdings hatte Salomon Kohen 1624 die ganze Bibel übersetzt; diese Uebersetzung blieb jedoch ganz unbeachtet, was sie auch größtentheils verdiente. Erst 1837 begann G. Salomon und 1838 Zunz eine Uebersetzung der heiligen Schrift herauszugeben, beide ohne den Text, was ihrer Verbreitung sehr hinderlich war. Schon 1835 faßte ich daher den Entschluß, in deutscher Sprache einen ersten umfasienden Commentar der ganzen Bibel aus jüdischer Feder zu verfassen und herauszugeben, und traf die Vorbereitungen. Die leitenden Gedanken des Unternehmens waren: die hauptsächlichen Ergebnisie der exegetischen Forschungen sowohl aus den alten Uebersetzungen und den jüdischen Commentatoren, als auch aus den hervorragendsten christlichen Exegeten zu jedem Verse der Schrift zusammenzustellen, aus der großen Reiseliteratur über die betreffenden Länder, sowie aus naturwisienschaftlichen Werken erläuternde jüdische Publicum, als auch für den studirenden und forschenden Theil desselben, insbesondere für die Lehrerwelt bestimmt; die Darstellung mußte daher nicht blos faßlich, sondern auch anziehend, den Geist erhebend und erwärmend sein. Eins trat deshalb als Bedingung auf, nämlich den gelehrten Apparat aufzuopfern. Bei der größten Gewissenhaftigkeit, jeden Autor bei der Meinung, die von ihm angeführt wurde, zu nennen, mußte doch das Citiren von Büchertiteln und Seiten in Wegfall kommen und durfte dies um so eher, als der weiter Forschende leicht in jedem bibliographischen Werke den Nachweis findet. Daß hierdurch bei den Zunftgenoffen das Werk weniger Würdigung fände, mußte als ein Opfer für die gute Sache übernommen werden. Eine Hauptftage war hier noch: wie man sich zur biblischen Kritik verhalten wolle? Diese Bibelkritik stand bereits in der christlichen Welt in üppiger Blüthe; es war aber auch schon genug davon in die jüdischen Kreise eingedrungen und man konnte voraussehen, daß sie auch hier bald wuchern werde. An sich wäre dies gewiß nur vortheilhaft gewesen. Hatte sich doch im Judenthume die Exegese einer großen Freiheit zu erfreuen gehabt und nur in den letzten Zeiten hatte der Mangel au schöpferischem Geiste sich ängstlich an die großen Commentatoren, namentlich Raschi, geklammert. Aber die moderne Bibelkritik war schnell in eine Hypothesenjagd ausgeartet, welche eine bodenlose Verwirrung herbeiführte und in immer weiterem Verlaufe diese anstatt zu lösen, nur immerfort vergrößern sollte. In einem mannigfaltigen Knäuel standen sich bereits die Hypothesen gegenüber; eine widersprach der andern und die dritte den beiden vorgängigen, jede trat aber mit der Miene zweifelloser Zuverlässigkeit auf; die Urkunden wurden nach allen Seiten hin zerschnitten und unter einander geworfen; aus einem einzigen Momente wurde ein Fundament gemacht und von da aus die gesammte heilige Schrift gemeistert und die Geschichte recon- Notizen hinzuzufügen, dann aber das VerstLndniß des Textes > struirt, d. h. zumeist auf den Kopf gestellt. Dabei hielt mau nach eigener Auffaffung und vom wissenschaftlichen Standpunkte > sich fast immer an ganz äußerliche Motive; anstatt zu bedenken, zu geben. Diesen Erklärungen sollten zahlreiche Illustrationen! daß Schriften, deren heutige Gestalt erst nach vielen Jahrzu Hülfe kommen, jedoch nicht etwa Phantasie- und Kunst-! hunderten so fixirt wurde, daß nichts daran mehr geändert gebilde, sondern nur solche, welche antiquarischen, topographischen j werden konnte, immerhin einige Einschiebsel, Glossen und und naturhistorischen Zwecken dienten. Allein hiermit wäre Wortveränderungen hätten erfahren können, hob man irgend das vorgesteckte Ziel doch nur zum Theil erreicht worden.: welchen äußerlichen Widerspruch, auch noch so kleinlicher Att, Dies sollte vorzugsweise auch darin bestehen, den wahren! hervor, um ihn zur Basis einer völlig umgestaltenden Fassung biblischen Geists und die religiös-sittlichen Tendenzen der hei-> zu machen — aus den Geist und den inneren Zusammenhang ligen Schrift zum Bewußtsein zu bringen. Der geistige Zu- { gab man nichts. Hierzu kam, daß man noch nicht einmal von sammenhang, der innere einheitliche Charakter sollte überall * sorgfältiger und umfassender antiquarischer und historischer an's Licht treten; aus diesem Gesichtspunkte sollten die be- Kenntniß unterstützt war, denn man weiß, daß Aegypten und richteten Thatsachen beleuchtet und an den betreffenden Stellen Assyrien erst später in den letzten Jahrzehnten wirklich erdas Gesetz und die Lehre übersichtlich und zusammenhängend; schloffen worden und das letztere noch heute geringe Sicherheit dargestellt werden. Hierzu sollten auch Einleitungen in jedes bietet. Dies verhinderte aber nicht, die luftigsten Hypothesen Buch und zu einigen Büchern auch Schlußbetrachtungen dienen^ mit Zuversicht vorzuttagen und derartiges Verfahren gab man Der ganze Commentar war sowohl für das gesammte gebildete1 für wissenschaftliche Kritik aus. Man erinnere sich z. B., wie

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