Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 42 (1878)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1878)
- Date
- 1878-11-26
- Page
- Seite 763 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3227177-3227226--36727-3306802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
763 Bonn, 17. Nov. (Notizen.) Der „33unt> schreibt aus Zürich: Fräulein Fanny Berlin aus Petersburg, welche während mehrerer Jahre an unsrer Hochschule studirt hatte, bestand heute das juristische Doktorexamen vor der hiesigen Facultät mit ausgezeichnetem Erfolge; dieselbe erlangte die erste (nicht häufig ertheilte) Note summa cum laude. Damen das Studium der Medicin und der Naturwisienschaften mit Erfolg betreiben zu sehen, ist man heutzutage schon gewohnt. D agegen ist es sehr selten, daß dieselben sich an das Studium der Jurisprudenz wagen und es ist das juristische Doctorexamen einer Dame nicht nur das erste an der hiesigen Hochschule, sondern Wohl auch eines der ersten an den continentalen Facultäten überhaupt. — Unsere Notiz aus Königsberg in vor. Nr. müssen wir dahin ergänzen, daß von Seiten der Regierung an den Magistrat das Gebot ergangen ist, die Büste Johann Jacoby's aus dem Sitzungssaals der Stadtverordneten zu erntfernen. Man sagt, daß dies mit der Hinweisung motivirt worden, Jacoby habe zu den Socialisten gehört. Dies kann man doch Wohl geradezu nicht behaupten, denn obschon er gegen Ende seines Lebens Wohl eine gewisse Hinneigung zum Socialismus aus seinem Wunsche, dem leidenden Volke zu helfen, heraus, gehabt hat, so war er doch fern davon, den die Grundsäulen der Gesellschaft umstürzenden Principien des Socialismus zu huldigen. Eher möchten wir behaupten, daß Jacoby trotz oder wegen seines klaren Verstandes sich in Verlegenheit gefunden hätte, wenn man ihn ernstlich über die Mittel zur Lösung der socialen Frage consultirt hätte. Es ging ja Börne gerade ebenso. Jndeß hat Jacoby vom Anfang bis zum Schlüße seiner öffentlichen Wirksamkeit so sehr in Opposition zur Regierung gestanden, daß man um! eine Erklärung jenes Regierungsbefehles nicht verlegen zu sein braucht. — Man schreibt uns aus Mongrowitz vom 11. Nov. Am 9. d. M. verstarb der erste Lehrer der hiesigen jüdischen Elementarschule, Herr Bernard Marcuse im Alter von 51 Jahren. Der Verblichene hat treu und ehrlich sein Amt in hiesiger Gemeinde 30 Jahre verwaltet, und sich die Liebe und Achtung seiner Gemeindemitglieder und Schüler während dieses langen Zeitraumes erworben. Am Grabe des Verblichenen sprach der vom hiesigen Schulvorstande herbeigerusene Or-. Pleßner aus Rogasen, welcher die Verdienste des wackern Mannes in beredten Worten würdigte. Alsdann sprach der Königl. Kreisschulinspector Herr Gaertner, welcher, als der Vorgesetzte des Verstorbenen, im Namen der Lehrer ihn als einen tüchtigen und guten Collegen schilderte. Mit dem Tode dieses wackern Mannes ist gleichzeitig eine Neuerung in hies. Gemeinde eingeführt worden, welche ohne Störung vor sich ging. Derselbe hinterließ in seinem letztwilligen Wunsche, daß sein Leichnam in einem Sarge zur letzten Ruhestätte getragen und beerdigt werde, und diesem Wunsche ist man von allen Seiten bereitwilligst entgegengckommen. Es ist wohl anzunehmen, daß sich viele Nachahmer finden werden.*) In vor. Nr. berichteten wir, daß Herr Rabb. Dr. Levi in Gießen am 7. Nov. sein 50jähriges Doctorat feierte, und ihm die dortige philosophische Facultät das erneuerte Doctordiplom übersandte. Es wird interessiren, die Form zu lesen, in welcher dies geschehen. Der betr. Paffus des Diploms lautet: „Yiro nobilissimo atque doctissimo Benedicto Levi Philosophiae Doctori ordinis Hassiaci Ludovici in secunda classe Equiti sacerdoti bibliorum talmudicaeque disciplinae peritissimo ac de eorum qui quidem eandem profitentur religionem animis bene merito qui per quinquaginta fero annos rabbinici muneris offieiis functus nunc totius provinciae Hassiacae superioris coetui Judaico praepositus est et cum omnium laude sacrum magisterium administrat summos in philosojdiia honores ante haec decein lustra rite impetratos ipso horum die anniversario in sempiternam eius laetissimi diei memoriam publice hoc diplomate instauravit.“ Unter der Einwirkung des gelben Fiebers ereignete es sich in der Stadt Memphis (Teneffee), in welcher ungefähr 4000 Juden wohnten, daß an Rosch-Haschanah und Jom-Kippur in dem großen Tempel sich nur — 18 Beter einfanden, von welchen 9 das Fieber hatten und 3 von außen gekommene Krankenwärer waren. Der bei weitem größte Theil der Bewohner war der Unglücksstätte entflohen, ein beträchtlicher Theil der Seuche zum Opfer gefallen und Viele scheuten die Berührung mit anderen Menschen. — Wir bemerken ergänzend, daß bei den Auszeichnungen gelegentlich der Weltausstellung zu Paris Joseph Israels, der berühmte holländische Maler, zum Offizier der Ehrenlegion ernannt wurde und zugleich die goldene Medaille erhielt, zu Rittern der Ehrenlegion der russische Bildhauer jüdischer Religion Antokolski und der Juwelier L. A. Gold sch midt aus London. Auch 7 eingeborene Israeliten aus Algerien erhielten Auszeichnungen und zwar wegen landwirthschafilicher Producte. — Zwischen den Redacteuren der „jüdischen Presse", des „israelit. Boten" und des „isr. Gemeindebl." schweben jetzt scandalöse Jnjurienproceffe in Berlin und Bonn — ist das nicht ein erbaulicher Spektakeln! Es versteht sich, daß wir unsere Leser mit Berichten über diese Händel, bei denen es sich nur um Persönlichkeiten handelt, verschonen. — 1) Man gestatte uns gelegentlich die Bemerkung, daß wir schon öfter Klagen über Kürzungen erfuhren, die wir Berichten über Feierlichkeit aller Art widerfahren ließen. Es ist ja natürlich, daß der, welcher einer Feier beiwohnt, von der Bedeutung derselben, und feinen Empfindungen so erfüllt ist, daß er ihnen vollen Ausdruck geben will. Allein die Beschränktheit des Raumes bei großem Stofsandrang zwingt uns, solche Berichte möglichst zu kürzen, und ihnen nur insoweit größern Raum zu gewähren, als sie auch ein allgemeines Interesse enthalten. Die Redaction. 48*